Finale

Der Rest der Welt

Herbstmüdigkeit oder Mit Amuletten gegen »Schlafwagen-Wahlkampf«

14.09.2017 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann

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Ist es der »Schlafwagen-Wahlkampf« – oder nur die Herbstmüdigkeit? Seit Ende des Sommers bekomme ich morgens kaum noch die Augen auf. Abends um halb neun bringe ich meinen Sohn ins Bett und schlafe sofort ein. Nach zehn Stunden wache ich auf und bin total erschöpft.

Jeden Morgen, wenn ich mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, lächeln mir dieselben Politiker von Plakaten entgegen. »Es wird Zeit!«, verkündet die SPD. »Mehr Respekt für Familien!«, fordert die CDU. Die FDP will die Mitte entlasten. »Zukunft wird aus Mut gemacht«, behaupten die Grünen. Ich schlafe schon beim Schreiben fast wieder ein.

luftballons Der Einzige in unserer Familie, der noch leidenschaftlich eine politische Meinung vertritt, ist mein achtjähriger Sohn. Am Wochenende hat er rote Luftballons abgegriffen, die Wahlkämpfer vor seiner Schule unters Volk brachten. Am Montagmorgen hing in unserem Flur ein großes Anti-Wahlplakat: »Wählt auf keinen Fall SPD! Sie verteilen Luftballons, die man nicht aufblasen kann!« Mittlerweile sehne ich mich nach den Schlammschlachten und unterirdischen Beleidigungen, die in israelischen Wahlkämpfen zum Normalton gehören. »Merkel, hau ab« ist gar nichts dagegen!

Und noch etwas ist in Israel viel aufregender: Geschenke an die Wähler haben eine spirituelle Qualität. Fast wehmütig erinnere ich mich an die Wahl 1996, als ich als Journalistin in Israel lebte. Damals brachte Schas massenhaft kleine Amulette unters Volk, in denen der kabbalistische Rabbi Yitzhak Kaduri allen Wählern der Partei Schutz vor teuflischen Terroranschlägen versprach.

So ein Amulett könnte ich heute gut gebrauchen. Leider habe ich damals keines abbekommen. Außerdem wurden die Glücksbringer nach einer Klage der Meretz-Partei kurz vor dem Wahltermin aus dem Verkehr gezogen. Immer diese politisch korrekten Spaßverderber!

urnengang Langweilig wurde die Abstimmung trotzdem nicht: Am Wahltag durfte ich den Urnengang in Abu Gosch bei Jerusalem beobachten. Erstaunt nahm ich zur Kenntnis, dass bereits vor dem Wahllokal die Abstimmungszettel kursierten – kleine weiße Papiere, bedruckt mit hebräischen Buchstaben einer jüdischen Partei.

»Wer wählt denn die XXX in eurem Dorf?«, fragte ich einen Wähler. »Diese Partei ist hier sehr beliebt! Sie zahlt 2000 Schekel pro Stimme!«, sagte der Araber begeistert. Ich wollte es nicht glauben. Ein zweiter Araber, den ich fragte, ob die Geschichte wahr sei, meinte empört: »Alles gelogen! Es gibt nur 800 Schekel!«

Und dann begann die Auszählung. Um Mitternacht lag Schimon Peres vorne. Am nächsten Morgen wachte Israel auf, und Benjamin Netanjahu hatte gewonnen. Mittlerweile hat er mehr Tage im Amt verbracht als Angela Merkel. Soll ich mich freuen, in einem Land ohne große Überraschungen zu leben? Und was muss passieren, damit ich endlich aufwache? Wer mir ein Amulett schicken will oder eine bessere Methode findet, meinen Adrenalinspiegel endlich wieder in die Höhe zu treiben, soll sich umgehend melden!

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