Ernährung

Mit Dattelhonig und Sojamilch

Viele Juden leben vegetarisch oder vegan – und erfinden die Feiertagsgerichte ihrer Kindheit neu

20.09.2017 – von Robert KalimullinRobert Kalimullin

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Vor den Feiertagen freut sich Yael Dinur auf die traditionelle Hühnersuppe ihrer Mutter. Es wird eine »vegane Hühnersuppe« geben, wohlgemerkt, doch »es ist sowieso das Gemüse, das der Suppe ihren Geschmack gibt«, ist die junge israelische Historikerin sicher.

Yael Dinur ist nur eine von immer mehr Israelis, die sich entschließen, vegetarisch zu leben, also auf Fleisch – und meist auch Fisch – zu verzichten, oder aber in ihrer Ernährung gänzlich ohne Tierprodukte auszukommen, also vegan zu essen. Da dazu auch tierische Produkte wie Honig, Eier und Milch gehören, sind besonders an Feiertagen wie Rosch Haschana, an denen etwa Honig fester Bestandteil der traditionellen Speisen ist, Alternativen gefragt – Dattelhonig zum Beispiel, Sojamilch und Apfelmus.

In einer 2015 in Israel durchgeführten Umfrage stuften sich 13 Prozent der Befragten als Vegetarier oder Veganer ein – weltweit vergleichsweise einer der höchsten Werte. Andere Studien kommen zwar auf niedrigere Zahlen, aber der Trend zur fleischlosen Kost ist unverkennbar.

broschüre Die Kaschrut-Regeln können für viele Menschen ein Grund für den Fleischverzicht sein, ist Yael Dinur überzeugt. Derzeit arbeitet die Historikerin als Vertreterin der World Zionist Organisation (WZO) in Berlin und ist Beterin in der Synagoge Oranienburger Straße.

Für die WZO hat sie eine Broschüre entwickelt, die über Veganismus und Vegetarismus im Judentum informiert. »Ich denke, eine Menge Juden – wie übrigens auch Muslime – werden einfach sagen, dass sie Vegetarier sind, wenn sie den Ursprung bestimmter Produkte nicht kennen«, meint Dinur. Damit könnten sie Alltagssituationen wie Geburtstagseinladungen oder Firmenfeiern leichter umschiffen, ohne sich erklären zu müssen. Und dennoch – die Verbindung zwischen Judentum und Vegetarismus ist aus Dinurs Sicht tiefer. Dafür erhält sie in jüngster Zeit auch theologische Unterstützung.

Meist sind es heutzutage Vegetarier oder Veganer, die sich für ihre Art der Ernährung rechtfertigen müssen. Dass sich die Frage auch umdrehen lässt, demonstriert der britische Rabbiner David Rosen in einem Anfang 2017 veröffentlichten Essay mit dem provokanten Titel »Gibt es heutzutage überhaupt koscheres Fleisch?«

kälber Rosen, beim American Jewish Committee für die interreligiösen Beziehungen weltweit verantwortlich und zudem Ehrenpräsident der Jewish Vegetarian Society London, beschreibt die Bedingungen der Massentierhaltung, unter denen ein Großteil des weltweit konsumierten Fleisches produziert wird. »Horrorgeschichten«, wie Rosen sie nennt, kommen dabei nicht nur aus Schlachthäusern.

Auch die Erzeugung von Kuhmilch etwa setze voraus, dass Kälber ihren Müttern sofort nach der Geburt weggenommen und Kühe mit Hormonen vollgepumpt werden. Rosens Schlussfolgerung: Praktisch alle Tierprodukte, die derzeit auf dem Markt sind, widersprächen demnach dem jüdischen Gesetz und der jüdischen Ethik, die unnötige Tierquälerei verbietet.

