Hisbollah

Im Norden nichts Neues

Die IDF bereitet sich auf einen möglichen dritten Libanonkrieg vor

17.08.2017 – von Tal LederTal Leder

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Seit dem zweiten Libanonkrieg 2006 ist es an der israelischen Nordgrenze bis zum heutigen Tag relativ ruhig geblieben. Doch seit sich die radikalislamische Hisbollah am syrischen Bürgerkrieg beteiligt, ist sie mächtiger als je zuvor, und je mehr das Regime in Damaskus zerfällt, umso mehr steigt die Wahrscheinlichkeit einer dritten israelisch-libanesischen Auseinandersetzung.

»Im Norden nichts Neues«, sagt ein hoher IDF-Offizier im Hauptstützpunkt der Marine in Haifa. »Hassan Nasrallah hat große Angst vor einer israelischen Invasion. Der Hisbollah-Chef ist besorgt um den Machterhalt seiner Gotteskrieger«, fügt Brigadegeneral Amos hinzu. In der Tat ist es in Rosch Hanikra, einem Ort an der Mittelmeerküste in Nordisrael, und in Metulla an der israelisch-libanesischen Grenze ziemlich friedlich. Oder ist das nur die Ruhe vor dem Sturm? Seit 2006 ist es bis auf ein paar kleine Scharmützel relativ ruhig geblieben.

Strategie Am Morgen des 12. Juli 2006 kletterten mehrere Kämpfer der libanesischen schiitischen Terrororganisation über den Grenzzaun, lauerten einer israelischen Patrouille auf, griffen sie an, töteten dabei drei Soldaten auf der Stelle und verschleppten zwei weitere Schwerverletzte: Ehud Goldwasser und Eldad Regev. Dies führte zu einem Krieg, der insgesamt 34 Tage wütete.

Nachdem Israel zu Beginn lediglich die entführten Soldaten befreien und eine begrenzte Operation durchführen wollte, verstrickte sich der jüdische Staat in ein für ihn noch nie dagewesenes Szenario. Die israelische Strategie bis 2006 war es, militärische Auseinandersetzungen stets weit vom Landesinneren fernzuhalten. Die Kämpfe sollten auf Feindesgebiet ausgetragen werden.

Auch auf dem Schlachtfeld wurden sehr viele taktische Fehler gemacht. Die IDF war auf diese Auseinandersetzung nicht richtig vorbereitet, ihre Reservisten nicht entsprechend trainiert. Das Aktionsmuster, das damals im Westjordanland recht erfolgreich angewandt wurde, ließ sich auf den Libanon nicht übertragen.

Erfolg Trotzdem sprechen heute immer mehr Experten und ehemalige hohe Offiziere von einem langfristigen Erfolg. Brigadegeneral Amos befehligte damals eine Kommandoeinheit der Kampfschwimmverbände und griff einen Hisbollah-Stützpunkt in Tyros an. Dabei wurden zahlreiche Terroristen getötet und mehrere Raketenwerfer zerstört. Er zeigt auf den Hügel jenseits des Sperrzauns, wo einige kleine Dörfer liegen. »Die Infrastruktur der Hisbollah wurde hart getroffen«, sagt er. »Am zweiten Tag des Krieges vernichtete die israelische Luftwaffe in nur 34 Minuten alle 59 Langstreckenraketen ihres Arsenals.«

Tatsächlich verlor die Terrororganisation während der gesamten Kampfhandlungen über 800 Kämpfer. Ihr logistisches Zentrum wurde zerstört, und selbst Generalsekretär Nasrallah gab danach in einem Fernsehinterview zu, wenn er gewusst hätte, dass die Israelis so massiv reagieren würden, hätte er niemals den Befehl am 12. Juli 2006 gegeben.

Der Krieg endete am 14. August 2006 mit Verabschiedung der UN-Resolution 1701, indem beide Konfliktparteien einem Waffenstillstand zustimmten. Die internationale UNIFIL-Mission wurde in die Region entsandt, die unter anderem den Waffen- schmuggel vor der libanesischen Küste verhindern sollte, was ihr aber kaum gelang.

Iran Als verlängerter Arm des Erzfeindes Iran bleibt die Hisbollah für Israel die größte Bedrohung in der Region. Geheimdienstoffiziere gehen davon aus, dass die Organisation über 100.000 Raketen besitzt. Viele Sicherheitsexperten glauben, dass es nicht mehr lange dauert, bis es zum nächsten Libanonkrieg kommt. Die Hisbollah hat, wie sie selbst sagt, noch Rechnungen mit dem jüdischen Staat offen. Immer wieder werden ihre Waffenlieferungen zerstört. Auch kamen in den letzten Jahren führende Köpfe ihrer Organisation durch Anschläge ums Leben – so auch Imad Mughniyah, der Planer der Entführung von Goldwasser und Regev.

