Tischa beAw

Trauer und Sehnsucht

Die Erinnerung an den zerstörten Tempel ist Grundlage für die jüdische Gegenwart und Zukunft

27.07.2017 – von Rabbiner Jaron EngelmayerRabbiner Jaron Engelmayer

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Nissan, Ijar, Siwan, Juli, August, Elul ... Viele von uns zählen die Sommermonate nicht wirklich nach dem jüdischen Kalender. An den Fest- und Feiertagen wie Pessach, Jom Haazmaut, Lag BaOmer und Schawuot, die in die drei jüdischen Frühlingsmonate fallen, wird sowohl in jüdischen Erziehungseinrichtungen als auch in den Gemeinden viel und ausgiebig gelernt, gesprochen und gefeiert. Es sind schließlich sehr fröhliche Tage, wer möchte da gerne abseits stehen?

Da ist es doch praktisch und klug angelegt, dass die weniger attraktiven Monate des jüdischen Kalenders, Tamus und Aw, in denen die drei Trauerwochen liegen, umrandet von den zwei Fasttagen am 17. Tamus und am 9. Aw, in die von der Sommerpause überschattete Ruhezeit fallen. Damit kommen diese Monate – guten Grundes, aber eigentlich völlig ungewollt – weniger zur Geltung.

Freude In starkem Gegensatz hierzu stehen die Worte unserer Weisen im Talmud (Taanit 30b): »Jeder, der um Jerusalem trauert, wird den Verdienst haben, seine Freude zu sehen.«

Die drei Wochen im Sommer und insbesondere der Fasttag Tischa beAw, an dem wir um den Fall der Stadt Jerusalem und des Heiligen Tempels trauern, sind also ein wesentlicher Bestandteil, um sich auch an der erhofften Freude laben zu können. Aber wieso eigentlich?

Über Napoleon wird erzählt, dass er auf seinem Feldzug nach Russland an Tischa beAw an einer Synagoge vorbeikam, aus der lautes Weinen zu vernehmen war. Nach Klärung der Umstände musste er erstaunt feststellen, dass die dortigen Juden die Zerstörung des Tempels beklagten, der einst im weit entfernten Jerusalem stand und dessen Zerstörung 1700 Jahre zurücklag.

Bei dieser Gelegenheit soll der französische Kaiser voller Bewunderung ausgerufen haben: Ein Volk, das so stark mit seiner Vergangenheit verbunden ist, hat auch eine Zukunft!

Churchill In diesem Zusammenhang möchte ich eine interessante Geschichte aus dem jungen Tel Aviv der 30er-Jahre wiedergeben. Damals noch eine Kleinstadt, wurden die Bewohner durch die Ankündigung hohen Besuches in Aufregung versetzt: Sir Winston Churchill, der auch für das damalige Palästina zuständige britische Kolonialminister, wollte den Ort besuchen kommen!

Wie könnte die Weltberühmtheit gebührend empfangen werden, fragten sich die Tel Aviver. Der Stadtrat beschloss einen großen Empfang auf der Hauptstraße, die sich über Nacht durch das Einpflanzen importierter Bäume in eine prächtige Allee verwandeln sollte.

Dizengoff Kurz darauf schritten Winston Churchill und Meir Dizengoff, der erste Bürgermeister Tel Avivs, Seite an Seite durch die neue Allee. Währenddessen drängten sich die Bewohner Tel Avivs rund um die neu eingepflanzten Bäume, bis diese einer nach dem anderen umstürzten. Churchill fand am schnellsten die Fassung wieder und sagte zu Bürgermeister Dizengoff: »Tja, ohne Wurzeln kann keine Sache Bestand haben!« (zitiert nach Amos Bar, Erez Agada).

»Denn der Mensch ist (wie) der Baum des Feldes ...« (5. Buch Mose 20,19): Auch der Mensch braucht starke Wurzeln, die ihn nähren, um nicht umzufallen, um zu wachsen und Früchte hervorzubringen! Wer tief mit seiner Vergangenheit verbunden und verwurzelt ist, der hat auch eine Zukunft, denn er weiß, wer er ist und wohin er will. Wie es geschrieben steht in der Mischna, Sprüche der Väter 3,1: »Wisse, woher du kommst und wohin du gehst.«

gebetbücher Die Bedeutung der Trauer um die Stadt Jerusalem und den Tempel geht jedoch darüber hinaus. Am Beispiel des Zionismus lässt sich dies verdeutlichen: Im 19. Jahrhundert gab es Teile des deutschen und europäischen Judentums, die den Wunsch nach Rückkehr aus dem Exil ins Land Israel aus ihren Gebetbüchern verbannten.

