Reformationsjahr

Relikt aus der Lutherzeit

In Wittenberg ist der Streit um das »Judensau«-Relief an der Stadtkirche neu entbrannt

13.07.2017 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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Der Gemeindevorstand will es. Der Stadtrat will es auch: Das umstrittene »Judensau«-Relief an der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt soll bleiben. In ihrer Sitzung Ende Juni stimmten die Stadtverordneten für den Erhalt der anderthalb Meter breiten Sandsteinskulptur.

Das an der Südwand des Chorraums am hinteren Ende der Stadtkirche angebrachte Reliefbild zeige zwar ein antisemitisches Motiv, dennoch stelle die aus dem 13. Jahrhundert stammende Plastik unbekannter Urheberschaft ein Stück Zeitgeschichte dar, das man nicht einfach so entsorgen könne, heißt es in einer zweiseitigen Erklärung der Fraktionen. Zudem weise die 1988 in den Boden unterhalb der »Judensau« eingelassene Gedenkplatte das Relief eindeutig als Mahnmal aus, meinen die Lokalpolitiker.

»Ich empfinde Scham, Wut und Entsetzen, wenn ich die Schmähskulptur betrachte. Jeder in Wittenberg findet sie absolut schrecklich, das ist keine Frage. Es geht um den richtigen Umgang mit diesem furchtbaren Erbe der Geschichte«, meint Johannes Block. Der Mann mit den kurzen grauen Haaren ist Pfarrer in Wittenberg. In der Stadtkirche St. Marien, Predigtkirche Martin Luthers und daher auch »Mutterkirche der Reformation« genannt, betreut der gebürtige Niedersachse seit mehr als fünf Jahren die Gemeinde.

erbe Bei allem Abscheu vor dem »Judensau«-Relief – mit der Entscheidung des Stadtrats ist Block zufrieden. Nur eine Erinnerungskultur mit dem Relief als »Originalstück am Originalplatz« werde dem historischen Erbe gerecht, ist der Pfarrer sicher. Bereits zu Beginn des Jahres hatte die Stadtkirchengemeinde ein Positionspapier verabschiedet. Darin spricht sich der Gemeindevorstand für den Erhalt der Schmähskulptur aus.

Um den richtigen Umgang mit der Wittenberger »Judensau« wird seit Langem gestritten. In Wittenberg und darüber hinaus. Jetzt, im »Lutherjahr«, anlässlich des 500. Jahrestages der Reformation, ist die Debatte neu und in aller Schärfe entbrannt. Für den lokalen Ableger der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD) gereichen das Thema »Judensau« und der Kampf um den Verbleib derselben gar als Wahlkampfthema.

Die Welt schaut in diesem für Protestanten ganz besonderen Jahr genau auf Wittenberg. Die jetzige Entscheidung des Stadtrats kann man daher als politisches Machtwort verstehen. Doch auch dieses Machtwort wird nichts daran ändern: Die »Judensau« bleibt in höchstem Maße problematisch.

mittelalter Das Relief zeigt eine obszöne antijüdische Spottdarstellung, wie sie zur Zeit des Hochmittelalters in Europa weit verbreitet war und bis heute an 30 evangelischen und katholischen Kirchen in Mitteleuropa zu finden ist.

Erkennbar sind Juden mit spitzen Hüten, die an den Zitzen einer Sau saugen. Eine Figur schaut dem in der Tora als unrein beschriebenen Tier unter den Schwanz. Über der Karikatur prangt – in Anspielung auf die jüdische Mystik – die Inschrift »Rabini Schem Ha Mphoras«.

Hinter dieser hebräischen Buchstabenfolge steht der Versuch der Kabbala, die Aussagen über das Wesen Gottes aus geheimen Zahlen- und Wortkombinationen abzuleiten. Als Ergebnis folgte daraus das hebräische »Shem-Ha-Mphoras«: der »ausgelegte (oder unverstellte) Gottesname«. Die Kabbalisten glaubten, dass diese Buchstabenfolge universelle Kräfte besitzt. Deshalb galt sie als besonders heilig, wurde vor Unberufenen verborgen gehalten.

inschrift Die Inschrift wurde der Schmähplastik erst um das Jahr 1570 herum hinzugefügt – sehr wahrscheinlich inspiriert durch Martin Luthers 1543 veröffentlichte Schrift Vom Shem Hamphoras und vom Geschlecht Christi, in der der Reformator in scharfem Ton gegen die seiner Meinung nach »abergläubischen und verstockten Praktiken« der jüdischen Kabbalisten gewettert hatte.

Luther nahm hier sogar unmittelbar Bezug auf das zu seiner Zeit bereits seit über zwei Jahrhunderten an der Stadtkirche hängende Relief. Luther schrieb: »Hinter der Saw stehet ein Rabin, der hebt der Saw das rechte Beim empor, und (…) kuckt mit grossem vleis der Saw in den Thalmud hinein, als wolt er etwas scharffes und sonderlichs lesen und ersehen.«

Die antijüdische Schrift reiht sich ein in eine ganze Reihe überlieferter Predigten, Vorlesungen und Aussagen Luthers, die von verächtlichen bis zu verteufelnden Ausfällen gegen Juden durchzogen waren: Entweder sie konvertieren zum (reformierten) Christentum, so Luthers Position, oder sie müssten mit Ausweisung und Tod rechnen.

protest »Nach der Schoa ist es ein Ding der Unmöglichkeit, an solch einer geschmacklosen Plastik festzuhalten. Sie muss von der Kirche abgenommen und in ein Museum verfrachtet werden«, fordert Thomas Piehler. Auch er ist protestantischer Pfarrer und leitet eine Gemeinde in Leipzig. Zusammen mit Unterstützern hat Piehler im Mai das »Bündnis zur Abnahme der Judensau im Reformationsjahr« gegründet. Einmal in der Woche protestiert das Bündnis vor St. Marien mit einer Mahnwache für die Abnahme der Skulptur.

