Mira Magén

»Ich lebe nicht in Frieden mit mir selbst«

Die Schriftstellerin über Glauben und Zweifel, den Wandel Jerusalems und die Annäherung zwischen nationalreligiösen und ultraorthodoxen Juden

18.05.2017 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann

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Frau Magén, Ihr neuester Roman »Zu blaue Augen« erzählt nicht nur von Frauenfiguren einer Familie, sondern auch von Bauprojekten in Jerusalem, von Stadtentwicklung und Gentrifizierung …
Ja, ich schreibe über die Zerstörung von alten Gebäuden – und über die Absichten von Bauunternehmern, an ihrer Stelle Hochhäuser zu errichten. Ich selbst lebe in Talpiot-Arnona und bin eine Nachbarin des 1970 verstorbenen Literaturnobelpreisträgers Samuel Joseph Agnon. Er lebte in der Klausnerstraße 16, ich wohne in der Klausnerstraße 15. Warum erwähne ich das? Weil das Viertel, in dem ich lebe, einen sehr »grünen« und schönen und alten Charakter hat. Aber jetzt entstehen an seinen Rändern Hochhäuser, die den Charakter des Viertels stark verändern. Wohnungen in Jerusalem sind sehr teuer, und ich bedauere sehr, wie das Gesicht der Stadt sich wandelt.

Woran machen Sie das fest?
Im Stadtzentrum leben weniger Israelis als früher. Leute aus dem Ausland kaufen Wohnungen und kommen nur zum Urlaub in die Stadt. Viele Wohnungen stehen leer oder werden nur vorübergehend vermietet. Ich finde das sehr schade. Jerusalem hat so viele schöne Viertel, und manche wirken heute leer, wie Geisterviertel. Niemand wohnt dort noch wirklich.

Wie lange leben Sie selbst schon in Israels Hauptstadt?

Wir wohnen schon mehr als 20 Jahre in Jerusalem. Vorher haben wir in Beer Sheva gelebt. Wir sind wegen der Arbeit meines Mannes nach Jerusalem gezogen.

War Jerusalem vor 20 Jahren eine andere Stadt als heute?
Es herrschten weniger Angst und Misstrauen in den Beziehungen zwischen Juden und Arabern. In den vergangenen Jahren hat sich das leider sehr zum Negativen verändert.

Was hat sich noch verändert?
In Jerusalem gibt es ein sehr starkes natürliches Bevölkerungswachstum. Viele ultraorthodoxe Juden ziehen in Viertel, in denen vorher vor allem Säkulare gewohnt haben – zum Beispiel Ramot. Früher war das eine »gemischte« Nachbarschaft, heute ist sie überwiegend religiös. Und in Rechavia wohnen jetzt vor allem amerikanische Charedim. Ich nenne sie »Charedim Light« – sie sind nicht ganz so streng wie die Ultraor-thodoxen in Mea Schearim. Aber das einstige Rechavia der gebildeten Jeckes, der deutschen Juden der 60er- und 70er-Jahre, existiert nicht mehr. Auch viele weitere Viertel haben ihr Gesicht verändert. Als »gemischt« oder pluralistisch würde ich heute nur noch Beit Hakerem und die Moschawa Germanit, die »Deutsche Kolonie«, bezeichnen. Vielleicht auch Talpiot-Arnona, Gilo und Armon Hanatziv, aber das sind neuere Viertel, nicht das alte »authentische« Jerusalem.

Ihre Eltern waren orthodox …
Ja, ich stamme aus einer »nationalreligiösen« Familie – aus der Bevölkerungsgruppe, die früher zum »Hapoel Misrachi« gerechnet wurde und heute zum »Jüdischen Haus« von Naftali Bennett. Die Kinder besuchen die Aktivitäten der Jugendorganisation Bnei Akiva. Man fühlt sich in dieser Gruppe sowohl den Geboten der Tora als auch der Existenz des Staates Israel verpflichtet. Und bis heute spielt sich mein Leben in diesem gesellschaftlichen Rahmen ab.