»Und sogar, wenn das Essen dieser Produkte als halachische Pflicht betrachtet würde (was es nicht ist)«, schreibt Rosen, der selbst seit seinem 24. Lebensjahr Vegetarier ist und sich laut eigener Aussage »in die vegane Richtung« bewegt, »wäre es unter diesen Bedingungen eine ›Mitzvah habaah baveirah‹, das Ergebnis illegitimer Mittel, die die Ziele disqualifizieren«.

tempel Kaum ein Fleischgericht kann also als koscher gelten? Rosens Standpunkt ist nicht unumstritten. Auch Yael Dinur, die zum Thema »Judentum und Vegetarismus« Vorträge in Synagogen und bei jüdischen Veranstaltungen wie Limmud hält, trifft mit ihren Ansichten nicht überall auf Zustimmung bei jüdischen Zuhörern. Sie selbst nimmt es gelassen. »Wenn Menschen denken, dass ich ihre Werte angreife, dann verstehe ich, wenn sie ein wenig leidenschaftlich sind«, sagt sie. Ihr Ziel sei es nicht, »dass Menschen aufhören, Fleisch zu essen«.

Wenn es um Bibeltexte geht, die eine fleischlose Kost nahezulegen scheinen, hänge alles davon ab, wie man einen bestimmten Text lese, schränkt sie ein. »Wann immer wir etwas suchen wollen, werden wir es finden. Wenn man eine Verbindung zwischen Judentum und was auch immer finden möchte, wird man sie finden. Ich sage also nicht, dass das Judentum uns ermutigt, Vegetarier zu sein.«

Dass im Tempel geopfert wurde, dass das Judentum den Verzehr bestimmter Tiere ausdrücklich erlaubt, streitet Dinur nicht ab. Dennoch sei es nicht egal, ob man Fleisch esse oder nicht, relativiert sie ihre Einschränkung. Die Schabbatruhe etwa habe Gott nicht nur für die Menschen, sondern auch für die Tiere verfügt. Wenn wir unseren Tieren keine entsprechende Haltung garantieren können, wie können wir dann glauben, sie essen zu dürfen?

honigkuchen Es ist ein Thema, das viele von Dinurs Mitbetern bewegt, gerade vor Rosch Haschana. Denn wie lassen sich kulinarische Familientraditionen auch ohne Fleisch fortsetzen? Rosch Haschana ohne Hühnchenkasserolle, Lachsfilet und Gefilte Fisch?

Es sind Dilemmata, die bereits der amerikanische Schriftsteller Jonathan Safran Foer in seinem Sachbuch Tiere essen, einem Plädoyer für eine vegetarische Lebensweise, aufgeworfen hat: Wer seine Kinder vegetarisch erzieht, nimmt ihnen damit vielleicht die Möglichkeit, die Gerichte kennenzulernen, mit denen ihre Großmutter ihnen ihre Liebe ausdrücken möchte.

Bei einem ihrer Vorträge, berichtet Dinur, kam daraufhin die sehr emotionale Antwort eines jungen Mannes. »Ich habe sehr starke Kindheitserinnerungen an bestimmte Gerichte. Aber ich würde sagen, vegane Alternativen zu einem traditionellen jüdischen Gericht zu finden, ist eine Art, diese Tradition voranzubringen, und nicht, sie zurückzulassen.«

einfluss Aber Dinur hat auch andere Reaktionen erlebt. »Das Judentum hält uns dazu an zu verstehen, dass Tiere kein Spielzeug sind«, habe ein Zuhörer, der sich selbst als »bewussten Fleischesser« bezeichnete, gesagt. Wer es mit der Tradition ernst meint, so seine Position, sollte bewusst Fleisch essen und dafür dankbar sein.

Eine andere Bekannte, nach eigenem Bekunden seit 15 Jahren Vegetarierin, habe Dinur nach der Lektüre der Broschüre erzählt, dass ihre Lebensweise mehr der Selbstentwicklung als der Tierliebe geschuldet sei. »Ziel im Judentum ist es, eine bessere Person zu werden«, so ihre Ansicht. Und der Grund, Tiere auf eine bestimmte Art zu behandeln, sei der Einfluss, den dieses Verhalten auf Menschen habe.

»Ich glaube, dass Tiere für sich genommen wichtig sind, aber Menschen sind wichtiger«, so ihr Argument. Dem Hühnchen sei es demnach »ziemlich egal«, wenn es geschlachtet würde. Aber Menschen, die Hühner verstümmeln, würden abstumpfen, meint sie. Dinur kann diesen Einwand verstehen. Und freut sich umso mehr auf die »vegane Hühnersuppe« ihrer Mutter zu Rosch Haschana.

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