Das gesamte Nordkommando arbeitet derzeit intensiv an neuen Angriffs- und Verteidigungsszenarien. Unter anderem investiert die IDF in einer bessere Überwachung der Grenzen, etwa durch moderne Elektronik. Auch entstanden immer mehr Wachtürme, und Soldaten patrouillieren die sogenannte Blaue Linie rund um die Uhr. Der Ausbau des mehrstufigen Raketenabwehr- und Frühwarnsystems wird kontinuierlich verbessert, genauso wie die Bunkeranlagen. Doch wenn es zu einem neuen Krieg kommt, wie würde er aussehen?

Szenarien Amos erklärt, dass mehrere Szenarien denkbar sind. Eines wäre zum Beispiel ein israelischer Präventivschlag gegen die iranischen Atomanlagen. Dann könnte die radikal-schiitische Miliz aus dem Libanon im Auftrag Teherans mit dem Raketenbeschuss auf den jüdischen Staat beginnen. Eine andere Möglichkeit könnte eintreffen, wenn das Mullahregime in Teheran tatsächlich in den Besitz der Bombe kommt. Mit nuklearer Abschreckung könnte es dann zu einem Dschihad gegen Israel aufrufen. Aber auch schon ein kleiner Zwischenfall an der Grenze könnte einen Konflikt ausbrechen lassen.

Was auch immer der Auslöser sein wird, die IDF wird mit drei großen Problemen konfrontiert werden. Da die Hisbollah im Besitz vieler Langstreckenraketen ist, die sie in schiitischen Wohngebieten, Dörfern und Städten im Südlibanon platziert hat, könnten in den ersten Wochen 1200 Raketen pro Tag auf fast ganz Israel niedergehen.

Auch würde die Hisbollah versuchen, auf israelisches Gebiet einzudringen, um kleine Gebiete zu erobern und die dortigen Bürger zu massakrieren oder als Geiseln zu nehmen. Seit 2011 kündigt Nasrallah immer wieder die Eroberung Galiläas an. Eine weitere Taktik wäre, durch Kurzstreckenraketen die Zahl der zivilen Opfer zu maximieren, in der Hoffnung, Demoralisierung und Massenevakuierung der entsprechenden Gemeinden zu verursachen. Auch könnte gleichzeitig die Hamas aus dem Gazastreifen Israel beschießen.

Syrien Doch der jüdische Staat hätte natürlich eine harte Antwort parat. Der gesamte Libanon wäre vor israelischen Luftschlägen nicht mehr sicher, und seine komplette Infrastruktur würde lahmgelegt werden. Die IDF würde trotz hoher Verluste tief in den Südlibanon eindringen, um am Ende den verlängerten Arm des Iran zu paralysieren. Und auch wenn die Hisbollah Israel erheblichen Schaden zufügen könnte, ist sie nicht annähernd eine existenzielle Bedrohung für den Staat. Doch der dritte Libanonkrieg würde nach Experteneinschätzung viel extremer werden als die Auseinandersetzung 2006, mit vielleicht ähnlichen Konsequenzen wie nach dem Jom-Kippur-Krieg 1973.

Doch gleichzeitig ist die Hisbollah tief in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt. Sie hat zwar dort wichtige Kampferfahrung auf dem Schlachtfeld erworben und sich von einer Guerillatruppe fast zu einer richtigen Armee transformiert, doch echte Erfolge kann sie kaum vorweisen. Im Gegenteil: Sie hat in Syrien über 2500 Kämpfer verloren und weitere 6000 Verletzte zu beklagen. Ein Drittel der »Partei Gottes« kämpft auf Seiten des Diktators Assad.

Deshalb hängt die Entscheidung, einen neuen Krieg gegen Israel zu beginnen, auch von der Situation in Syrien ab. Solange die Hisbollah in Kämpfe mit sunnitischen Gruppen wie IS und Al Nusra verstrickt ist, ist es unwahrscheinlich, dass Nasrallah gleichzeitig gegen den jüdischen Staat vorgehen wird. Auch wenn er mit seinen Raketen Tel Aviv, Aschkelon, Dimona und Beer Sheva treffen kann, ist er sich bewusst, dass eine neue Front nicht nur zu einer militärischen Niederlage gegen die IDF, sondern auch gegen die radikalen Sunniten in Syrien führen konnte.

Brigadegeneral Amos sagt lächelnd: »Die Hisbollah hat ziemliche Angst vor uns und der nächsten Auseinandersetzung« – und fügt nach einem kleinen Zögern noch hinzu: »Mehr als wir.«

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