USA

Der stille Rebell

Josh Kushner ist der Bruder des Trump-Schwiegersohns. Politisch liegt er auf anderer Linie und setzt auf Obamacare

28.09.2017 – von Katja RidderbuschKatja Ridderbusch

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Josh Kushner ist einer, der lieber zuhört als redet. Der lieber beobachtet als das Wort führt. Der das Rampenlicht eher meidet als sucht. Das funktionierte auch ganz gut, bis zur Nacht vom 8. auf den 9. November 2016, der Wahlnacht in Amerika. Seither steht Josh Kushner vor einem sehr öffentlichen Dilemma und einem sehr persönlichen Konflikt, der das Zeug für ein Drehbuch à la Hollywood hat.

Joshua Kushner, 32, ist Chef der Wagniskapitalfirma Thrive Capital und Mitgründer des digitalen Krankenkassen-Start-ups Oscar Health, das im Windschatten von Obamacare entstand, der Gesundheitsreform des früheren US-Präsidenten. Außerdem steht er, wie er mehrfach erklärte, den Demokraten nahe.

Josh Kushner ist aber auch der jüngere Bruder von Jared Kushner, dem Schwiegersohn und Berater von Donald Trump. Der wiederum hatte von der ersten Wahlkampfstunde an geschworen, Obamacare zu kippen. Das ist bislang zwar noch nicht passiert. Vier Versuche der Republikaner im Kongress, Obamacare zu ersetzen, scheiterten am Widerstand in den eigenen Reihen. Doch Trump will nicht aufgeben und kämpft auch nach der Sommerpause gegen das verhasste Gesundheitsgesetz.

Prinzipien »Es ist kein Geheimnis, dass ich mich immer von linksliberalen politischen Prinzipien habe leiten lassen«, sagte Joshua Kushner in einem seltenen Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Forbes. »Aber keine Partei hat das Monopol für konstruktive Ideen. Es ist wichtig, offen zu bleiben.«

Bei aller Diplomatie scheut er keine klaren Worte. Ein paar Tage nach Trumps Wahlsieg trommelte der jüngere Kushner die Mitarbeiter von Oscar am Firmensitz im New Yorker Szeneviertel SoHo zusammen, einem massiven Backsteinbau im Rundbogenstil, und räumte mit Spekulationen, Gerüchten und Erwartungen auf: Auch wenn sein Bruder jetzt für den Präsidenten arbeite, habe er selbst keinen besonderen Draht ins Weiße Haus. »Ich bin nicht verantwortlich für die Politik dieser Administration. Und ich bin auch nicht in der Position, Vorteile auszuhandeln.«

Josh Kushner ging schon immer seinen eigenen Weg, nicht spektakulär, sondern still und selbstverständlich. Er ist der Sohn des Industriemagnaten Charles Kushner, dessen Eltern in Weißrussland den Holocaust überlebten und 1949 in die USA auswanderten.

Josh wuchs mit drei Geschwistern in New Jersey auf. Seine Familie achtete die jüdischen Regeln und Traditionen; die Kushner-Kinder besuchten jüdische Schulen. Wie sein älterer Bruder studierte auch Josh an der Harvard Business School, stieg aber anders als Jared nicht in das Familienimperium ein. Bereits als Student gründete er das soziale Netzwerk Vostu, das bis heute in Lateinamerika erfolgreich ist. Nach seinem Abschluss arbeitete er kurz bei der Investmentbank Goldman Sachs und gründete 2009 Thrive Capital. Thrive investierte in eine Reihe erfolgreicher Technologie-Start-ups wie den Musikstreaming-Dienst Spotify und die Fototausch-App Instagram, die Facebook 2012 für eine Milliarde Dollar kaufte. Ferner gründete er mehrere Startups; das prominenteste: Oscar Health.

Selfmademan Josh Kushner ist, soweit das für den Erben eines Milliarden-Dollar-Imperiums überhaupt möglich ist, ein Selfmademan: unabhängig, risikofreudig, erfolgreich. Und auch die Optik stimmt. Er ist hübsch und hip auf eine lässige Art, mit störrischem braunen Haarschopf, dunklen Jeans, schwarzen Edel-Turnschuhen und rotem Kabbala-Band ums Handgelenk. Seit einigen Jahren ist er mit dem Top-Model Karlie Kloss liiert, aber das Paar zeigt sich nur selten in der New Yorker Partyszene.

