Berlin

Ben Gurion trifft Richard Gere

Beim Filmfestival »Seret« dreht sich eine Woche lang alles um das israelische Kino

14.09.2017 – von Lea Wohl von HaselbergLea Wohl von Haselberg

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Es gibt inzwischen einige Möglichkeiten, israelische Filme in Deutschland zu sehen. Wer sich dabei nicht mit den israelischen Exportschlagern begnügen will, die einen deutschen Verleih finden, oder die oft unerträglichen deutschen Synchronfassungen umgehen möchte, der sollte sich an Festivals halten. Dabei fällt auf: Nicht nur bei etablierten Festivals wie der Berlinale oder den Internationalen Filmtagen in Hof steigt die Präsenz israelischer Beiträge, sondern es entstehen zunehmend Veranstaltungen, die sich ausschließlich dem israelischen Film widmen.

Die jüngste Möglichkeit, Perlen des zeitgenössischen israelischen Films zu sehen, ist das Filmfestival »Seret International«, das dieses Jahr zum zweiten Mal in Berlin stattfindet. Nicht nur Film, sondern auch Fernsehen steht hier auf dem Programm. Bis zum 19. September zeigt das Festival acht Filme in den Kategorien Spielfilm, Dokumentation und Kurzfilm. Nachdem »Seret« vergangenes Jahr in Deutschland auf Berlin beschränkt war, sind dieses Jahr neben drei Berliner Kinos auch jeweils ein Spielort in Köln und München beteiligt. Ebenfalls hinzugekommen ist ein sogenannter Industry Day, der deutschen und israelischen Regisseuren und Vertretern der Filmindustrie Möglichkeiten zum Austausch bietet.

gründung Seret heißt auf Hebräisch schlicht Film, und hinter dem ambitionierten Projekt stehen drei Frauen, die vor sieben Jahren in London eine Idee zu einem Filmfestival werden ließen. Für Odelia Haroush, die in London und Amsterdam lebt und den ersten Anstoß zu den Filmtagen gab, ist es die Verbindung ihrer zwei großen Leidenschaften: Israel und das Kino.

Mit der Idee wandte sie sich zunächst an die ebenfalls in Israel geborene, in London lebende Publizistin Anat Koren. Hinzu kam dann noch Patty Hochmann, die als Mitglied der israelischen Filmakademie in Netanya lebt. Seit dem ersten Treffen vor sieben Jahren hat »Seret« einen erfolgreichen Start in London hingelegt und ist Schritt für Schritt gewachsen – inzwischen findet das Festival neben London auch in Amsterdam, Santiago de Chile und Deutschland statt. Zu all diesen Orten hat das »Seret«-Team besondere Beziehungen.

Filme entführen in andere Welten, erlauben es, in andere Lebensentwürfe zu blicken, lassen das Publikum reisen. Nicht umsonst wurde die Kinoleinwand metaphorisch seit den Anfangsjahren des Mediums als Fenster oder Schwelle beschrieben. Die Filme des Festivals sind für ein deutsches Publikum ein Fenster, um mit den vielfältigen Realitäten Israels in Berührung zu kommen.

Vielfalt »Ich würde gern ein Publikum erreichen, das noch nie vom israelischen Kino gehört hat, und es durch das Medium Film mit der Kultur und gesellschaftlichen Vielfalt Israels in Kontakt bringen«, sagt Odelia Haroush im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. Und tatsächlich: Der israelische Film mit seinen unterschiedlichen Sujets, Perspektiven und Stilen vermag zu zeigen, wie viel mehr Israel ausmacht als der politische Konflikt – entgegen dem reduzierten Israelbild, dem man häufig in Deutschland begegnet.

Der Blick ins Programmheft lohnt sich. Es spiegelt genau diese Vielfalt und ist nicht nur in den vertretenen Genres bunt, sondern auch in der Mischung aus kleineren Autoren-Dokumentationen und dem Who’s who des israelischen Films. Bei »Seret« begegnen uns Ania Bukstein, die die Protagonistin in A Quiet Heart verkörpert und zuletzt durch ihre Rolle in Game of Thrones internationale Berühmtheit erlangte, sowie Joseph Cedar, dessen aktueller Film Norman mit Richard Gere und Lior Ashkenazi ebenfalls prominent besetzt ist.

Die Dokumentation Aida’s Secrets (Aidas Geheimnisse) hingegen folgt dem im DP-Camp Bergen-Belsen geborenen und in Israel adoptierten Izak bei der Suche nach den Geheimnissen seiner leiblichen Mutter. Nach dem Screening des von SWR und Arte koproduzierten und bereits im deutschen Fernsehen ausgestrahlten Films ist Regisseur Alon Schwarz als Gast zum Filmgespräch anwesend.

gespräche Ein Epilog ist eine Nachrede, und nicht von ungefähr bezeichnet Filmemacher Yariv Mozer seine Dokumentation als solchen. Ben Gurion, Epilogue (2016) verwendet Material aus einem 1968 gedrehten, sechsstündigen Interview mit David Ben Gurion. Entspannt spricht der damals 82-jährige Staatsgründer in seinem Haus im Kibbuz Sde Boker mit dem jungen Regisseur – und überrascht mit Aussagen wie »Ich bin kein Zionist mehr«. Die Aufnahmen lagen jahrelang vergessen im Steven Spielberg Jewish Film Archive in Jerusalem, bis Mozer sie zufällig entdeckte.

Auch Eran Kolirins aktueller Film Beyond the Mountains and the Hills zeigt »Seret«. Bereits sein erster Film Die Band von nebenan (2007) war in Deutschland beim Publikum ebenso wie bei der Kritik sehr erfolgreich. Das Drama erzählt von der Rückkehr Davids zu seiner Familie nach 27 Jahren Militärdienst. Wie schon in seinem Film The Exchange (2012) zeigt Kolirin einen entfremdeten Protagonisten, der sich seinem Leben und seiner Umgebung (wieder) annähern muss.

Einen Lieblingsfilm des diesjährigen Festivals zu nennen, fällt Organisatorin Haroush schwer. Es begeistern sie viele Beiträge. Heraus sticht für sie der Film A Quiet Heart von Eitan Anner: »Die Geschichte ist ein fantastisches Beispiel für die gesellschaftliche Vielfalt Israels«, so Haroush. Mit Blick auf die Zukunft verrät sie, dass sie die Vorführungen in München und Köln noch ausbauen sowie weitere Spielorte in deutschen Städten gewinnen will. »Ich glaube an das große Potenzial des deutschen Kinopublikums und dessen Interesse am israelischen Film.«

www.seret-international.org

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