»Nur mit einer Entfernung des Reliefs kann die ernsthafte Abkehr der evangelisch-lutherischen Kirche von ihrem geschichtlichen Erbe des Antisemitismus sichtbar gemacht werden«, ist Piehler überzeugt. Die Gedenkplatte reiche nicht aus. Sie sei wichtig, aber kein Ausdruck der »Bitte der Christen um Vergebung für das den Juden angetane Unrecht«, sagt der Pfarrer. Piehler fordert daher: »Die Judensau muss weg. Man lässt ja schließlich auch keine Hakenkreuze an Nazi-Bauten.«

Sein Berufskollege Block hält dagegen. Eine Abnahme wäre für ihn ein »Akt der Geschichtsvergessenheit«. Die Schmähplastik sei Ausdruck davon, »wie verächtlich das Christentum jahrhundertelang mit dem Judentum umgegangen ist«.
Die Skulptur sei »ein geistiges Kind des Mittelalters«. »Das 13. oder das 16. Jahrhundert mit dem 20., ›Judensau‹ und Hakenkreuz in einen Topf zu werfen«, stellt daher aus seiner Sicht »einen überaus schiefen Vergleich« dar.

Der Wittenberger Pfarrer spricht davon, die Schmähskulptur »außer Betrieb« zu nehmen. Wie das gehen soll? »Wir planen eine weitere Informationstafel unterhalb der Plastik. Ich könnte mir auch vorstellen, ein ganz neues Relief zu montieren, das das moderne, aufgeklärte christlich-jüdische Verhältnis widerspiegelt«, erklärt Block. Auf einem solchen neuen Relief könnten dann zum Beispiel ein Rabbiner und ein Pfarrer zu sehen sein, die einander umarmen, regt Block an.

fehler Michael Groys kann angesichts solcher Vorschläge nur die Stirn runzeln. Der 25-jährige Politologe und Publizist aus Berlin bezeichnet sich selbst als »jüdischen Aktivisten«. Im letzten Jahr ist er nach Wittenberg gefahren, um sich die »Judensau« anzuschauen. Eine 2016 von einem britischen Theologen gestartete Online-Petition zur Entfernung des Reliefs hatte damals sein Interesse an dem Thema geweckt.

»Jeder Tag, an dem diese Skulptur an der Stadtkirche hängt, ist ein Tag zu viel. Die ›Judensau‹ ist eine unsägliche Manifestation des uralten christlichen Antisemitismus«, meint Groys. Er unterstützt die Initiative zur Abnahme der Skulptur. Eine Gedenkplatte oder eine Informationstafel seien nicht genug. Die Entscheidung des Stadtrats zum Erhalt der Schmähplastik betrachtet Groys als großen Fehler. »Wer Luther sagt, muss auch seinen Antisemitismus benennen«, findet er.

Die Initiative komme im Lutherjahr also genau zur rechten Zeit. Nur müsse der jüdische Protest gegen die »Judensau« deutlicher wahrzunehmen sein, findet Groys. Schließlich würden doch alle Juden weltweit durch das Relief beleidigt.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht zwei Möglichkeiten, wie man mit dem antijüdischen Relief umgehen könnte. Entweder es wird abgenommen, oder man ergänzt es durch eine eindeutig erklärende Tafel. »Das wäre ein guter Weg, um diese antisemitische Abbildung einzuordnen«, sagt Schuster.

stachel Der Wittenberger Stadtpfarrer Block ist dem Zentralratspräsidenten für seine moderate Haltung dankbar. Mit der Aufstellung der neuen Informationstafel zusätzlich zu dem bereits bestehenden Mahnmal sieht er die Forderung Schusters umgesetzt.

»Geschichte lässt sich nicht entsorgen. Die Schmähplastik wird der Stachel im Fleisch bleiben, der das Gedenken und Erinnern immer wieder neu provoziert und entzündet«, sagt Block. Eine Änderung der Position des Gemeindevorstands im Lutherjahr sei nicht zu erwarten, sagt der Pfarrer. Da könne Kollege Piehler noch so oft von Leipzig nach Wittenberg kommen und Mahnwachen abhalten.

Und nach dem Jubiläumsjahr? Da werden die Debatten um den richtigen Umgang mit der »Judensau« weitergehen. Trotz Positionspapier und Stadtratsmachtwort. Da sind sich die beiden Pfarrer und auch Aktivist Groys sicher.

Das letzte Wort ist in der Sache sicherlich noch nicht gesprochen. Nur wird die Welt im nächsten Jahr dann nicht mehr ganz so genau auf Wittenberg schauen.

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