Ladino

Der kleine Bruder des Jiddischen

Die Königliche Akademie will ein Insitut zur Erforschung des mittelalterlichen Judenspanisch gründen

07.09.2017 – von Michael LudwigMichael Ludwig

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Mit großer Konsequenz versuchen der spanische Staat und seine Bevölkerung, mit ihrer antijüdischen Vergangenheit ins Reine zu kommen. Nachdem Nachfahren spanischer Juden, die vor 500 Jahren aus dem Land vertrieben worden waren, ein Recht auf Rückkehr und damit auch auf einen spanischen Pass eingeräumt wurde, will nun die Königlich-Spanische Akademie (RAE) Anstrengungen unternehmen, dass das von spanischen Juden gesprochene Ladino nicht ausstirbt.

»Es ist uns sehr daran gelegen, diese historische Schuld zu begleichen«, erklärte der Direktor der RAE, Darío Villanueva, in einem Gespräch mit der Madrider Tageszeitung El País.

Villanueva zufolge plant die RAE, eine Akademie ins Leben zu rufen, deren Aufgabe es ist, diese im Mittelalter auf der Iberischen Halbinsel entstandene Sprache zu pflegen und weiterzuentwickeln. Man habe die ersten Schritte dazu auf den Weg gebracht, so Villanueva, und man sei optimistisch, dass sich in den nächsten Jahren die Situation des Ladino konsolidieren werde.

Tel Aviv Dies geht allerdings nicht ohne fremde Unterstützung. »Wir hoffen auf die Hilfe der Autoridad Nasional del Ladino i su Kultura, die in Israel ansässig ist, auf die des Centro Sefarad-Israel und natürlich auch auf das Wohlwollen der Stadtverwaltung von Tel Aviv, wo die Akademie ihren Sitz finden könnte«, sagte Villanueva.

Mit großem Engagement setzt sich Shmuel Refael Vivante, Direktor des Naime-und-Yehoshua-Salti-Zentrums für Ladino-Studien an der Bar-Ilan-Universität nahe Tel Aviv, für dieses Projekt ein: »Als ich jung war, war bei uns zu Hause das Ladino, das auch Judenspanisch genannt wird, allgegenwärtig: die Wörter dieser Sprache, die Ausdrücke, die Lieder. Viele sefardische Gebräuche wurden gepflegt – von meinen Eltern, von Freunden, von Nachbarn und Überlebenden des Holocaust, die uns besuchten.« Shmuel Refael Vivante will, dass diese Erinnerung auch in der Gegenwart Wirklichkeit bleibt.

Doch es wird nicht einfach sein, diese Sprache am Leben zu erhalten. In Israel ist sie gegenüber ihrem Zwillingsbruder, dem Jiddischen der Aschkenasim, ins Hintertreffen geraten. Wie viele Juden weltweit noch Ladino sprechen, darüber gehen die Meinungen auseinander. Nach der Vertreibung 1492 aus Spanien und 1497 aus Portugal ließen sich viele Sefarden in der Türkei, Griechenland, Bulgarien, Bosnien und Herzegowina, Mazedonien, Syrien und den arabischen Staaten an der Mittelmeerküste nieder. Doch die geschichtliche Entwicklung führte dazu, dass sich der Gebrauch des Judenspanisch immer mehr vom öffentlichen in den privaten Bereich, in die Familien verlagerte. So gaben bei der Volkszählung von 1955 in der Türkei fast 72 Prozent der befragten Juden Ladino als ihre Muttersprache an, 1965 waren es nur noch 32 Prozent.

Statistik Eine Schätzung von 1966 besagte, dass es damals weltweit 360.000 ladinisch sprechende Sefarden gab – darunter 300.000 in Israel, 20.000 in der Türkei, 15.000 in den USA und 5000 in Griechenland. Einer der führenden Erforscher sefardischer Geschichte und Traditionen, Michael Studemund-Halévy, erklärte 2012 in einem Pressegespräch, dass heute nur noch 25.000 Juden dieser Sprache mächtig seien. Sein Ausblick ist ausgesprochen pessimistisch: »In der nächsten Generation wird Judenspanisch nur noch eine Erinnerung sein.« Allerdings gibt es auch optimistischere Schätzungen, die von gegenwärtig 25.000 bis 100.000 ladinisch sprechenden Sefarden ausgehen.

Neben den spanischen Bemühungen, dem Ladino unter die Arme zu greifen, gibt es auch andernorts entsprechende Aktivitäten. Erwähnenswert sind zwei Zeitschriften, die ausschließlich in ladinischer Sprache auf den Markt kommen: »El Amaneser« erscheint monatlich in Istanbul und »Aki Yerushalayim« zweimal jährlich in Jerusalem. Die jüdische Gemeinde in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires druckt alle vier Wochen eine Zeitschrift sowohl in Spanisch als auch in Ladino, und in New York nimmt sich die »Foundation for the Advancement of Sephardic Studies and Culture« (FASSAC) des spanischen Erbes an.

Mehrere Universitäten in Israel bieten spezielle Programme zum Erlernen des Ladino an, außerdem gibt es entsprechende Studienprogramme in Europa – so in Paris, Hamburg, Berlin, Tübingen, Madrid und Sofia.

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