Die Idee, ausgerechnet ins dröge Krankenversicherungswesen einzusteigen, kam Kushner im März 2012 bei einem Treffen mit seinem Studien- und Geschäftsfreund Mario Schlosser, einem Informatiker und gebürtigen Deutschen. Kushner hatte sich gerade den Knöchel schwer verstaucht, und Schlosser erwartete mit seiner Frau das erste Kind. Die beiden Freunde klagten über das verschlungene Labyrinth des amerikanischen Gesundheitswesens – und über die zähe und zerklüftete Krankenkassenbürokratie.

»Wir haben uns gefragt: Warum zum Teufel verstehen wir all diese Formulare und Rechnungen nicht?«, sagt Schlosser, mittlerweile CEO von Oscar. »So entstand der Plan, eine Krankenversicherung zu gründen, die eine Art Bezugsperson für den Patienten sein soll.«

kapital Josh Kushner steuerte über seine Firma Thrive Capital einen erheblichen Teil des Kapitals, bislang 720 Millionen Dollar, bei – und außerdem den Namen: Oscar. So hieß der Urgroßvater der Kushner-Brüder, der aus dem ehemaligen Galizien stammte.

Mittlerweile mischt Oscar den amerikanischen Versicherungsmarkt kräftig auf. Im Zentrum der Oscar-Welt steht eine Smartphone-App; es gibt keine Makler und keine Filialen. Oscar will eine Krankenkasse mit Erlebniswert sein, die so einfach funktioniert wie ein Instant-Messaging-Service. Sogenannte Concierge-Teams aus je vier Oscar-Mitarbeitern – darunter immer eine Krankenschwester oder ein Krankenpfleger – navigieren die Versicherten per Online-Chat oder Video-Call durch das Gesundheitssystem und koordinieren Termine. Der Versicherte kann via App auch direkt mit einem Arzt Kontakt aufnehmen.

»Oscar hat sich als verbraucherfreundliche Krankenversicherung mit coolem Marketing positioniert«, sagt David Howard, Gesundheitsökonom an der Emory-Universität in Atlanta. Doch der Schwachpunkt sei, »dass das Start-up nur mit einem begrenzten Netzwerk an Ärzten und Kliniken zusammenarbeitet« – und damit sei die Auswahl für Patienten gering.

Policen Hinzu kommt: Oscar ist auf einem relativ kleinen Markt aktiv. Die meisten Amerikaner beziehen ihre Krankenversicherung über den Arbeitgeber. Nur etwa 15 Prozent – vor allem Freiberufler – kaufen Policen auf dem freien Markt, zum Beispiel bei Oscar. Genau das ist der Markt, den Obamacare reformiert hat, mit Online-Börsen für staatlich subventionierte Versicherungen. Obamacare war die Startrampe für Oscar – und liefert bis heute dessen gesetzliche Grundlage.

Dennoch hat sich das Start-up in den vergangenen Monaten nicht von der anschwellenden Angst vor dem Ende von Obamacare anstecken lassen – und für 2018 eine Expansion angekündigt. »Ich bin Optimist«, sagt Schlosser. »Das muss man sein, wenn man eine Versicherung startet.«

Gesundheitsökonom Howard ist überzeugt, dass »die Kushner-Brüder hinter den Kulissen intensiv über Obamacare diskutieren«. Mit dieser Vermutung ist er nicht alleine, doch Jared und Josh Kushner schweigen darüber – in klarer, karger Einigkeit. Überhaupt scheint der Bruderkonflikt mehr Wahrnehmung als Wirklichkeit zu sein. »Jared und ich sprechen jeden Tag miteinander«, betont Josh. Er sagt nicht, worüber – und auch nicht, ob die Frage nach der Zukunft von Oscar den Familienfrieden stört.

Immerhin verbinden ihn, nach seinen eigenen Worten, weder Verantwortung noch Vorteile mit der Administration von Donald Trump. Und so scheint Josh Kushner fest entschlossen, sein Krankenkassen-Start-up auch ohne Familienbande, ohne Geheimdiplomatie und ohne viele Worte zum Erfolg zu führen.

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