Kriege

Ethik des Präventivschlags

Die jüdische Tradition hält vorbeugende Selbstverteidigung für zulässig

21.04.2017 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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Im Juni jährt sich der Sechstagekrieg von 1967 zum 50. Mal. Der kürzeste aller Kriege im Nahen Osten prägte wie kein zweiter die Machtverhältnisse in der Region. Alle nachfolgenden militärischen Auseinandersetzungen und Krisen sind auch eine Konsequenz dieser sechs intensiven Kriegstage.

Bis heute hält nicht nur die Diskussion über die politischen Auswirkungen des Sechstagekrieges an. Es wird nach wie vor auch heftig über seinen Charakter gestritten: Angriffs- oder Verteidigungskrieg? Viele Historiker sehen den Sechstagekrieg als Wendepunkt in der israelischen Militärgeschichte.

Israels Armee hatte als Antwort auf die ägyptische Truppenkonzentration entlang der Grenze in einer überraschenden Offensive die Luftwaffe Ägyptens am Boden zerstört. In der Folge eroberte Israel den Sinai, Gaza, die Golanhöhen, Ost-Jerusalem und das Westjordanland.

Dem Angriff waren damals Wochen des Säbelrasselns des ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser vorausgegangen. Dieser hatte nicht nur wiederholt seine Entschlossenheit betont, Israel zu vernichten und die Juden ins Mittelmeer zu treiben, sondern auch handfeste Fakten geschaffen: So ließ Nasser die Meerstraße von Tiran abriegeln und schnitt Israel damit von der für das Land überlebenswichtigen Schifffahrtsroute ab.

maimonides War dies etwa keine Aggression? Hatte Nasser nicht unverblümt angekündigt, einen Vernichtungskrieg gegen Israel führen zu wollen? Hätte der jüdische Staat »wie der Hase vor der Kobra« auf einen Angriff warten müssen, um der moralische Sieger zu sein? Nein, sagt der Rabbiner und Rechtswissenschaftler Michael Broyde. Nicht nur das Völkerrecht halte vorbeugende Selbstverteidigung für gerechtfertigt, sondern auch die jüdische Tradition sei bei diesem Thema eindeutig.

»Wenn ich mir zu 100 Prozent sicher sein kann, dass eine gegnerische Attacke unmittelbar bevorsteht, ist ein Präventivschlag eine legitime und ethische Form der Selbstverteidigung. Die Rabbinen sind hier sehr deutlich«, erläuterte Broyde die halachische Auslegung bei einem Vortrag über »Militärethik aus jüdischer Perspektive« kürzlich im Jüdischen Museum Berlin.

vortrag Der amerikanische Professor von der Emory University in Atlanta ist akademischer Direktor des Programms »Gesetz und Religion«. Viele Jahre lang amtierte er als Dajan des Beit Din von Amerika, des größten jüdisch-religiösen Gerichts der USA. Das Thema »Ethik in Militär und Krieg in der jüdischen Tradition« ist sein Forschungsschwerpunkt.

Gibt es ethische Grenzen, die man im Krieg und auch bei der Bekämpfung von Terrorismus nicht überschreiten darf? Broyde erläutert in seinen Publikationen die jüdische Haltung zu diesen Herausforderungen und thematisiert dabei stets die grundlegende Frage nach der Anwendung kriegerischer Gewalt. Denn obwohl alle diese Fragen in einem aktuellen Kontext stehen, haben bereits die Rabbinen des Talmuds und spätere Exegeten, darunter Maimonides, Antworten darauf gegeben.

In der jüdischen Tradition wird leidenschaftlich über militärische Ethik diskutiert – freilich vor dem Hintergrund des Fehlens des Tempels, eines Königs, eines eigenständigen jüdischen Staats sowie einer jüdischen Armee.

Die Diskussionen zu jener Zeit wurden zwar ohne realpolitischen Bezug geführt, blieben aber dennoch nicht auf bloße Theorie beschränkt. Die Wiedergewinnung einer jüdischen Eigenstaatlichkeit war normativ immer präsent. Umso aktueller wurden die Diskussionen samt ihren Antworten ab 1948 mit der Gründung des Staates Israel.

Talmud Der Talmud lehrt, dass das in den Zehn Geboten festgeschriebene Gebot »Du sollst nicht morden!« wie alle anderen Gebote heilig ist und nur im äußersten Notfall aufgehoben werden darf.

Dies ist laut Broyde bei einer notwendigen Selbstverteidigung allerdings der Fall. »Wenn ich angegriffen werde, habe ich das Recht, mich mit allen Mitteln zu wehren«, erklärt Broyde. Das gelte im individuellen Fall genauso wie im Kriegszustand. Krieg sei nichts anderes als eine kollektive Form der Selbstverteidigung.

»Wann immer ich, meine Gruppe oder meine Nation angegriffen werden oder ein Angriff unmittelbar bevorsteht, habe ich das legitime Recht der Selbstverteidigung auf meiner Seite«, so Broyde. So könne das jüdische »ius ad bellum«, also die Rechtsfrage nach der Legalität des Führens von Kriegen, umschrieben werden.

dilemma Der Talmud gibt dem Leser zudem ein klares »ius in bello« an die Hand – und damit die ethischen und praktischen Regeln zum Umgang mit Kombattanten und Zivilisten im Kriegszustand. »Unschuldige und Zivilisten müssen unter allen Umständen verschont werden. In keinem Fall dürfen Nichtkombattanten gezielt angegriffen werden«, sagt Rabbiner Broyde.

Aber in der Realität verschwimmen diese Grenzen. Wie verhält es sich, wenn der Feind Zivilisten als menschliche Schutzschilde einsetzt? Angesichts der Praxis islamistischer Terroristen im Gazastreifen, sich mit Waffen in Wohnhäusern und Hospitälern zu verschanzen, ist die militärethische Frage von trauriger Relevanz.

»Es muss natürlich immer nach Verhältnismäßigkeit abgewogen werden«, beschreibt Broyde dieses Dilemma. Gibt es allerdings keine andere Option, sich gegen Angreifer zu wehren, müsse »über die zivilen Opfer genauso getrauert werden wie über eigene Gefallene«. Zur Vorgehensweise von Terroristen hingegen hat der Rabbiner eine klare Meinung: »Das Blut der Unschuldigen klebt an ihren Händen.«

drohnen Broyde nimmt den individuellen Soldaten in die Pflicht. Es sei »nicht akzeptabel, offensichtlich unethische Anweisungen« eines Vorgesetzten auszuführen. Die Akzeptanz immoralischer Anordnungen stelle einen »Bruch jüdischen Rechts« dar. Eigenständiges Denken ist auch innerhalb militärischer Hierarchie die Pflicht eines jeden.

Die moderne Kriegsführung mit ihrer Verwendung von Drohnen und automatisch tötenden Waffen und der asymmetrische Krieg gegen international agierende Terrornetzwerke werfen vor diesem Hintergrund dieselben Fragen auf wie der klassische Kampf zweier Heere auf dem Schlachtfeld.

Mit dem Wissen aus der jüdischen Traditionsgeschichte kann man also sagen: Der Krieg gegen Terror entspringt einer Situation des omnipräsenten Bedrohtseins. Der Kampf gegen den Terror ist legitime Selbstverteidigung zum Schutz der Gemeinschaft. Die Verhältnismäßigkeit von Maßnahmen obliegt moralischer Abwägung. Der Talmud und Maimonides beweisen bei diesem Thema ihre Anwendbarkeit auf die realpolitischen Gegebenheiten des 21. Jahrhunderts.

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