9. Mai

Die Erinnerung wachhalten

Jüdische Überlebende aus Leningrad treffen sich regelmäßig im Russischen Haus

04.05.2017 – von Maria UgoljewMaria Ugoljew

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Leonid Iljitsch Berezin steht mit einem Mikrofon in der Hand im Konferenzraum 311. Vor ihm sind Tische zu einem Rechteck angeordnet. Etwa 30 Frauen und Männer haben daran Platz genommen. Am oberen Ende steht der 88-Jährige, mit dunklem Anzug und Krawatte, kurzes graues Haar. An seinem Sakko blitzt der Anstecker seines Vereins »Zhivaja Pamjat« hervor, »Lebendige Erinnerung«. 2014 hat er ihn initiiert. Unterstützt wurde er dabei vom deutsch-russischen Klub Dialog, seit 2016 wird der Verein von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« (EVZ) gefördert.

Einmal im Monat kommen die Mitglieder in dem holzvertäfelten Raum im Russischen Haus an der Friedrichstraße zusammen. Viele von ihnen haben im Kindesalter die Leningrader Blockade miterlebt. Die meisten sind Juden. Einige leben seit mehreren Jahren in Berlin, andere bereits seit Jahrzehnten. Die Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, die Tragödie, die sich während des Zweiten Weltkriegs in der Stadt an der Newa ereignet hat, vor dem Vergessen zu bewahren.

belagerung 900 Tage mussten die Menschen dort unter deutscher Belagerung ausharren. Am 8. September 1941 nahm die Schreckensgeschichte ihren Anfang. Erst am 27. Januar 1944 sollte sie durch die Rote Armee beendet werden. In der Zwischenzeit starben die in der Stadt eingeschlossenen Menschen an Hunger, Kälte, Krankheiten, Artilleriebeschuss und Bombardement. Die Anzahl der Toten schwankt zwischen 600.000 und 1,2 Millionen. Heute leben weltweit noch einige Tausend Überlebende der Blockade, in Berlin etwa 60. Die Frauen und Männer nennen sich selbst »Blokadniki«.

Dorothea Abramovna Palej ist eine der wenigen im Konferenzraum, die die gesamte Blockade in Leningrad – heute Sankt Petersburg – miterlebt hat. Viele der Anwesenden sind im Winter und Sommer 1942 aus der Stadt gebracht worden. Als die Belagerung durch die deutsche Wehrmacht begann, war Dorothea Abramovna Palej fünf Jahre alt.

Zum Treffen im Russischen Haus hat sie für die Vereinsmitglieder Hintergrundinformationen zu einem aktuellen Urteil des Bundessozialgerichts mitgebracht. Leonid Berezin bittet sie nach vorne. Während sie ihre Unterlagen auf dem Tisch ablegt, wird im Saal schwarzer Tee ausgeschenkt und Kuchen verteilt.

rente In dem Urteil vom 30. Juni 2016 geht es um die Invalidenrente, die die Russische Föderation den Überlebenden der Leningrader Blockade gewährt, egal ob sie in Russland oder im Ausland leben. Sie werde in Deutschland nicht mehr als Einkommen erfasst, heißt es in einem aktuellen Rundschreiben, aus dem Dorothea Abramovna Palej zitiert. Vielmehr handle es sich um eine Entschädigung.

Das sei eine gute Nachricht, sagt die ehemalige Eisenbahningenieurin, die seit 1998 in Deutschland lebt. Sie habe das Prüfungsverfahren über- und bestanden. Jeder, der berechtigt ist, solle darüber nachdenken, es ihr gleichzutun.

Der Kampf um eine angemessene finanzielle Absicherung im Alter spielt bei den Berliner Blokadniki eine zentrale Rolle. Oftmals sind die Vereinsmitglieder Bezieher der Grundsicherungsleistung. Ersparnisse dürfen sie dabei so gut wie keine haben. Bei anderen Einkommensquellen wird die ohnehin schon geringe staatliche Unterstützung sofort gekürzt. Hinzu kommt, dass viele von ihnen als »Kontingentflüchtlinge« in Deutschland kein Recht auf Fremdrente haben.

Während den deutschstämmigen Zuwanderern – den Spätaussiedlern – bei der Rentenberechnung ihre Erwerbsjahre in der Sowjetunion angerechnet werden, zählt die frühere Berufstätigkeit bei den zugewanderten russischsprachigen Juden nicht.

ehrengast Warum das so sei, wollen sie an diesem Abend von Swen Schulz wissen. Der Bundestagsabgeordnete ist als Ehrengast geladen. Er stößt mit einer kleinen Verspätung in die Runde. Antworten hat der SPD-Mann allerdings keine. »Ich möchte mich für die Gleichstellung im Rentengesetz einsetzen«, sagt er, »ich entscheide das aber nicht allein.«

Man habe Arbeitsministerin Andrea Nahles sogar schon einen Brief geschrieben, erzählen ihm die Vereinsmitglieder. Doch sie habe ihre Bitte, die Sachlage zu prüfen und einen Weg zu finden, wie die Senioren unterstützt werden könnten, abgelehnt.

Hastig werden in einem Nebenraum Fotokopien vom Briefwechsel angefertigt. »Ich gebe Ihnen das nachher sofort mit!«, ruft eine Frau energisch. Es wird laut durcheinander gesprochen. Das Thema erhitzt die Gemüter. Die russisch-deutsche Sprachbarriere erschwert die Diskussion.

antisemitismus Auch der antisemitische Angriff an einer Berliner Schule in Friedenau wird thematisiert. »Was tun die Abgeordneten dagegen?«, möchte ein Mann wissen. »Antisemitismus ist tatsächlich ein riesiges Problem«, antwortet ihm Swen Schulz. Die Politik müsse mit Härte und Klarheit dagegen vorgehen.

Nach einer Stunde wird der SPD-Mann aus der Fragerunde entlassen und ein weiteres Treffen vereinbart, um im Austausch zu bleiben. Auch eine Führung durch den Reichstag ist geplant. Neben dem Briefwechsel drückt Berezin dem Bundestagsabgeordneten ein russisch-deutsches Heft in die Hand, das anlässlich des 75. Jahrestags der Leningrader Blockade veröffentlicht wurde. Darin kommen einige der Vereinsmitglieder zu Wort, darunter Mark Borissowitsch Toumarkin, Jahrgang 1936.

Im Winter wurde er als Fünfjähriger mit seiner Mutter aus Leningrad auf dem »Weg des Lebens«, der über den zugefrorenen Lagoda-See führte, herausgeschleust. Mitten auf dem Eis ging das Benzin aus. Im Tausch für Schokolade und Wodka – Dinge, die die Mütter vorsorglich eingepackt hatten: Schokolade gegen den Hunger, Wodka zum Schutz vor Erfrierungen – konnte der Fahrer neuen Kraftstoff besorgen.

blumen Heute begleitet Toumarkin die Vereinssitzung am Flügel. Hastig greift er in die Tasten. Chaotische Hintergrundmusik erklingt. Emsiges Treiben bleibt im Saal 311 bis zum Schluss. Leonid Iljitsch Berezin ruft noch einmal durchs Mikrofon, dass die Vereinsmitglieder ihre Eintrittskarten für ein Konzert doch abholen mögen.

Auch die nächsten Treffen sollen sie im Blick behalten, wie etwa die Exkursion ans Sowjetische Ehrenmal im Berliner Stadtteil Pankow. Dort werde man anlässlich des 9. Mai Blumen niederlegen. Ein Bus sei bereits bestellt.

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