Stuttgart

Lehrer, Mentor, Europäer

Der frühere Landesrabbiner Joel Berger feiert seinen 80. Geburtstag

07.09.2017 – von Heidi HechtelHeidi Hechtel

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Er ist der Mann mit dem Hut. Nichts Ungewöhnliches für einen frommen Mann und Rabbiner wie Joel Berger. Doch diese Charakterisierung seiner Erscheinung, gleichzeitig Titel von Bergers Biografie, trifft nur einen kleinen Aspekt seiner Persönlichkeit als Lehrer, Mentor, Wissenschaftler, Autor und Humanist. Das lässt sich beim Empfang zu Ehren Joel Bergers im Haus der Geschichte in Stuttgart am heutigen Donnerstag nachholen. Dort feiert der Landesrabbiner von Württemberg i. R. seinen 80. Geburtstag.

»Was ist die größere Leistung – ein Leben oder der Rückblick auf das Leben?«, schreibt György Dalos in seinem Vorwort zu Bergers vor einigen Jahren erschienenen Erinnerungen. »Bei Joel Berger«, heißt es weiter, »können wir beides kaum voneinander trennen.« Denn es koste Kraft, das Erlebte nicht dem Vergessen preiszugeben und als Erzähler eine – dem jüdischen Schicksal trotzende – souveräne Heiterkeit zu beweisen. Damit spricht Dalos die entscheidende Zäsur an, die auch Bergers eigenen Rückblick bestimmt. »Ich bin dankbar für das große Glück in meinem Leben«, zieht dieser Bilanz, die jedoch nur für die letzten 50 Jahre gelte – für das Leben in der Freiheit der westlichen Welt, das ihn für Erniedrigung und Unterdrückung in den ersten 30 Jahren in Ungarn entschädige.

Denn Berger, 1937 in Budapest geboren, bekennt, dass er für sein Geburtsland keine positiven Gefühle hegen könne. Die Schoa überlebte er gemeinsam mit seinen Eltern im Ghetto von Budapest, in einer Reihe von Schutzhäusern, die der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg eingerichtet hatte. Mutter und Sohn wurden durch spanische Schutzpässe vor der Deportation bewahrt, der Vater überstand das KZ Bergen-Belsen.

Ungarn Dem NS-Terror, dem in Ungarn innerhalb eines Jahres 600.000 Juden zum Opfer fielen, folgte der Kommunismus mit neuen entwürdigenden Repressionen, Bespitzelung und Verfolgung. »Ich konnte meinen Mund nie halten«, bekennt Berger. Die Quittung waren unter anderem die Verhaftung nach dem Ungarnaufstand von 1956 und drei Monate Gefängnis. Anschließend studierte er am Rabbinerseminar in Budapest und an der Universität in Debreczin Geschichte und Pädagogik.

Auch mit Rabbiner- und Lehrerdiplom für Gymnasien erlebte er bei seinen ersten Schritten ins Berufsleben nur Ausgrenzung und bewusste Herabsetzung. »Das Vertrauen in die Menschheit konnte ich im kommunistischen Ungarn nicht zurückgewinnen«, schreibt Berger in seiner Biografie und fügt an: »Erst in der Demokratie, in einem neuen Deutschland, habe ich es wiedergefunden.« Denn 1968 gelang ihm die Emigration.

Allen Vorwürfen, wie er im Land der Mörder leben könne, hielt er entgegen, dass er das Geschenk der Freiheit nicht hoch genug schätzen und genießen könne. Barbara Traub, die Vorstandssprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW), würdigt ihn nicht zuletzt dafür als jüdischen Europäer.

