Schweiz

Ein Magnet namens Basel

Wie die Rheinstadt seit 100 Jahren Migranten anzieht, zeigt jetzt eine Ausstellung

14.09.2017 – von Peter BollagPeter Bollag

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Das Museum für Wohnkultur ist ein kleines Juwel der Museumsstadt Basel. In bester Lage zeigt das vor mehr als 200 Jahren erbaute Haus, wie das reiche Basler Bürgertum im 18. und 19. Jahrhundert gelebt hat. Und zwar mit schönem Spielzeug, wertvollen Möbeln und teuren Sammlungen von Kunstgegenständen oder Uhren.

Ausgerechnet in diesem stilvollen Ambiente ist derzeit ein wichtiger Teil der Ausstellung Magnet Basel: Bewilligt. Geduldet. Abgewiesen zu sehen. Das zeigt die feine Ironie der Ausstellungsmacher: hier das Bürgertum mit seiner langen Geschichte und Tradition, das weiß, wo es hingehört – dort, provisorisch mit Stellwänden und Pulten mit Akten in zwei Räumen eingerichtet, die Geschichte jener Menschen, die zwischen 1917 und 2017 in die Grenzstadt kamen. Sie wurden ganz unterschiedlich aufgenommen, nicht selten aber auch wieder über die Grenze zurückgeschickt. Sehr oft durften sie eben gerade nicht sesshaft werden, so sehr sie sich das auch gewünscht hätten.

Fremdenpolizei 1917 ist dabei kein zufällig gewähltes Datum. Denn in jenem Jahr wurde in der Schweiz die sogenannte Fremdenpolizei gegründet, jene Behörde, die die Ein- und Auswanderung zu verwalten hatte und diese Aufgabe oft restriktiv und mit Härte versah. Die Ausstellung, deren einer Teil auch im deutschen Lörrach zu sehen ist, speist sich dabei vor allem aus freigegebenen Akten der Fremdenpolizei, die im Übrigen längst nicht mehr so heißt.

Nachzuverfolgen sind dabei 22 Biografien von Menschen, die sich entschlossen, nach Basel zu kommen. Sie taten es aus ganz unterschiedlichen Motiven, sei es, weil sie sich hier ein besseres Leben erhofften, wie beispielsweise zahlreiche Dienstmädchen aus dem nahen badischen Grenzgebiet, oder weil sie hier, in der Musikstadt Basel, ihre Arbeit fanden, wie der israelische Musiker Ori Harmelin, dessen Arbeitsbewilligung die Behörden nicht mehr verlängern wollten und dessen Fall vor einigen Jahren weltweit Schlagzeilen machte. Harmelin schrieb an das Amt: »Je länger ich darüber nachdachte, desto absurder erschien es mir, dass jemand das Recht hat, mir zu sagen, ich dürfe nicht an dem Ort leben, der für mich mein Zuhause ist.«

Doch trotz dieses aktuellen Beispiels nehmen jene Fälle, in denen jüdische Flüchtlinge vor den Nazis in der neutralen Schweiz Zuflucht suchten und darum Basler Boden betraten, in der Ausstellung zu Recht einen sehr prominenten Platz ein. Denn in jenen Jahren wurde oft aus einem privaten Schicksal auf einen Schlag ein öffentliches. Die Abweisung oder Duldung zeigte auf, welche Haltung die kleine Insel Schweiz im Meer der Vernichtung und Aggression einnahm.

Einer der Ausstellungsmacher ist der ehemalige Programmchef des Westdeutschen Rundfunks, Gabriel Heim, der seit seiner Pensionierung in Basel lebt. Bei den Recherchen für sein autobiografisches Buch Ich will keine Blaubeertorte, ich will nur raus stieß er im Zusammenhang mit Aktenforschung auf spannendes Material, das nun in die Magnet-Ausstellung Eingang gefunden hat.

Cartoon Die Schau wartet mit spannenden Beispielen auf, die zusätzlich zu den Akten jeweils mit einer Art Cartoon an einer Stellwand überaus anschaulich und zudem publikumswirksam dargestellt sind. So zeigt sie etwa den Lebenslauf des rumänischen Flüchtlings Lupovici. Der mittellose Emigrant kommt 1938 nach Basel und beginnt aus reiner Langeweile, mit Eiern, aber auch kleinen Bällen und anderen runden Gegenständen zu jonglieren. Als der Krieg ausbricht, hat er sich darin eine derartige Fertigkeit antrainiert, dass er in der Basler jüdischen Gemeinde, aber bald auch in anderen Vereinen und Klubs ein gern gesehener Unterhalter und Gast ist. Als Jacky Lupescu darf er bald in der Schweiz herumreisen und als Künstler auftreten.

Bei einem seiner Auftritte lernt er eine Tochter aus der Schweizer Zirkusfamilie Knie kennen. Die beiden verlieben sich ineinander, heiraten – und bald ist Jacky Lupescu in der Zirkuswelt ein großer Star.

Die Ausstellung dokumentiert in verdienstvoller Weise den im Vergleich zu Nazi-Deutschland harmlosen Alltagsantisemitismus der Schweizer Behörden. Etwa, wenn es in einem Brief über den ehemaligen Direktor eines Basler Chemieunternehmens heißt, dieser sei ein »in jeder Hinsicht einwandfreier Jude«. Für Gabriel Heim ist klar, dass dieser Alltagsantisemitismus von ganz oben, vom Leiter der Eidgenössischen Fremdenpolizei, kommt. Und harmlos ist er in vielen Fällen eben doch nicht, denn Details entscheiden oft, wer im sicheren Basel bleiben darf und wer ihn wieder verlassen muss.

zäsur Dieser Alltagsantisemitismus sorgte wohl auch dafür, dass für die Fremdenpolizei das Ende des Zweiten Weltkriegs nicht etwa eine Zäsur bedeutete. Denn ihrer Politik, möglichst viele (vor allem jüdische) Flüchtlinge wieder auszuweisen, blieb sie auch nach 1945 treu. Wie im Fall des Staatenlosen Carl Laszlo, der 1944 als 21-Jähriger mit einem Jugendtransport aus Ungarn in die Schweiz kommt und in Basel den Krieg überlebt. Er will gern bleiben, doch die Behörden bestellen ihn ständig ein und ermahnen ihn, endlich weiterzuziehen.

Laszlo beharrt darauf, in Basel zu leben – und hat Erfolg: Er darf bleiben, wird 1968 Basler Bürger und erhält einen Schweizer Pass. Als Mäzen und Kunstsammler wird er sich weltweit einen Namen machen. Diese Verdienste färben auch auf seine neue Heimat ab.

Wie viele derjenigen Flüchtlinge, die die Behörden in den kritischen Jahren über die Grenze zurückbrachten, ebenfalls etwas zur Entwicklung Basels hätten beitragen können, diese Frage kann die Ausstellung nicht beantworten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 1. Oktober in Basel und Lörrach zu sehen.

www.magnetbasel.ch

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