Lemberg

»Ein Brennglas europäischer Geschichte«

Lutz C. Kleveman über das »Jerusalem Europas«, den Holocaust und die Vorstellung des k.u.k. Reichs als Vielvölkerparadies

Aktualisiert am 27.06.2017, 12:56 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Kleveman, Sie haben jahrelang als Journalist aus gefährlichen Krisengebieten der Welt berichtet. Jetzt ist ein Buch von Ihnen über die alte jüdische Metropole Lemberg erschienen. Warum ausgerechnet Lemberg?
Nach dem Ausbruch der Ukraine-Krise bin ich erstmals im Sommer 2014 nach Lemberg gereist, um mir ein Bild von der Lage im Land zu machen. Dabei habe ich mich in die Stadt verliebt. Sie ist ungewöhnlich schön, mitteleuropäisch wie Prag oder Krakau, mit kopfsteingepflasterten Gassen und Architektur aus Barock bis Jugendstil. Mittendrin findet man aber auch die Grundmauern von zerstörten Synagogen. Da wollte ich mehr über die Geschichte der Stadt herausfinden.

Ist Lembergs Vergangenheit auch für das aktuelle Geschehen in der Ukraine relevant?
Absolut. Was mich an dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russland interessiert, sind die historischen Ursachen. Rein journalistische Berichte sind ja oft eigenartig geschichtslos, als ob Revolution und Krieg einfach vom Himmel fallen würden. Aber so ist es ja nicht. Beide Seiten im Ukraine-Konflikt setzen Geschichte als Propaganda ein. Sie streiten über unterschiedliche historische Erfahrungen, über Kollaboration und Widerstand, mit und gegen Nazis und Bolschewiken. Wie in den Jugoslawien-Kriegen wurde die böse Saat also oft bereits vor langer Zeit gelegt.

Als die Ukraine noch Teil der russisch dominierten Sowjetunion war?
Ja, und noch früher. Lemberg ist ein Brennglas europäischer Geschichte, hier verdichtet sich das Drama des 20. Jahrhunderts wie nirgendwo sonst. Seit dem Habsburger Reich und bis in die 1930er-Jahre war Lemberg eine große kulturelle Metropole, in der Polen, Juden, Deutsche und Ukrainer friedlich koexistierten. Dann aber verlor die Stadt, ähnlich wie Wilna, durch den Zweiten Weltkrieg, sowjetische Deportationen, den Holocaust und die Vertreibung der Polen fast alle ihre Einwohner – und damit ihre kulturelle Persönlichkeit und ihr Gedächtnis. Jene Ereignisse wirken bis heute nach.

Die Habsburger Zeit wird gern als idyllische Völkerfamilie beschrieben, in der Lemberg als tolerantes »Jerusalem Europas« galt. Ist dies eine rückblickende Verklärung, oder war es wirklich so?
Da kommen Mythos und Realität zusammen. Angesichts des totalitären Terrors der 1940er-Jahre erscheint die Habsburger Zeit heute in einem milden Licht. Dabei war die k.u.k Lebenswirklichkeit eher vom Kasernenhof als vom Kaffeehaus geprägt. Es stimmt, die verschiedenen Volksgruppen Lembergs lebten friedlich zusammen oder zumindest nebeneinander. Jede hatte ihre eigene Religion, drei Erzbischöfe residierten in der Stadt. Man trieb Handel, trank zusammen Kaffee und heiratete noch über ethnische Grenzen hinweg. Wahr ist aber auch, dass Galizien schon im 19. Jahrhundert zu einem Piemont rivalisierender Nationalismen der Polen und Ukrainer wurde. Nur die imperialen Habsburger Institutionen schützten Juden und Ukrainer vor Übergriffen der dominanten Polen. Als die Stadt nach 1918 der Republik Polen zugeschlagen wurde, gingen die Probleme richtig los.

Welche Bedeutung hatte die Stadt damals für die jüdische Kultur?

Lemberg war eine der großen jüdischen Kulturmetropolen Europas. Mehr als 100.000 Juden lebten dort, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Die meisten waren Aschkenasim, andere Nachfahren von Sefarden, Chasaren und Karäern. Es gab mehr als 100 Synagogen, Tempel und Bethäuser in Lemberg, errichtet von Orthodoxen und Chassiden sowie Reformierten der Haskala-Bewegung. Letztere übten oft akademische Berufe aus, die meisten Lemberger Juden waren kleine Händler und Handwerker.

