Elena Ferrante

Fliehen oder bleiben?

Die Autorin setzt mit »Die Geschichte der getrennten Wege« ihre Neapolitanische Saga fort

11.10.2017 – von Judith LuigJudith Luig

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Beim Aufschlagen des Buches fällt dem Leser eine Postkarte entgegen. »Die Neapolitanische Saga: Das große Finale« steht da über einem leuchtenden Abendhimmel. Darunter zwei Frauengestalten, die sinnend Richtung Vesuv blicken. Über diese zwei Frauen – wer sie sind, was sie begehren, wie sie verschiedene Richtungen einschlagen und doch immer das Spiegelbild der anderen bleiben –, darüber wurde im vergangenen Sommer heiß gestritten.

So intensiv und so leidenschaftlich wie schon lange über kein Buch mehr. Und nun soll alles vorbei sein? Der Suhrkamp Verlag blickt schon aufs Finale im Februar 2018, dabei halten wir doch gerade erst den dritten Teil des schriftstellerischen Mysteriums Elena Ferrante in den Händen: Die Geschichte der getrennten Wege.

Familie Der erste Band, Meine geniale Freundin, erzählte von zwei im August 1944 in einem neapolitanischen Armenviertel geborenen Mädchen, die in Rivalität und Nähe aufwachsen. Eine außergewöhnliche Intelligenz verbindet die beiden, doch während die Eltern von Elena ihr die Schule finanzieren, wird Lina von ihrer Familie schon früh zum Arbeiten gezwungen. Nun sind sie erwachsen geworden. Die ersten Lieben sind geliebt, und die Träume von dem, was aus ihnen einmal werden könnte, sind ernüchtert.

Wie auch schon in den Vorgängern verwebt Ferrante wieder persönliches Erleben mit der Zeitgeschichte, aber diesmal fällt diese Verknüpfung klarer und härter aus. Das liegt an der Zeit, die sie behandelt, 1969 bis 1976 – Jahre, in denen die Studentenrevolte die halbe Welt umwirbelte und in denen besonders in Italien Rechts uns Links mit voller Wucht aufeinanderprallten. Aber es liegt auch an der konsequent weiblichen Perspektive, aus der heraus Elena Ferrante diese beiden Leben erzählt. Und die ist bei Ferrante die Perspektive der Unterdrückten.

entfremdung Lina arbeitet bis zur Erschöpfung in einer Wurstfabrik und entfremdet sich von ihrem Kind, Elena scheitert an ihrem zweiten Roman, vereinsamt in einer lieblosen Ehe mit einem faden Professor aus gutem Hause, den die Studentenrevolte überrennt, und ist selbst überfordert von ihren beiden Kindern. Doch »getrennt«, so wie es der Titel suggeriert, sind ihre Wege nicht. Im Gegenteil. Sie spielen unterschiedliche Möglichkeiten des Lebens durch. Der dritte Teil ist in der Struktur dem zweiten gleich, und auch die Motive wiederholen sich.

Lina hat ihren brutalen Ehemann und auch ihren Geliebten verlassen, sie hat sich jeglicher Abhängigkeit von einem Mann verweigert. Als ihr Chef, der Wurstfabrikant, sie im Lagerraum befingern will wie eine Salami, schlägt sie ihm die Lippe blutig. Da ist sie wieder, die unerschrockene, kompromisslose Lina, die Außenseiterin, die alles mit ihrem kühlen Blick betrachtet. Doch sie ist gebrochen, erschöpft von der harten Arbeit. Der Arbeiterbewegung, diesem »Männerkrieg«, misstraut sie. Sie lernt programmieren und spielt mit dem Gedanken, wieder zurück in ihr altes Viertel zu ziehen – auch wenn sie weiß, dass dort die Camorra wartet. Hier die Kommunisten, dort die Faschisten, jeder will sie auf seine Seite ziehen.

Und Elena ist wie gewohnt die Strebsame. Sie besucht die Schauplätze der Revolte nun als gefeierte Autorin eines Romans und mehrerer Artikel für die linke Zeitung Unità, sie macht sich Gedanken zu eigen, die nicht die ihren sind, und arbeitet eifrig daran, ihrer proletarischen Herkunft zu entkommen, selbst wenn das bedeutet, einen Mann zu heiraten, der sie intellektuell und sexuell langweilt. Doch auch sie bleibt eine Außenseiterin. Mehr als selbst etwas zu denken oder zu fühlen, übt sie sich in Simulation.

Der italienische Originaltitel, grob mit »Die Geschichte von einer, die flieht, und einer, die bleibt« übersetzt, kommt der Idee, die diese Erzählung sehr konsequent zu verfolgen scheint, näher. Kann, wer in den 40er-Jahren in einem von der Camorra beherrschten Elendsviertel geboren wird, diesem entkommen? Und wenn ja, auf welchem Weg? Durch Bildung? Durch Heirat? Durch Kampf?

Pasquale und Nino, die Kinderfreunde von Lina und Elena, können es, oder glauben zumindest, dass sie es können. Der eine ist Arbeiter, wird Parteisekretär bei den Kommunisten und kämpft auf der Straße, der andere ist Akademiker, schreibt lange Artikel und kämpft in der Studentenrevolte. Doch Lina und Elena, beide Frauen, beide Mütter, scheinen größere Schwierigkeiten damit zu haben, ein Leben jenseits der Fremdbestimmung zu finden.

revolte Es ist viel, was sich Ferrante in diesem dritten Band vorgenommen hat. Es geht um Klassenkampf, um die Arbeiterbewegung, um die Studentenrevolte, es geht um unmenschliche Produktionsbedingungen, um Gewalt in der Ehe, es geht um die Pille, um den weiblichen Orgasmus, um kindliche Sexualität, und dann natürlich noch darum, dem Kanon männlicher Bildungsromane aus dem 20. Jahrhundert etwas entgegen zu setzen.

Die italienisch-jüdische Schriftstellerin Anita Raja – die hinter dem Pseudonym Elena Ferrante steckt – ist eine große Erzählerin, aber in diesem Roman will sie zu viel. Und so gelingen ihr zwar einzelne besondere Momente, doch da die irgendwie zusammengehalten werden müssen, zwingt sie ihre Figuren zu oft zu schnell zu unmotivierten Haltungswechseln.

Interessant wäre es gewesen, den beiden so verzweifelt um ihre Identität kämpfenden jungen Frauen ältere oder auch jüngere Gegenbilder entgegen zu setzen. Doch für eine ernsthafte Auseinandersetzung bleibt kein Platz, stattdessen galoppiert die Erzählung durch die mühsame Ehe Elenas. Und so bleibt man am Ende des Romans, in dem es so ausgiebig um schlechten Sex ging, unbefriedigt und blickt, wie der Verlag, erwartend in Richtung Finale.

Elena Ferrante: »Die Geschichte der getrennten Wege«. Band 3 der Neapolitanischen Saga. Roman. Suhrkamp, Berlin 2017, 540 S., 24 €

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