Stationen Regensburg, Düsseldorf, dazwischen Göteborg in Schweden, dann Bremen und zuletzt Stuttgart waren die Stationen, an denen Berger als Rabbiner und schließlich von 1981 bis 2002 als Landesrabbiner von Württemberg amtierte. Nie und nirgendwo, betont er, habe er böse und antisemitische Erfahrungen machen müssen. Besonders gern denke er an die Jahre von 1973 bis 1980 in Bremen, damals von Bürgermeister Hans Koschnick regiert, mit dem Berger bald eine Freundschaft verband. »Zum ersten Mal empfand ich, dass meine Familie und ich anerkannt und angenommen wurden und Verständnis erfuhren.«

Radio Bremen berief ihn in den Rundfunkrat und bot ihm eine regelmäßige Sendung mit Gedanken und Informationen zu jüdischer Religion und Judentum an, die er bis heute neben den Auftritten im MDR Figaro, im Bayerischen Rundfunk und im SWR betreut. Und hier wurde verwirklicht, was als »Bremer Modell« wegweisend war: die Öffnung der Gemeinde und ihre Stellung in der Gesellschaft vor allem durch Bergers Frau Noemi, die – selbst Judaistin und Lehrerin für jüdische Religion – den buchstäblichen Charme einer Wienerin mitbringt.

Das »Bremer Modell« veränderte auch die IRGW, nachdem Joel Berger 1980 sein Amt als Landesrabbiner in Stuttgart angetreten hatte. »Die Gemeinde zählte 600 Mitglieder und lebte in einem geschlossenen Reservat«, erinnert sich Berger. Und wieder hebt er die Rolle seiner Frau Noemi hervor, die die WIZO in Stuttgart wiederbelebte, mit einem Basar für Andrang im Gemeindezentrum sorgte und einen Freundeskreis um sich scharte, zu dem auch die Frau des sehr zugeneigten Oberbürgermeisters Manfred Rommel gehörte.

Integration »Heute«, kann Berger sagen, »ist die jüdische Gemeinde ganz selbstverständlich ein Teil der Gesellschaft dieser Stadt.« Aber seine größte Aufgabe sei die Integration der russischen Zuwanderer nach 1990 gewesen. Heute hat die Gemeinde 3000 Mitglieder. Die Integration sei gelungen, sagt Berger, »die Zuwanderung ist ein Gewinn. Es sind viele begabte Menschen gekommen, und wir haben wieder jüdische Anwälte, Ärzte, Künstler und Politiker.« Für seine Verdienste um die Integration und die religiöse Bildung der Kinder wurde Berger, viele Jahre Sprecher der Rabbinerkonferenz, mit der Verdienstmedaille des Landes und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Am 20. Oktober wird ihm die Stadt die Bürgermedaille verleihen.

Ruhestand
2002 ging Berger de facto in den Ruhestand, von dem aber keine Rede sein kann. Da ist weiterhin sein Engagement für die russischen Zuwanderer, die er in Bad Kissingen regelmäßig im Auftrag der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Kursen, Seminaren und Gottesdiensten mit allen Bereichen des jüdischen Lebens vertraut macht. Und da ist die Liebe zur Volkskultur. Nachdem er viele Jahre an der Universität Tübingen einen Lehrauftrag zum Thema Judentum innehatte und dafür den Ehrendoktortitel verliehen bekam, hat er an einem Forschungsauftrag zur jüdischen Volkskultur im Südwesten im Haus der Geschichte in Stuttgart gearbeitet. »Das Buch soll bald erscheinen«, kündigt er an. Und schließlich kuratiert er gemeinsam mit seiner Frau seit Jahren die Jüdischen Kulturwochen.

»Joel Berger war und ist ein Lehrer des Judentums im eigentlichen Sinn«, sagt Barbara Traub. »Er tritt für ein jüdisches Religionsverständnis im Zusammenspiel mit einem umfassenden kulturellen Wissen ein.« Gemeinsam mit seiner Frau – »die beiden sind ein Tandem« – und seinen beiden Kindern Michael und Margalit sei er stets ein Vorbild innerhalb und außerhalb der Gemeinde. »Meine Frau, zwei Kinder und sechs Enkel, das ist mein größtes Glück«, bestätigt Joel Berger. Und wünscht sich zu diesem Geburtstag nur eines: »Dass mir der liebe Gott die Gnade dieses Glücks noch eine Weile schenkt.«

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