Oranienburg

Einstürzende Altbauten

Die Gemeinde weiß nicht, wie sie ihr marodes Gebäude retten kann

31.08.2017 – von Maria UgoljewMaria Ugoljew

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Das zweigeschossige Haus in der Sachsenhausener Straße 2 ist durch ein Baugerüst und von Planen verdeckt. Der Putz bröckelt von der Fassade, sodass rote Backsteine zum Vorschein kommen. Ein Schild am Briefkasten verrät, dass hinter der Absperrung eigentlich die Jüdische Gemeinde »Wiedergeburt« Landkreis Oberhavel e.V. ihren Sitz hat. Doch davon ist seit einigen Monaten keine Rede mehr. Denn aus dem Gemeindetreffpunkt ist eine Ruine geworden.

Elena Miropolskaja sitzt in ihrem provisorischen Büro hinter einem Schreibtisch, auf dem sich Briefe und Unterlagen türmen. Die Wände sind kahl, die Decke ist niedrig. Es dringt wenig Tageslicht in den Raum. »Wir sind froh, dass wir ihn haben«, sagt die Gemeindevorsitzende. Lediglich für die Betriebskosten müssten sie aufkommen, die Miete übernehme die städtische Wohnungsbaugesellschaft, die der Gemeinde die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hat. Jedenfalls bis zum Ende des Jahres. Was danach passiert? »Keine Ahnung«, sagt Elena Miropolskaja.

Stress Auf die Frage, was denn der Gemeinde widerfahren sei, antwortet die Vorsitzende ohne Punkt und Komma. Die jüngsten Vorfälle rauben ihr die Nerven, überfordern alle Mitglieder. Im März 2003 hatte die Gemeinde mit dem Landkreis Oberhavel einen Erbbaupachtvertrag für das denkmalgeschützte Gebäude in der Sachsenhausener Straße abgeschlossen. Damals war die jüdische Vereinigung noch sehr jung, erst 2000 hatte sie sich in Oranienburg gegründet. Zu dem Zeitpunkt gab es noch keine ständige Bleibe, für Veranstaltungen fuhren die Mitglieder oft nach Potsdam. Das sei insbesondere für die Älteren beschwerlich gewesen, sagt die Vorsitzende.

Das Angebot des Landkreises wirkte auf den ersten Blick also wie ein Geschenk. Alle wussten allerdings, dass es seine Tücken haben würde. Denn das Haus ist alt – mindestens 200 Jahre. Doch der Sanierungsplan nahm Formen an, die Finanzierung – teils durch Fördermittel – auch. Und so zog Leben ein in die historischen Gemäuer.

Die Gemeindevorsitzende richtete sich ihr Büro ein, ein paar Türen weiter hatte der Landesverband der Jüdischen Gemeinden Land Brandenburg seinen Sitz. In einer kleinen Ausstellung wurde die jüdische Geschichte der Stadt erzählt. Auch eine Bibliothek war vorhanden.

Besonders stolz waren die Mitglieder auf das Errichten eines Gebetsraumes. Sie bauten ihn anhand von Fotos aus der Vorkriegszeit wieder auf. Das Original habe sich einst in der benachbarten Havelstraße befunden, erklärt Elena Miropolskaja. Heute erinnert ein Denkmal an die im November 1938 zerstörte Synagoge, das 1988 eingeweiht wurde.

Schutt Der nachgebaute Gebetsraum steht nun ungenutzt im Erdgeschoss des maroden Gebäudes; Spanplatten schützen die Bima vor dem weiteren Verfall. Eine Tür weiter türmen sich Schuttberge. In dem Raum habe die Gemeinde schon so viele schöne Veranstaltungen abgehalten, schwärmt die Vorsitzende. Heute ist alles nur noch eine Baustelle. Die Decken sind teils eingefallen. Große Risse durchziehen die Wände.

Ein Starkregen vor wenigen Monaten hat das denkmalgeschützte Gebäude dann gänzlich in eine Ruine verwandelt. Vielmehr ist dadurch der wahre Zustand des Fachwerkhauses ans Tageslicht gekommen: Die Holzbalken sind von Braun- und Nassfäule befallen, Nagekäfer haben sich eingenistet. Die tragenden Balken des Dachstuhls zerfallen stellenweise.

Dass das Haus heute überhaupt noch steht, ist den Baustützen zu verdanken. Von der Decke und aus den Wänden hängt die neu verlegte Elektrik, die sanierten Fenster sind teils kaputt. Mehrere zehntausend Euro stecken bereits in dem Gebäude. Die Handwerksarbeiten – sie waren alle umsonst. Architekten beziffern die anfallenden Sanierungskosten auf rund 420.000 Euro. Woher sie das Geld nehmen sollen, fragt sich Elena Miropolskaja. Waren doch für die Sanierung des Dachstuhls ursprünglich einmal 265.000 Euro angedacht.

Pachtvertrag Während das Haus Tag für Tag verfällt, läuft der Erbbaupachtvertrag weiter – und damit auch die Kosten, für die die Gemeinde aufkommen muss: der monatliche Pachtzins in Höhe von 300 Euro sowie die Betriebskosten in Höhe von zirka 500 Euro. So wurde es mit dem Landkreis vereinbart. Für die 112 Mitglieder sei das eine Last, sagt die 59-Jährige. Sie hat nun um Aufhebung des Erbbaupachtvertrages gebeten. Doch ob die lokalen Politiker dem zustimmen, werde frühestens im Oktober entschieden.

Trotz der misslichen Lage hat Elena Miropolskaja die Hoffnung nicht aufgegeben. »Wir sind eine sehr aktive Gemeinde, und das bleiben wir auch«, sagt die Frau aus dem ukrainischen Charkiw. Seit 1999 lebt sie mit ihrer Familie in Deutschland. Oranienburg beschreibt sie als eine sehr aufgeschlossene Stadt. »Unserer Gemeinde erfährt hier viel Hilfe.«

Veranstaltungen Stolz zählt sie die regelmäßigen Veranstaltungen auf, die sie mit ihren Mitgliedern organisiert: Tanz für Kinder und Erwachsene, Deutsch- und Computerkurse sowie Exkursionen, Gesundheitstage und Konzerte. Außerdem pflegen die Mitglieder den jüdischen Friedhof, helfen bei Arztbesuchen und Terminen bei Ämtern. »Wir sind außerdem auch gut vernetzt«, sagt die Vorsitzende, »ob im ›Forum gegen Rassismus‹ oder im Seniorenbeirat.«

Die Mitgliederzahl steige stetig, sagt Miropolskaja. »Nicht nur alte, auch junge Menschen kommen zu uns. Eines unserer Mitglieder lebt eigentlich in Berlin. Aber er hat sich trotzdem für uns entschieden.« Die Gemeinde sei hauptsächlich russischsprachig, doch auch deutsche Juden gehören dazu. »Bei der Gründung war ein Holocaust-Überlebender aus Oranienburg dabei, leider ist er mittlerweile verstorben.«

Das jüdische Leben hat in der Stadt, die nur eine Autostunde von Berlin entfernt ist, also wieder Wurzeln geschlagen. Dass die Bleibe der Gemeinde bisher ungeklärt ist, verursacht der Vorsitzenden trotzdem Kopfzerbrechen. »Bald ist unser Neujahrsfest – aber wir wissen überhaupt nicht, wo wir es begehen werden.«

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