Die Gebete wurden in ihrem seit Jahrtausenden üblichen Wortlaut geändert, und der Gedanke, in ein »Gelobtes Land«, das damals trostlos und verlassen irgendwo in einer ungastlichen Ferne lag, »zurückzukehren«, wurde ausgeschlossen.

Wer hätte damals auch gedacht, dass weniger als 100 Jahre später – innerhalb kürzester Zeit, historisch gesehen – ein unabhängiger blühender jüdischer Staat entstehen würde, der das Zentrum jüdischen Lebens ausmachen würde?

Doch es gab sie, diejenigen, die an genau diesem Gedanken festhielten und weiterhin von der Rückkehr ins Land Israel träumten! Vordergründig war es der moderne Zionismus, der zur Gründung des Staates Israel führte.

Die Grundlage hierfür bildeten Jahrtausende der Sehnsucht nach Rückkehr aus dem Exil ins Heilige Land, ins Land unserer Vorväter, die täglich dreimal in den Gebeten zum Ausdruck kommt: »Und versammle uns von den vier Ecken der Erde (...) und unsere Augen mögen schauen, wenn Du nach Zion in Erbarmen zurückkehrst« (aus der Amida, bekannt als Achtzehnbittengebet).

Sehnsucht Von der Rückkehr nach Israel können wir auf den Aufbau Jerusalems und des Heiligen Tempels schließen: Je höher der Stellenwert ist, den ihre Bedeutung im Leben des jüdischen Volkes einnimmt, und je tiefer der Verlust derselben verspürt wird, desto stärker wird auch die Grundlage für die Rückkehr und den Wiederaufbau sein, durch die große Sehnsucht und den starken Willen beschleunigt.

Rabbi Jehuda Halevi (1075–1141) führt in seinem Werk Hakusari (2,24) aus, dass beim Zweiten Tempel nicht mehr dieselbe hohe spirituelle Stufe erreicht werden konnte wie beim Ersten Tempel.

Das lag daran, so der Kusari, dass das jüdische Volk es versäumt hatte, dem Ruf der damaligen Propheten zu folgen. Die Juden wollten ihre soeben errungenen Bequemlichkeiten (errichtete Häuser, eingerichtete Geschäfte) nicht im babylonischen Exil zurücklassen, um im verwüsteten Zion den Zweiten Tempel neu zu errichten.

Schechina Da nur wenige diesem Ruf folgten, blieb die volle Wirkung des Heiligtums aus: Die g’ttliche Gegenwart (Schechina) ruhte nicht in ihr, wie im Ersten Heiligtum, die täglichen Wunder blieben aus, der Heilige Schrein kehrte nicht an seinen Platz zurück.

Der Talmud (Makkot 24b) erzählt von den Weisen, die kurz nach der Zerstörung des Tempels am selben Ort vorbeigingen und mitansehen mussten, wie aus dem früheren Ort des Allerheiligsten ein Fuchs hervorkam (damals waren es keine bewaffneten Terroristen ...).

Rabbi Akiwa Die Weisen begannen zu weinen, nur Rabbi Akiwa lachte. »Warum lachst du, Rabbi Akiwa?« »Und warum weint ihr?« »Wie können wir nicht weinen, angesichts dieser offenen Schande!« »Aus demselben Grund lache ich: So, wie sich die Prophezeiung von Uriah Hakohen über die Zerstörung erfüllte, so wird sich auch die Prophezeiung Secharjas erfüllen: ›Noch werden die Alten in den Straßen Jerusalems sitzen ... und die Straßen füllen sich mit Jungs und Mädchen, die in den Straßen spielen‹« (8, 4–5).

Vor den geistigen Augen Rabbi Akiwas entstand das Bild der heiteren und erfreulichen Zukunft, deren Realität in seiner Wahrnehmung ebenso echt war wie das erschütternde und traurige gegenwärtige Bild der Zerstörung.

Rabbi Akiwa und andere Juden gaben uns über 2000 Jahre hinweg ein Beispiel, durch die Trauer über den Verlust des heiligen Zentrums des jüdischen Volkes Stein um Stein die Grundlage für den dritten Tempel zu erbauen und mit dieser Sehnsucht zu seiner Wiedererrichtung beizutragen.

Möge sich bald in voller Weise die Vorhersage erfüllen: »Jeder, der um Jerusalem trauert, wird den Verdienst haben, seine Freude zu sehen!«

Der Autor ist Rabbiner in Karmiel/Israel.

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