Wie religiös sind Sie?
Ich praktiziere einen orthodoxen jüdischen Lebensstil, aber er entspricht nicht meinem Geist. Ich lebe mit einem gespaltenen Bewusstsein, ich lebe nicht in Frieden mit mir selbst. Ein wichtiger Antrieb für mein Schreiben ist es, dieser Unruhe und dem inneren Lärm eine Art Katharsis zu verleihen. Meine eigene Welt, mein Glauben und meine Philosophie stehen im Widerspruch zu meinem Lebensstil. Aber ich bin auch nicht in der Lage, die Welt der Mizwot aufzugeben – ich stehe mit einem Bein innerhalb der orthodoxen Welt, mit dem anderen Bein draußen. Niemand würde mich mit Sanktionen belegen, wenn ich aussteigen würde – es geht um meine innere Welt. Ich hänge sehr am Glauben. Ich entferne mich zwar manchmal davon, doch dann kehre ich wieder zurück. Mein ganzes Leben ist in diesem Stil abgelaufen.

Aber Sie halten sich an die Vorschriften der Halacha, zum Beispiel an Kaschrut?
Wir sind Vegetarier, also ist Kaschrut für uns kein großes Thema. Aber wir fahren nicht am Schabbat, mein Mann trägt eine Kippa und betet dreimal am Tag. Unsere drei Kinder haben staatlich-religiöse Schulen besucht. Ich sehe zwar nicht so aus, wie man sich religiöse Frauen vorstellt – so wie unsere »Weiber« in der Synagoge (lacht). Obwohl unsere Synagoge pluralistisch ist und nicht so sehr darauf geachtet wird, wie lang der Rock ist.
Haben Sie trotzdem gelegentlich Konflikte deswegen?
Nein, sondern wegen meiner politischen Ansichten. Ich gehöre nicht zu den Unterstützern des »Jüdischen Hauses«. Ich sehe mich selbst als pluralistisch und offen. Und ich unterstütze eine Zweistaatenlösung im Konflikt mit den Palästinensern.

Ich habe gehört, dass Sie Nachbarn haben, die sich weigern, Ihre Bücher zu lesen …
Auch in meiner Familie wollen manche meine Bücher nicht lesen! Einige mögen die Stellen nicht, die sie als frech gegenüber der Religion empfinden, und andere mögen die erotischen Passagen nicht. Überhaupt ist die Gender-Problematik in der religiösen Bevölkerung Israels ein zunehmend heißes Thema.

Meinen Sie mit »religiöser Bevölkerung« die Nationalreligiösen oder die Ultraorthodoxen?
Das Thema ist inzwischen auch bei den Anhängern des »Jüdischen Hauses« angekommen. In diesen Kreisen singen Mädchen nicht mehr, wenn Männer anwesend sind, und auch immer mehr Väter von Töchtern, die staatlich-religiöse Schulen besuchen, kommen nicht zu Abiturfeiern, wenn die Mädchen dabei Gesangsstücke vortragen. Sie sehen es als Fortschritt. Aber ich sehe es als Rückzug, als Annäherung an die ultraorthodoxe Welt. Kennen Sie den Ausdruck »Chardalim«?

Noch nicht.
»Chardalim« ist eine Abkürzung für »Charedi-Dati-Leumi« – also »orthodox-nationalreligiös«. Das ist eine wachsende Gruppe von Israelis, die überwiegend in den Siedlungen lebt. Die Frauen tragen Kopfbedeckung und lange Röcke, und schon bei Mädchen in der dritten und vierten Klasse kommen die Väter nicht mehr zu den Feiern in der Schule, wegen des Gesangs. Als ich noch ein Kind war, war das ganz anders. Bei Bnei Akiva haben wir zusammen getanzt, Jungen und Mädchen, und wir hatten gemischte Jugendgruppen. Heute gibt es das nicht mehr.

