Omer

Wann sollen wir opfern?

Wie eine kleine exegetische Meinungsverschiedenheit zu politischem Streit führte

11.05.2017 – von Rabbiner David BollagRabbiner David Bollag

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Bibelexegese spielt sich nicht im Vakuum ab. Die Interpretation der Tora steht in direkter Beziehung zu verschiedensten Ereignissen in der Umgebung der Exegeten.

Auch politische Ereignisse spielen eine wichtige Rolle bei der Erklärung des biblischen Textes. In unserer Parascha findet sich ein Beispiel, das die direkte Beziehung von Politik und Exegese in klassischer Art illustriert.

Schawuot Unmittelbar nach der Vorschrift, Pessach zu feiern, befiehlt die Tora, von der ersten Ernte des Jahres ein Opfer darzubringen und von dem Tag dieses Opfers an sieben Wochen zu zählen, um unmittelbar danach wieder ein Opfer darzubringen und einen Festtag zu feiern, den wir Schawuot, Wochenfest, nennen (3. Buch Mose 23, 9–21). Das Maß des Ernteopfers ist ein Omer – 2000 bis 4000 Kubikzentimeter –, das Opfer wird deshalb Omer-Opfer genannt, und die sieben Wochen werden als Omerzeit bezeichnet.

Für das Pessachfest gibt die Tora ein genaues Datum an: »Am 15. Tag dieses Monats (Nissan) ist das Mazzotfest vor Gott. Sieben Tage sollt ihr Mazzot essen« (23,6). Doch für den Tag, an dem das Omer-Opfer dargebracht werden soll, findet sich keine explizite Angabe des Datums. Die Tora sagt lediglich, dass das Omer-Opfer »mimachorat HaSchabbat«, am Tag nach dem Schabbat (23,11), dargebracht wird und dass von ebendiesem Tag an die sieben Wochen gezählt werden sollen.

Streit Zur Zeit des Zweiten Tempels entstand unter den Juden ein heftiger Streit darüber, welcher Tag mit »mimachorat HaSchabbat« gemeint sei. Die Sadduzäer vertraten die Ansicht, dass der erste Sonntag nach dem Beginn des Pessachfests gemeint sei. Sie argumentierten, dass »Schabbat« auch hier – wie gewöhnlich – die Bezeichnung für den siebten Tag der Woche sei, also den Schabbat, und dass die Tora mit »mimachorat HaSchabbat«, am Tag nach dem Schabbat, folglich den Sonntag nach dem ersten Pessachtag im Sinn habe.

Die Pharisäer hingegen widersprachen dieser Meinung. Sie waren überzeugt, dass »mimachorat HaSchabbat« der 16. Nissan ist, der Tag nach dem ersten Tag Pessach, und stützten ihre Ansicht hauptsächlich auf die mündliche Tradition.

Die mündliche Tora, so die Pharisäer, habe eindeutig überliefert, dass das Omer-Opfer am 16. Nissan dargebracht werden müsse und dass an diesem Tag die Omerzeit beginne. Zudem, fügten die Pharisäer hinzu, sei den Sadduzäern entgangen, dass »Schabbat« in der Tora oft als Bezeichnung für einen Feiertag gewählt werde, also nicht immer den siebten Tag der Woche bezeichne. In unserer Parascha beispielsweise wird Jom Kippur, der längst nicht immer auf einen Schabbat fällt, »Schabbat« genannt (23,32).

»Schabbat« kann also auch »Feiertag« heißen, und »mimachorat HaSchabbat« ist in unserem Fall (Kapitel 23, Verse 11 und 15) der Tag nach dem Feiertag – das heißt nach dem ersten Tag des Pessachfestes –, also der 16. Nissan.

Die Sadduzäer, die die mündliche Tora nicht akzeptierten, beharrten jedoch auf ihrem Standpunkt, dass »mimachorat HaSchabbat« der erste Sonntag nach dem ersten Tag Pessach sei. So weit die Exegese.

Mischna Nun zur Politik. Die Mischna, das Hauptwerk der pharisäischen Tradition, beschreibt in Menachot 10,3, wie die Getreideähren für das Omer-Opfer geschnitten wurden. Das Schneiden an sich war eine einfache Handlung, die nur einige Minuten in Anspruch genommen und in aller Stille in der Nacht des 16. Nissan hätte durchgeführt werden können. Da die Pharisäer aber genau wussten, dass die Sadduzäer anderer Ansicht waren, wann das Omer-Opfer darzubringen sei, benutzten sie diese eigentlich kurze und einfache Zeremonie des Schneidens der Ähren für das Omer-Opfer, um ihre eigene Meinung in aller Öffentlichkeit zu demonstrieren.

Zu diesem Zweck machten sie die einfache Zeremonie zu einer riesigen Angelegenheit. Es sollten möglichst viele Leute anwesend sein, und vor jeder kleinen Handlung wurden alle Anwesenden dreimal gefragt, ob sie nun durchgeführt werden soll, und alle waren aufgefordert, jedes Mal laut und deutlich mit »Ja« zu antworten.

Dieses Beispiel zeigt, wie sich eine kleine exegetische Meinungsverschiedenheit durch politische Einflüsse zu einer großen Angelegenheit entwickeln kann, und führt uns die direkte Beziehung von Religion und Politik vor Augen.

Die Sadduzäer sind zwar von der Bildfläche der Geschichte verschwunden, doch auch in unserer Zeit sehen wir den direkten Einfluss von Politik auf die Religion. Die Kippa beispielsweise, die ständige Bedeckung des Kopfes, hätte im orthodoxen Judentum bestimmt nicht die große Bedeutung, die ihr heute beigemessen wird, wenn das Reformjudentum das Tragen der Kippa nicht hätte abschaffen wollen. Wie das Omer-Opfer am 16. Nissan ist die Kippa heute ein Mittel, die Zugehörigkeit zur Orthodoxie zu demonstrieren.

Der Autor ist Rabbiner einer Gemeinde in Efrat bei Jerusalem und lehrt an den Universitäten Zürich und Luzern.
Die Originalfassung des von uns bearbeiteten Textes erschien in dem Band »Mismor LeDavid. Rabbinische Betrachtungen zum Wochenabschnitt« (Verlag Morascha, Basel 2007).

Emor
Am Anfang des Wochenabschnitts Emor stehen Verhaltensregeln für die Priester und ihre Nachkommen. Ferner wird beschrieben, wie die Opfertiere beschaffen sein müssen. Außerdem werden kalendarische Angaben zu den Feiertagen gemacht: Schabbat, Rosch Haschana, Jom Kippur und die Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot werden festgelegt. Gegen Ende des Wochenabschnitts wird erzählt, wie ein Mann den Gottesnamen ausspricht und für dieses Vergehen mit dem Tod bestraft wird.
3. Buch Mose 21,1 – 24,23

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