Wohltätigkeit

Recht auf Zedaka

Bei der Hilfe für Bedürftige geht es nicht um Almosen, sondern um Gerechtigkeit

07.09.2017 – von Michael BrennerMichael Brenner

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Umkehr, Gebet und Wohltätigkeit können die Härte des göttlichen Gerichts abwenden«, so heißt es in einer der zentralen Stellen der Gebete zu Rosch Haschana. Neben der Sühne und Umkehr, neben dem Gebet, ist Zedaka, die Wohltätigkeit, als wichtigste Tätigkeit genannt, die zugrunde liegt, wenn Gott während der zehn Tage zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur über das Schicksal der Menschen entscheidet.

Man findet in den traditionellen jüdischen Texten unzählige Passagen, die uns sagen, was Wohltätigkeit bedeutet. Die Sozialgesetzgebung der Bibel reicht von dem Grundsatz, dass für die Armen eine spezielle Abgabe (der Zehnt, Ma’asser) vorgesehen ist, bis zu den Bestimmungen des siebenten Jahres, des Schmitta-Jahres.

mangel Und im 5. Buch Mose (15, 7–8) heißt es: »Wenn unter dir ein Dürftiger sein wird, einer deiner Brüder, in einem deiner Tore, in deinem Lande, das der Ewige, dein Gott, dir gibt, so sollst du deinem Bruder, dem Dürftigen, gegenüber dein Herz nicht verhärten und deine Hand nicht verschließen, sondern du sollst ihm deine Hand öffnen, sollst ihm leihen, wie viel er in seinem Mangel bedarf, wie viel ihm fehlt.«

Im Tanach ist zumeist von Chesed die Rede, wenn es darum geht, den Armen zu helfen, ein Wort, das wir heute mit Mildtätigkeit übersetzen. Erst im Talmud wird das Wort Zedaka gebraucht, zumeist im Sinne der Hilfe für Bedürftige durch Gaben und Geschenke. Das Wort Zedaka ist mit zedek, gerecht, wie auch Zaddik, dem Gerechten, verwandt und stammt aus dem Rechtsbereich. Dies ist nicht außer Acht zu lassen, denn es bedeutet, dass es weit mehr als eine Almosenleistung, nämlich eine rechtliche Verpflichtung ist, den Armen zu helfen.

Im Mittelalter ist die Wohltätigkeit in zahlreiche institutionelle Formen der jüdischen Gemeindeverwaltung übergegangen. In jeder Gemeinde gab es eine Kuppa, eine Kasse für wohltätige Zwecke; oftmals eine Suppenküche für Hungerleidende; zudem eine Kleiderkammer und natürlich eine besondere Reserve für Beerdigungen Armer.

pletten Eine nicht unwichtige Einrichtung waren die sogenannten Pletten. Das waren Zettel mit den Namen der Haushaltsvorstände, die in einer Schachtel aufbewahrt und gezogen wurden, wenn ein armer Durchreisender zu einem Mahl eingeladen werden musste. Nicht selten hatte er das Recht, bei dem Pletteninhaber auch die Nacht zu verbringen. Die Pletten sind wichtig, weil sie die Selbstverständlichkeit anzeigen, mit der Wohltätigkeit ausgeübt wurde. Sie waren in das Rechtssystem der Kehilla eingebunden, nicht der Freiwilligkeit des Einzelnen überlassen. Man hatte das Recht darauf, eingeladen zu werden.

Im 19. Jahrhundert, als Juden immer mehr Teil der bürgerlichen Gesellschaften wurden, verschwand die spezielle jüdische Wohltätigkeit keineswegs. So gründeten die jüdischen Gemeinden auch in Westeuropa moderne Waisen- und Krankenhäuser, Taubstummen- und Blindenanstalten, Armenkassen, Hilfsvereine notleidender Handwerker und Darlehenskassen. Die sefardische Gemeinde in London eröffnete bereits 1747 ihr erstes Krankenhaus, die Rothschilds gründeten 1842 ein Krankenhaus in Paris, und das erste Mount Sinai Hospital in New York öffnete 1852 seine Tore.

In Deutschland führte die Not des Ersten Weltkriegs dazu, dass die Fürsorge zentralisiert und 1917 die Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden ins Leben gerufen wurde. Der »Führer durch die jüdische Wohlfahrtspflege« aus dem Jahr 1932 erwähnt 58 Altersheime, drei Obdachlosenheime, drei Erwerbslosenuntekünfte, 21 Krankenhäuser, 28 Sanatorien, neun Anstalten für Blinde, Taubstumme und Geistesschwache, 36 Kinder- und Jugendheime sowie 28 Erholungsheime in Deutschland. Die Jüdische Bahnhofshilfe bot auf 60 Bahnhöfen Anlaufstellen für notleidende jüdische Reisende.

flüchtlingshilfe Tatsächlich hatte der Erste Weltkrieg in Deutschland eine wesentliche Veränderung gebracht. Eine große Zahl armer osteuropäischer Juden war nach Deutschland eingewandert, aber auch deutsche Juden waren während des Krieges und vor allem in den Inflationsjahren danach von der wirtschaftlichen Krise betroffen. Gepaart war all dies mit der politischen Krise, die den Juden eine neue Dimension physischer Gewalt bescherte. Zu den zahlreichen Wohlfahrtseinrichtungen gehörte die Flüchtlingshilfe. Oftmals ging man dabei vom Wahlspruch »Arbeit statt Almosen« aus und versuchte, den Flüchtlingen durch Arbeitsvermittlung unter die Arme zu greifen.

Ein besonders bemerkenswertes Unternehmen war das 1916 gegründete Jüdische Volksheim in Berlin. Dort versuchten deutsche Juden, den materiell armen Ostjuden zu helfen, ließen sich aber gleichzeitig von ihnen geistig inspirieren. Franz Kafka, dessen Verlobte Felice Bauer als Sozialarbeiterin im Volksheim wirkte, schrieb: »Es ist auch eine der eigennützigsten Angelegenheiten. Man hilft nicht, sondern sucht Hilfe ... Es ist, soviel ich sehe, der absolut einzige Weg, oder die Schwelle des Wegs, der zu einer geistigen Befreiung führen kann.«

Man sollte sich dieser Worte erinnern, wenn man sich in jüngster Zeit der Not der Flüchtlinge annimmt, seien es Juden, die aus der Sowjetunion flüchten mussten, Jesiden, die aus dem Irak kommen, oder Muslime aus Afghanistan. Anderen Hilfe zu leisten, bedeutet, auch sich selbst zu helfen.

Der Autor ist Professor für Jüdische Geschichte und Kultur.


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