Wie wird sich das Ihrer Einschätzung nach in Zukunft entwickeln?
Ich glaube, dass es in einer kommenden Generation eine starke Reaktion geben wird. Die heutigen Kinder der Siedler, darunter auch die »Hügeljugend«, identifizieren sich sehr stark mit politischen Zielen und mit dem Anliegen der Siedlungen. Manche Kinder sind viel radikaler als ihre Eltern, aber es gibt auch andere, die ihre Religion aufgeben. Ich glaube, dass eine Generation später ein Gleichgewicht eintreten wird. Derzeit habe ich den Eindruck, dass das nationalreligiöse Lager sich sehr stark auf sich selbst zurückzieht, und auf eine Welt, in der die Frau vor allem als Hausfrau und Hausherrin gilt. Natürlich hat die Frau in dieser Welt ihren Wert und ihre Ehre. Aber in Elon Moreh zum Beispiel, einer Siedlung im Westjordanland, hat ein Rabbiner festgelegt, dass Frauen sich nicht als Stadträtinnen aufstellen lassen sollen. In Fällen wie diesem kollidieren die Prinzipien von Halacha und Demokratie. Und wenn wir der Halacha einen höheren Wert beimessen als der Demokratie, dann verlieren wir den gemeinsamen Nenner in der israelischen Gesellschaft.

Wie reagiert Ihre Leserschaft auf Ihre Ansichten, insbesondere im nationalreligiösen Lager?
Anfangs wurde ich nicht zu Lesungen in den Siedlungen eingeladen, und auch nicht in religiöse Schulen. Mittlerweile werde ich eingeladen, allerdings nicht in diejenigen Siedlungen, die zum »harten Kern« gerechnet werden. Insgesamt aber haben sie anscheinend weniger Angst als früher.

In Ihrem jüngsten Buch leben die Frauenfiguren im Konflikt mit sich selbst – doch Sie finden für alle einen Ausweg. Sind Sie eine Schriftstellerin des »Happy End«?
Ich bin eine Schriftstellerin, die sich nicht mit den globalen Problemen der israelischen Gesellschaft auseinandersetzt, und zwar deshalb, weil sie mich viel zu sehr beunruhigen. Mein Rettungsanker als Autorin ist der Rückzug ins Privatleben meiner Figuren. Meine Themen sind Alter, Angst vor dem Alter, Liebe, Mutterschaft – und Gott.

Sie haben einmal gesagt, als Schriftstellerin könnten Sie eine alternative Welt erschaffen ...
Ich kann die Realität nicht ändern, aber als Autorin habe ich einen Tisch, ein paar Blatt Papier und einen Computer. Wir können nicht aus unserem Leben aussteigen, aber wir können uns zusätzliche Leben erfinden.

Im Juni jährt sich der Sechstagekrieg 1967, als Israel die Altstadt Jerusalems eroberte, zum 50. Mal. Haben Sie den Krieg in Jerusalem miterlebt?
Nein, ich war Soldatin im Kibbuz »Tirat Zvi« in der Nähe von Beit Schean und saß mit den Kibbuzkindern im Bunker. Die Jordanier haben uns bombardiert. Mein späterer Mann, damals Kibbuzmitglied, kämpfte als Soldat auf den Golanhöhen, und ich hatte große Angst um ihn.

Welche Erinnerungen haben Sie noch?
Für mich war es eine sehr, sehr traumatische Erfahrung. Es endete zwar in großer Freude, denn der Staat Israel war vor seiner drohenden Auslöschung gerettet und hatte einen riesigen Sieg errungen, aber sehr schnell zeigten sich auch die Schatten.

Mit der israelischen Autorin sprach Ayala Goldmann.

Mira Magén
wurde Anfang der 50er-Jahre als Tochter einer jüdisch-orthodoxen Familie in Kfar Saba geboren. Ihre Eltern waren während der NS-Zeit aus Polen und der Tschecho-slowakei geflohen. Magén leistete in Israel Militärdienst, studierte Psychologie und Soziologie und arbeitete als Krankenschwester. 1994 erschienen ihre Erzählun-gen »Gut zugeknöpft« auf Deutsch. Es folgten die Romane »Klopf nicht an diese Wand« (2001), »Schließlich, Liebe« (2002) und zuletzt »Zu blaue Augen« (2017). Mira Magén zählt zu den meistgelesenen israelischen Autoren in Deutschland.

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