Liebe

»Eigentlich ein Wunder«

Claudia Schwartz und Shaul Bustan über ihr Buch »Meschugge sind wir beide«

10.08.2017 – von Sophie Albers Ben ChamoSophie Albers Ben Chamo

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Frau Schwartz, warum haben Sie dieses Buch geschrieben?
Das Buch hat eigentlich mich gefunden. Ich hatte die Geschichten unserer Familien schon immer im Kopf, und während der Schwangerschaft wollte ich sie für unseren Sohn aufschreiben. Dann sind wir im ZDF-Morgenmagazin aufgetreten und haben über uns und unsere Großeltern erzählt. Im Anschluss ging alles ganz schnell, verschiedene Verlage baten mich um ein Exposé.

Und dann haben Sie innerhalb eines halben Jahres dieses Buch geschrieben, mit Baby im Bauch.
Genau. Und nach ein paar Seiten habe ich Gefallen daran gefunden. Ich wusste: Wenn jemand unsere Geschichte aufschreibt, dann ich selbst und kein Ghostwriter. Es ist ja unsere, wirklich sehr persönliche, Geschichte, die ich erzähle.

Welche Rolle spielten Sie, Herr Bustan?
Ich habe die Geschichte meiner Eltern und Großeltern aufgeschrieben. Zuerst auf Hebräisch, dann haben wir sie übersetzt und eingefügt. Und wir haben natürlich die ganze Zeit darüber gesprochen. Außerdem war ich erster Leser der Geschichte. Es war ein sehr schöner, sehr emotionaler Prozess.
Schwartz: Er hat mich auch immer angefeuert: »Los jetzt!« Es ist schon etwas sehr Besonderes für eine Beziehung, wenn man sich so intensiv mit der eigenen Geschichte und der seiner Familien auseinandersetzt. Und das auch noch in der ersten Zeit mit dem Baby. Wir waren wie in einem Kokon. Jetzt fängt unser Kind an zu laufen, und das Buch wird veröffentlicht. Zwei Babys!

War das Schreiben während der Schwangerschaft nicht besonders emotional?
Schwartz: Natürlich war die Geschichte unserer Großeltern hart. Die meiner Großeltern, aber viel mehr noch die von Shaul: Wie sein Opa den Todeszug von Iasi überlebt hat; das Schicksal von Oma Sarah, die unter dem Bett versteckt wurde, auf dem die Leiche ihrer Mutter lag. Da habe ich mich schon gefragt, ob ich mich damit jetzt wirklich auseinandersetzen will.

Haben Sie daran gedacht, aufzuhören?

Schwartz: Nein, das nicht! Ich habe dann zwei Tage ausgesetzt und etwas gemacht, das so gar nichts mit diesem schrecklichen Teil unserer Geschichte zu tun hat. Auch der Tod von Shauls Mutter oder die Geschichte meiner Eltern waren nicht einfach. Oder – auch wenn es nicht zu vergleichen ist – die Erlebnisse, die man hat, wenn man als deutsch-israelisches Paar in der Welt unterwegs ist. Wie selbstverständlich es ist und dann auch wieder nicht.

Wie meinen Sie das?
Schwartz: Ich habe mich mehr und mehr von der Idee verabschiedet, dass die Menschen um einen herum dieselben Werte haben. Sogar wenn es enge Freunde sind.

Hat Sie das alles verunsichert oder in Ihrer Identität bestärkt?
Schwartz: Bestärkt! Als wir geheiratet haben, war zum Beispiel das Konvertieren nie ein Thema, denn es war ganz klar: Du bist du, und ich bin ich, und ich liebe dich, so wie du bist. Es geht darum, den anderen so anzunehmen, wie er ist. Ich finde, das trägt auch ganz viel Hoffnung in sich. Es ist ja nicht selbstverständlich, gerade in der heutigen Zeit, wo durch viele Länder ein Rechtsruck geht. Da will ich diese Erkenntnis beschützen und bewahren.

Beunruhigt Sie die Zeit, in der wir leben?
Bustan: Ja. Wir reden über das, was passiert. Darüber, dass extreme Dinge in Deutschland geschehen, manchmal auch in Berlin. Wir sind nicht naiv. Wenn sich das Klima eines Tages wirklich ändert, müssen wir noch einmal überlegen, was wir tun.
Schwartz: Als deutsch-israelisches Paar kann man die Vergangenheit nicht ausblenden. Der Gedanke »Was tun wir, wenn es wiederkommt?« ist da. Das fing schon an mit der Überlegung, welchen Nachnamen unser Kind tragen soll.

