Pro&Contra

Mehr Rechte für »Vaterjuden«?

Zwei Positionen zur Debatte

29.06.2017 – von Rabbiner Arie FolgerRabbiner Arie Folger und Lea Wohl von HaselbergLea Wohl von Haselberg

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Contra – Rabbiner Arie Folger: »Die Gemeinden sollen jüdische Ehen fördern, statt Nichtjuden aufzunehmen«

Eine Voraussetzung für die Mitgliedschaft in jüdischen Gemeinden ist, dass die Antragsteller jüdisch sind. Nicht nur in traditionellen jüdischen Gemeinden, zu denen sowohl orthodoxe als auch Einheitsgemeinden zählen, sondern auch in den liberalen oder Masorti/Conservative-geprägten Gemeinden Deutschlands gilt als Jude, wer von einer jüdischen Mutter geboren oder in einem von der Gemeinde anerkannten Übertritt zum Judentum konvertiert ist.

Will man also die Frage klären, ob Menschen mit jüdischem Vater, Menschen jüdischer Herkunft, die laut Religionsgesetz nicht als jüdisch gelten, für eine Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde in Betracht kommen, dann kann man die Frage aus zwei Blickwinkeln betrachten: Warum gilt dieser Mensch nicht als jüdisch, und wieso nimmt eine jüdische Gemeinde grundsätzlich nur Juden als Mitglieder auf?

Wer ist Jude? Immer wieder liest oder hört man, dass es nicht immer so war, dass nur solche Kinder als jüdisch gelten, die von einer jüdischen Mutter geboren wurden. So schrieb auch Annette M. Boeckler am 3. Mai 2013 in der Jüdischen Allgemeinen: »In der Tora – wie auch in allen anderen Teilen der Bibel sowie in den nachbiblischen Schriften bis ins 2. Jahrhundert hinein – wird die Zugehörigkeit zum Volk Israel über die väterliche Abstammungslinie definiert.«

Diese Behauptung ist meiner Ansicht nach nicht wissenschaftlich und erst recht nicht religionsgesetzlich zu belegen. Boeckler selbst dokumentiert mehrere Quellen aus der Mischna und dem Tanach, der Hebräischen Bibel, aus denen das Matrilinearitätsprinzip klar zu entnehmen ist. Der Tanach erzählt 1500 Jahre Geschichte und 613 Ge- und Verbote in lediglich 304.901 Wörtern, sodass nicht erwartet werden kann, dass jedes Thema im Detail ausgelegt wird. Dass dennoch so viele Stellen auf die Matrilinearität hinweisen, unterstreicht deren Bedeutung. Die deutlichsten Stellen sind Esra 9–10, wo Kinder nichtjüdischer Frauen ausdrücklich wie ihre Mütter betrachtet werden, und Nechemia 10,31 und 13, 23–31, wo besonders betont wird, dass die Kinder solcher Ehen als »nejchar«, also als nichtjüdisch gelten. Malachi 2, 10–16 bezeichnet die zweite Ehe zu einer nichtjüdischen Frau als besondere Untreue.

Im Buch Ruth sterben die zwei Männer, die sich moabitische Frauen nahmen, früh. Erst als Ruth ihre Loyalität zum Judentum überzeugend verkündet, kann sie aufgenommen werden, und auch ihr späteres Kind wird Teil des jüdischen Volkes. In Richter 14,3 kritisieren die Eltern von Samson ihren Sohn: »Ist denn keine Frau unter den Töchtern deiner Brüder oder unter meinem Volk, dass du hingehst und eine Frau nimmst bei den Philistern, die unbeschnitten sind?« Auch König Salomon wurde für seine Liebe zu zahlreichen nichtjüdischen Frauen stark kritisiert.

Die Behauptung, dass die jüdische Identität einst über die väterliche Linie weitergegeben wurde, erscheint manchen glaubhaft, weil die Tora weder der interkonfessionellen Ehe noch der Patrilinearität ausdrücklich widerspricht. So scheint es wenigstens auf den ersten Blick. Doch es stimmt nicht, dass die Tora zur Matrilinearität schweigt.

Bezüglich des Kindes einer jüdischen Tochter, die einen Nichtjuden heiratet, heißt es (5. Buch Mose 7, 3–4): »Du sollst deine Töchter nicht seinem Sohne geben, noch ihre Töchter für deinen Sohn nehmen; denn er (der nichtjüdische Schwiegersohn) wird deine Söhne (also Enkelkinder) von mir abwendig machen.« Dass aber die nichtjüdische Schwiegertochter die Enkel »abwendig von G’tt« macht, darüber sagt die Tora kein Wort, weil deren Kinder ja ohnehin nicht jüdisch sind. Dass dies die richtige Interpretation des Textes ist, ergibt sich auch aus der Tatsache, dass Esra 9,2 im Wortlaut an die obige Stelle im 5. Buch Mose erinnert: »Denn sie haben deren Töchter genommen für sich.«

Die halachische Regel der Matrilinearität wird sich also nicht ändern. Zwar erkennt die Reformbewegung in den Vereinigten Staaten Vaterjuden seit 1983 an. Trotzdem geht es deren Gemeinden nicht besser. Die Verwässerung wesentlicher jüdischer Prinzipien führt nicht zu einer breiteren und tieferen Verbindung mit der jüdischen Gemeinschaft und dem Judentum, sondern zu Gleichgültigkeit. Unmittelbar gewinnt man vielleicht ein paar Mitglieder, langfristig aber geht das Schiff unter. Oder wie der ehemalige britische Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks sagt: »When Judaism is easy, people lose faith.«

Warum also sollte eine jüdische Gemeinde Vaterjuden, das heißt Nichtjuden jüdischer Herkunft, aufnehmen? Damit man den Konflikt, in dem diese Menschen bereits leben (nämlich, dass sie unter Nichtjuden als Juden und unter Juden als Nichtjuden gelten), auf weitere Menschen überträgt und damit dafür sorgt, dass es noch mehr interkonfessionelle Ehen geben wird? Damit Entscheidungen von Leuten getroffen werden, die (solange sie sich nicht entscheiden, zu konvertieren) das Judentum zwar unterstützen, aber nicht zur jüdischen Zukunft gehören können?

Eine viel bessere Lösung ist es, innerjüdische Ehen zu fördern – und für die, die es ernsthaft wollen, den Weg zu einer anerkannten Konversion zu ermöglichen. Anderen Interessenten kann man ein kulturelles Programm anbieten, zum Beispiel als Mitglieder eines Vereins der Freunde einer jüdischen Gemeinde vor Ort. Ein solcher Verein sollte Menschen jüdischer Abstammung, aber auch anderen offenstehen.

Arie Folger ist Oberrabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Zuvor war er in Basel, München, Karlsruhe und Frankfurt am Main tätig.


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