Jom Haschoa

Briefe für die Ewigkeit

Ami Granek fand Schreiben seiner Angehörigen aus Frankfurt wieder

21.04.2017 – von Sabine BrandesSabine Brandes

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Sie sind vergilbt, an den Ecken eingerissen, manche Worte sind nicht mehr zu entziffern, andere noch klar und deutlich: »Liebes Kind Pepi ...«, »Es ist alles schwer ...«. Nach dem Tod seiner geliebten Mutter Pepi im Alter von 94 vor einem Jahr fand Ami Granek Stapel von Briefen und Postkarten in ihrer Wohnung, manche waren fast acht Jahrzehnte alt. Für den Mann aus Ramat Gan war der Fund nicht nur historisch, sondern hochemotional. Denn er erzählt seine ganz persönliche Familiengeschichte. »Und die will ich jetzt für immer bewahren.«

Es waren zwei Sorten von Briefen, die für Granek ganz unterschiedliche Bedeutungen haben. Zum einen waren da die Zeilen seiner Großmutter Keile Klara Goldblatt aus Frankfurt an ihre Tochter Pepi in Jerusalem und an zwei ihrer anderen Kinder, Sali und Helena, aus Holland. Zum anderen fand Granek den Schriftverkehr zwischen seiner Mutter und seinem Vater Yaakov, den er nie richtig kennengelernt hatte.

übersetzung »Besonders die Briefe von Keile Klara waren bedrückend und traurig. Sie hatte am Ende alles verloren, ihre Kinder, ihr Geld, ihre Arbeit, am Ende sogar ihre Gesundheit, und war völlig verzweifelt«, erzählt Granek. Der Angestellte einer Hightech-Firma ließ die fast 90 Schreiben aus dem Deutschen ins Hebräische übersetzen. »Das war alles andere als einfach, denn etliche der Briefe meiner Großmutter waren in Sütterlin geschrieben. Außerdem war ihr Deutsch nicht perfekt, da sie eigentlich aus Polen stammte.«

Also musste Granek zwei verschiedene Übersetzerinnen engagieren. »Aber die haben ihre Arbeit fantastisch gemacht. Beim Lesen war es so, als würde alles für kurze Zeit wieder geschehen. Durch die Inhalte habe ich die Motivation bekommen, diese Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.«

Keile Klara wurde 1892 im polnischen Sokolov geboren und heiratete Wolf Goldblatt. Die beiden emigrierten nach Frankfurt und hatten fünf Kinder: Abraham, Pepi, Sali, Helena und Selma. Als Keile Klara mit Selma schwanger war, starb ihr Ehemann Wolf an einer Krankheit. Plötzlich war sie allein mit fünf Kindern. Zwar kam ihr Cousin Schaya aus Polen vorübergehend zum Helfen, doch die bittere Situation in Deutschland machte ihr schwer zu schaffen.

Kindertransport Dennoch erreichte sie, dass zwei ihrer Kinder mit Jugendorganisationen nach Palästina entkommen konnten: Abraham und Pepi. Sali und Helena wurden mit dem Kindertransport nach Holland geschickt. Die Jüngste, Selma, kam zunächst in die Israelitische Waisenanstalt am Röderbergweg 87 in Frankfurt und gelangte von dort sicher ins britische Mandatsgebiet, wo ihre Geschwister sie erwarteten.

Sali und Helena jedoch überlebten den Holocaust nicht. Sie wurden in Holland von den Nazis festgenommen und nach Auschwitz deportiert. Granek zeigt Fotos der beiden in Kostümen im holländischen Kinderheim. »Purim 1939« hatte ihre Mutter auf Hebräisch auf die Rückseite geschrieben. Durch die Briefe erfuhr Granek auch über sie Details und erzählt: »Es waren wundervolle Kinder. Sali war ein so hübscher Junge, dass er damals für Werbefotos Modell stand.«

Auf einem Bild lächeln Sali und Helena, Arm in Arm, in die Kamera. Zwei Jahre später ist Sali tot, ein Jahr darauf auch Helena. Von den Nazis ermordet. Ob ihre Mutter von ihrem Abtransport wusste, konnte Granek nicht herausfinden, denn der Kontakt riss im August 1939 kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs abrupt ab.

Die Originalbriefe hat Granek im Rahmen des Projekts »Fragmente sammeln« an die Schoa-Gedenkstätte Yad Vashem übergeben, denn dort seien sie am besten aufgehoben. Doch vorher hat er alles gescannt, bis ins kleinste Detail sortiert, katalogisiert und abgespeichert. Er ließ sogar Karten zu den verschiedenen Wohnorten der Goldblatts in Frankfurt anlegen sowie zum Verlauf des »Transports nach dem Osten« der Nazis, während dem seine Großmutter am 30. November 1942 in der Nähe der estnischen Stadt Tallinn starb.

Jekke-Wurzeln Ami wurde 1950 als Sohn von Pepi und Yaakov Granek in Jerusalem geboren. Seine Schwester Nurit ist sieben Jahre älter als er. Sein Vater starb an Krebs, als er gerade einmal vier Jahre alt war. »Ich hatte nie eine Vaterfigur in meinem Leben. Ich wusste auch nichts über ihn, meine Mutter hat nicht viel erzählt. Durch diese Briefe habe ich ihn gefunden. Ich habe viel durch die Beschreibungen seines Alltags erfahren, aber auch über seine Gedanken und Gefühle.«

Und das ist positiv für Granek: »Er schien ein sanfter, kluger Mann gewesen zu sein. Es ist schön, das zu wissen.« Und er weiß nun auch, dass Yaakov Granek, geboren in Schlesien, später nach Deutschland übersiedelte und dort zur Schule ging. »Jetzt bin ich ganz sicher, woher meine Jecke-Wurzeln stammen.«

Zu Pepi Graneks Lebzeiten hat Ami manchmal gefragt, ob er die Briefe aus Deutschland lesen dürfe. »Doch meine Mutter winkte immer ab, es sei zu schwer. ›Warte ab, bis ich nicht mehr da bin‹, sagte sie.« Und Ami wartete, denn Geduld sei eine seiner Stärken, sagt er. Viele der Briefe aus Frankfurt waren nicht datiert. Und dennoch schaffte er es, sie chronologisch zu ordnen. »Ich orientierte mich an Geschehnissen zu dieser Zeit in Deutschland, an Geburtstagen und Feiertagen, die erwähnt wurden«, erzählt er. »Es war das reinste Puzzlespiel.« Eines, das ihn nicht mehr loslässt.

Archiv Oft recherchiert er bis tief in die Nacht im Internet und in Archiven. Bei einer Recherchereise in den Kibbuz Ein HaNatziv, in dem sich seine Eltern kennenlernten, fand er per Zufall die beste Freundin seiner Tante Selma, Leah. »Seit ich die Briefe gefunden habe, ist so viel passiert.«

Es hat etwas von einer Mission. Granek schmunzelt. »Ich bin in unserer Familie jetzt als ›der Archivar‹ bekannt. Wenn es etwas zu recherchieren gibt, kommen alle zu mir.« Mittlerweile arbeitet er an einem Buch über die Historie der Familie Goldblatt/Granek. »Das Dokumentieren ist meine Aufgabe geworden – und die ist noch lange nicht beendet«, sagt er und wendet sich seinen Dokumenten auf dem Bildschirm zu. Dass die Aufgabe äußerst wichtig ist, davon ist er überzeugt. »Ich will, dass alles für die nächsten Generationen unserer Familie aufgehoben und ein Zeugnis für die Nachwelt ist.«

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