Haben Sie je überlegt, nach Israel zu gehen?

Bustan: Natürlich sind meine Familie und meine Freunde dort, aber die Situation in Israel ist im Moment nicht geeignet für uns. Und man muss auch sagen, dass viele Israelis nicht so tolerant sind, wenn man eine Nicht-Israelin ins Land bringt.

Wie jeckisch sind Sie denn schon geworden, Herr Bustan?
Bustan: Auf der Hochzeit hat mein Bruder gesagt: »Shaul war schon immer ein Jecke-Potz. Nun ist er nach Deutschland gegangen, um ein Super-Jecke-Potz zu werden.«
Schwartz: Während unserer Ehe haben sich die kulturellen Unterschiede geglättet; in manchen Dingen haben wir uns auch angeglichen. Heute habe ich manchmal mehr Chuzpe als Shaul. Dann sagt er: »Beruhig dich mal!« Oder ich sage ihm, dass er sich mal locker machen soll, weil er so strikt ist.

Der Kontrapunkt des Buches ist der lange Schatten der Schoa in Deutschland. Wie präsent ist der in Ihrem Alltag?
Bustan: Gerade in Berlin spürt man die Geschichte, egal wo man ist. Ich lese jeden Stolperstein. Aber ich war froh zu sehen, dass die Deutschen auch an die Überlebenden erinnern ...
Schwartz: Einmal waren wir in Berlin-Mitte, in der Nähe des Jüdischen Friedhofs. Es war Herbst, dunkel und kalt, und wir sind diese Straße entlanggelaufen, da sagte Shaul plötzlich: »Oh, ich habe Gänsehaut! Stell dir vor, wir würden hier stehen, 70 Jahre früher.« Da kommen Emotionen hoch, die man gar nicht rationalisieren kann. Die äußern sich als körperliche Reaktion.
Bustan: In den letzten paar Jahren habe ich mehr mit Deutschen als mit Israelis zu tun gehabt. Natürlich kommt ab und zu die Frage: »Und, wo kommst du her?«. Und dann redet man ein bisschen. Ich habe das Gefühl, dass ich dazu beitragen kann, dass die Leute die Dinge ein wenig anders betrachten. Auch mit meinen Witzen. Viele Deutsche haben Angst vor dem Thema Schoa.

Frau Schwartz, im Buch zitieren Sie immer wieder Shauls Holocaust-Witze, die Sie gar nicht lustig finden. Können Sie mittlerweile darüber lachen?
Schwartz: Nein. Darüber kann ich nicht lachen, und darüber werde ich auch nie lachen können.

Verstehen Sie das, Herr Bustan?

Bustan: Natürlich verstehe ich das. Sie hat ja einen anderen Hintergrund als ich. Aber das kann sich mit der Zeit auch ändern. In ein paar Jahren wird sie vielleicht doch darüber lachen.
Schwartz: Nein.

Shaul sagt im Buch den Satz: »Die Schoa ist immer da.«
Schwartz: Ja, die Geschichte ist immer präsent. Auch wenn wir wie jedes Paar im Alltag natürlich auch mit ganz anderen Herausforderungen zu kämpfen haben. Es gibt nun einmal diesen direkten persönlichen Bezug von uns zu diesem Thema. Es ging damals wirklich um die Essenz des Menschseins. Der Mensch wurde zerstört und musste danach wieder neu geschaffen werden.

Und 72 Jahre später gibt es Ihren Sohn.
Das ist eigentlich ein Wunder, wenn man sich das alles vor Augen hält. Ein großartiges Wunder. Und wenn es für mich eine Erkenntnis aus dem Buch gibt, dann ist das eine große Dankbarkeit gegenüber den Menschen in beiden Ländern in der Nachkriegszeit, die auch einen Grundstein dafür gelegt haben, dass es für uns heute absolut normal ist, eine Familie zu sein.

Das Interview führte Sophie Albers Ben Chamo.

Claudia S. C. Schwartz: »Meschugge sind wir beide«. Eden, Berlin 2017, 256 S., 14,95 €

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