Belgien

Zwei Männer – ein Wort

Ein Jude und ein Muslim, die einst Widersacher waren, starten eine Initiative gegen den Hass

31.08.2017 – von Tobias MüllerTobias Müller

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Ich bin Jude, er ist Muslim. Trotzdem verbindet uns mehr, als uns trennt.« Ein bemerkenswerter Satz, zumal aus dem Mund von Michael Freilich. Der Chefredakteur der Antwerpener Zeitschrift »Joods Actueel« ist in Belgien bekannt als streitbare publizistische Instanz gegen Antisemitismus.

Vor einigen Wochen kündigte Freilich in belgischen Medien ein gemeinsames Projekt mit Selahattin Koçak an, einem ehemaligen sozialdemokratischen Politiker. Das Ziel: Vorurteile und Hass bekämpfen und Vertrauen zwischen belgischen Juden und Muslimen aufbauen.

Internet Im Herbst soll das Projekt, das auf dem Einsatz von Freiwilligen beruhen wird, vorgestellt werden. Um »Menschen aus beiden Gemeinschaften näher zusammenzubringen«, wolle man etwa gemeinsam in Schulen auftreten und Hasskommentare im Internet bekämpfen, sagt Freilich. »Dabei sollen Muslime auf entsprechende muslimische Posts reagieren und Juden auf solche von jüdischer Seite.« Ferner plant man Reisen zu jüdischen Gemeinden in Marokko sowie nach Israel, um Beispiele für die gute Zusammenarbeit zwischen Palästinensern und Israelis zu finden.

Entsprechende Initiativen sind auch in Belgien nicht neu. Häufig handelt es sich um multikulturell inspirierte Initiativen, die die Verantwortung für den israelisch-palästinensischen Konflikt eindeutig bei Israel sehen. Freilichs und Koçaks Projekt hebt sich davon ab. »Wir haben unterschiedliche Meinungen, aber können doch übereinkommen. Ich hoffe, dass davon ein Signal ausgeht: Wenn Freilich und Koçak zusammenarbeiten, können andere das auch.«

Schoa Hinter dieser Feststellung steckt eine besondere Geschichte, die beide Initiatoren verbindet. 2010 lieferten sie sich eine heftige öffentliche Auseinandersetzung: Koçak, mehr als zehn Jahre lang städtischer Dezernent für Umwelt und Sport in der nordostbelgischen Stadt Beringen, bezeichnete in einem Interview Muslime als besser integriert als chassidische Juden. Zudem verglich er die Situation der Palästinenser mit dem Holocaust, wofür ihn Freilich des Antisemitismus und Negationismus beschuldigte. Nach einer Verleumdungsklage Koçaks zog Freilich seine Vorwürfe zurück.

Wie sie danach zueinanderfanden? »Wir haben uns ein paarmal gesehen, er entschuldigte sich für seine Aussagen, wir tauschten Ideen aus«, so Michael Freilich. »Wir sahen, dass wir nicht fundamental anders waren: Wir wollten Respekt für einander, die Gesellschaft und die Standpunkte des anderen. In der muslimischen Gemeinschaft wird der Holocaust unterbelichtet, und die jüdische Gemeinschaft schenkt der Situation der Palästinenser wenig Aufmerksamkeit.«

Und der frühere Gegner, der nun zum Bundesgenossen werden soll? Koçak nennt einen persönlichen Schicksalsschlag, der ihn dazu bewegte, Freilich eine Zusammenarbeit vorzuschlagen. »Vor anderthalb Jahren verlor ich mein Söhnchen. Das verändert die Art, wie man auf sein Leben schaut. Hinzu kommt, dass ich mehr und mehr merke, wie soziale Medien die Funktion von Zeitungen und Nachrichten übernommen haben. Und dort gibt es so viel antijüdische, antimuslimische Kommentare und Hass gegen Homosexuelle. Dagegen müssen wir uns gemeinsam einsetzen.«

Kommunalwahlen Bemerkenswert ist die Initiative auch aus einem anderen Grund. In Belgien werfen die Kommunalwahlen 2018 ihren Schatten voraus. Antreten wird dort auch eine neue Partei, die unter Leitung des Publizisten Abou Jahjah und des ehemaligen Sozialdemokraten Ahmet Koç vor allem auf migrantische und damit mehrheitlich muslimische Wähler zielt. »Der eine ist Anhänger der Hizbollah, der andere steht hinter Erdogan. Klar, dass die sich irgendwann finden, aber dadurch löst man kein gesellschaftliches Problem«, so Freilich.

Koçak, der online selbst schon im Visier von Erdogans Leuten stand, betont, das neue Projekt habe ein eigenes, klares Konzept. »Es geht nicht um die große Harmonie, dass ›alle lieb zueinander sein sollen‹, sondern darum, den Hass anzugehen!«
Michael Freilich stimmt zu – und hofft, dass sich bald die nötigen Sponsoren finden werden, um das Projekt zu starten und am Laufen zu halten.

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