Gab es nicht auch viele jüdische Künstler und Wissenschaftler?
Ja, sie hatten einen großen Anteil an der Blütezeit der Stadt, der Lemberger Moderne der 1920er-Jahre, die der Berliner oder Wiener Moderne um nichts nachstand. In meinen Recherchen bin ich auf faszinierende Persönlichkeiten gestoßen, so etwa die jiddische Schriftstellerin Deborah Vogel, die Muse von Bruno Schulz. Beide wurden 1942 von den Nazis ermordet und dann lange vergessen, wie so viele einst bekannte Lemberger. Sie wiederzuentdecken und über ihr Leben und Wirken zu schreiben, statt nur über ihren gewaltsamen Tod, das war mir wichtig.

Inwiefern?
Weil Juden in vielen Büchern über den Holocaust oft nur als Statistiken vorkommen, quasi als Opferzahlen mit vielen Nullen. Fast erscheint es, als ob Juden nur als stumme Opfer interessant seien, nur als tote Juden brauchbar für Thesen zu deutscher Schuld und Geschichte. Aber der Holocaust war ja nicht nur ein gigantischer Massenmord, sondern auch der Schlusspunkt vieler individueller Biografien, deren Wert im Leben selbst lag und nicht in dessen Ende. Zusammen ergaben sie eine reiche, sensible Lebenskultur, die im heutigen Europa spürbar fehlt. Davon handelt mein Buch.

Lassen Sie uns trotzdem auch davon sprechen, welche Verbrechen die Nazis in Lemberg begangen haben …
Als die Wehrmacht Lemberg im Juni 1941 von der Roten Armee eroberte, wurden die Juden für sowjetische Massaker an Ukrainern verantwortlich gemacht. Die Deutschen stachelten die Bevölkerung zu zwei fürchterlichen Pogromen an, in denen etwa 6000 jüdische Lemberger auf offener Straße erschlagen und erschossen wurden. Bald darauf richtete die SS in der Stadt ein Ghetto und das Konzentrationslager Janowska ein, das nur 20 Minuten Fußweg vom Opernhaus entfernt lag. Dort wurden etwa 200.000 Juden umgebracht, viele mehr von SS-Einsatzgruppen erschossen oder im Vernichtungslager Belzec vergast. Nur einige Hundert galizische Juden überlebten den Holocaust.

Welche Rolle spielte dabei die Kollaboration von Ukrainern und Polen mit den Nazis?
Eine große. Polen und Ukrainer waren sich zwar inzwischen spinnefeind, aber es einte sie noch immer ihr virulenter Antisemitismus. Kaum jemand war bereit, jüdische Mitbürger zu verstecken oder mit Nahrung zu versorgen. Ukrainische Milizen machten Jagd auf Juden, die aus dem Ghetto entflohen waren, und lieferten sie bei SS und Gestapo ab. So gab es für die Lemberger Juden kaum ein Entkommen. Tausende Ukrainer beteiligten sich zudem als Hilfspolizisten und KZ-Wachpersonal an den Menschenjagden und Mordaktionen der Nazis.

Wie geht die Ukraine heute mit der Erinnerung an das jüdische Lemberg und die NS-Zeit um?

Schon in der Sowjetunion wurde die jüdische und polnische Vergangenheit der Stadt totgeschwiegen oder umgedeutet, ebenso die Verbrechen der 1940er-Jahre. Das geschieht bis heute. An Lemberger Schulen erfährt man noch immer nicht, dass in der Stadt einmal mehr als 100.000 Juden lebten und was aus ihnen wurde. Dabei sind die Überreste der Synagogen, die die deutschen Besatzer und ihre ukrainischen Helfer 1942 zerstörten, noch vielerorts sichtbar. Die Geschichte ist roh und unmittelbar erfahrbar, aber Erinnerungsplaketten oder Denkmäler sucht man bislang oft vergebens.

Spielt die Kollaboration in der Erinnerungskultur der Gegenwart eine Rolle?
Sie wird verdrängt, sie ist ein Tabu. In der Ukraine ist der Staat noch zu jung, die Zivilgesellschaft zu schwach und die Findung einer gemeinsamen nationalen Identität zu schwierig, als dass sich viele Historiker oder Politiker an dieses Thema heranwagen würden. Eher wird die Kollaboration mit den Nazis in der Westukraine als hehrer Kampf gegen die Sowjets verbrämt. Ein ukrainischer Veteran der Waffen-SS, den ich interviewen konnte, sprach offen und sogar stolz über seinen Dienst.

Konnten Sie für Ihre Recherchen noch viele Zeitzeugen ausfindig machen?
Einige, aber auch sie erinnerten sich sehr, nun ja, einseitig. So leugneten sie alle, dass es je Pogrome in Lemberg gegeben habe. Das kann so nicht stehen bleiben, auch deswegen habe ich dieses Buch geschrieben.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

Lutz C. Kleveman: »Lemberg. Die vergessene Mitte Europas«. Aufbau, Berlin 2017, 315 S., 24 €

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