Religion

Gebote neu interpretiert

Warum Mordecai Kaplans »The New Haggadah« von 1941 unter orthodoxen Rabbinern für Empörung sorgte

Aktualisiert am 10.04.2017, 06:16 – von Birgit KleinBirgit Klein

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Wie konstitutiv der Auszug aus der Sklaverei in Ägypten in die Freiheit für die jüdische Religionsgeschichte ist, spiegelt sich in der täglichen Liturgie wider. Im Morgen- und Abendgebet erinnert der Segensspruch »Erlöser des Volkes Israel«, der auf die Rezitation des »Höre Israel« und seiner drei Toraabschnitte folgt, an Gottes befreiendes Handeln bei der Durchquerung des Schilfmeers: »Mosche und die Kinder Israels priesen Dich mit großer Freude, singend: ›Wer gleicht Dir, Ewiger, unter den Göttern! Wer gleicht Dir, einzigartig in Heiligkeit; ehrfurchtgebietend in Herrlichkeit, Wunder vollbringend!‹« (Exodus 15,11).

Dass die Freude über die Rettung indes im Zusammenhang mit dem Ertrinken der Ägypter in den Fluten des Schilfmeers stand und der Preis für die eigene Rettung die Vernichtung der Feinde war, gab bereits in der Antike Anlass zur Kritik: »Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer – und ihr singt vor mir?« So fragt Gott, gemäß einer Auslegung im Babylonischen Talmud, vorwurfsvoll seine Dienstengel (Megilla 10b, Sanhedrin 39b).

antike Dieser Einwand blieb indes lange ohne liturgische Folgen, zumal bereits in der Antike eine gegenlautende Tradition existierte. So auch in dem Vers: »Wer gleicht Dir, Ewiger, unter den Göttern (elim)?« Eigentlich sollte »elim«, was Götter heißt, als »illmim«, also Sprachlose, gelesen werden: »Wer gleicht Dir unter den Sprachlosen (illmim), der die Schmach seiner Kinder hört und schweigt« (Mechilta de Rabbi Jischmael zu Exodus 15,7). Derselbe Gelehrte ruft Gott auf: »Gieße Deinen Zorn über alle Völker aus, die ihn nicht kennen, und über die Geschlechter, die Deinen Namen nicht anrufen.«

Angesichts der mittelalterlichen Verfolgungen ist es wenig erstaunlich, dass spätestens seit dem 12. Jahrhundert auch in der Haggada am Sederabend Gott aufgerufen wird, seinen Zorn über die Unterdrücker auszugießen, und zwar in dem Moment, in dem man den Becher des Elias füllt und für ihn als den Verkünder des Messias die Tür öffnet, der endgültig von jeder Unterdrückung und Verfolgung Befreiung bringen soll.

Im 16. Jahrhundert berichtete indes der Arzt und Rabbiner Elieser Ben Elias Aschkenasi (1513–1586) in seinem 1580 im polnischen Gniezno abgeschlossenen Torakommentar Maaseh Haschem, dass »einige Nichtjuden, unter deren Schutz wir im Exil leben, dächten, dass wir sie hiermit verfluchen, obgleich wir doch andererseits für ihr Wohl beten«. Diesen vermeintlichen Widerspruch löste der Rabbiner, indem er alle Nichtjuden, unter denen Juden lebten, für gottgläubig erklärte und damit vom göttlichen Zorn ausnahm.

Die Union Haggadah, 1908 in Ohio von der Central Conference of American Rabbis der Reformbewegung herausgegeben, ließ den Becher des Elias wie auch die Anrufung des göttlichen Zorns lieber gleich ganz weg und verwies lediglich im Anhang auf diesen früheren Brauch.

orthodoxie Auf vehementen Protest der amerikanischen Orthodoxie stieß indes erst The New Haggadah, 1941 von dem amerikanischen Rabbiner und Theologen Mordecai M. Kaplan (1881–1983) herausgegeben, der zwar zeitlebens am Jewish Theological Seminary in New York, dem konservativen Rabbinerseminar, lehrte, aber zum Begründer der vierten Strömung im Judentum wurde, des Rekonstruktionismus. Bereits in seinem 1934 erschienenen Hauptwerk Judaism as a Civilization hatte Kaplan das Judentum als eine sich fortwährend entwickelnde Zivilisation verhandelt, die neben religiösen auch weitere Aspekte umfasste wie zum Beispiel Land, Kultur, Sprache oder Literatur, Kunst und Musik.

Das Wissen um die sowohl kontinuierlich als auch historisch geprägten Entwicklungen erlaube es gemäß dieser Auffassung, die jüdischen Rituale und Grundsätze im Zuge ihrer Rekonstruktion daraufhin zu überprüfen, inwieweit sie zum Wohle aller, also Juden wie auch Nichtjuden, und damit der gesamten Schöpfung beitragen und Gott auf diese Weise als die »Macht, die Freiheit stiftet« verkünden.

Im Zuge dieser Rekonstruktion hatte Kaplan die traditionellen Ritualgebote neu definiert, und zwar nicht als unveränderliche göttliche Gebote, Mizwot, sondern vielmehr als »Bräuche des jüdischen Volkes«, denen man zwar grundsätzlich Loyalität schulden sollte, die aber nicht immer einzuhalten waren – vor allem dann nicht, wenn sie wie die Speisegebote rund um das Thema Kaschrut das soziale Zusammenleben mit Nichtjuden einschränken würden.

Daher hielt Kaplan es für möglich, im Haus von Nichtjuden zwar vorbehaltlos zu essen, sich im Hause eines Juden unkoscherer Speisen aber zu enthalten. Obwohl Kaplan nicht zur grundsätzlichen Missachtung der Kaschrut aufrief, wurde er für seine abwägende Haltung heftig von prominenten orthodoxen Vertretern kritisiert.

Wenig erstaunlich dürfte es daher sein, dass Kaplan auch den Wortlaut der Haggada rekonstruieren wollte. Ausgangspunkt bildete seine bereits 1937 formulierte Erkenntnis, dass die Befreiung, die die Juden erhofften, auch die Erlösung der Gesellschaft im Allgemeinen von ihren Übeln mit einschließen müsste.

befreiung Diese universalistisch durchwirkten Vorstellungen von Befreiung konnte Kaplan keinesfalls mit einer Abgrenzung von anderen Völkern vereinbaren, sodass er nicht nur das traditionelle Konzept der »Erwählung Israel« durch Israels »Berufung zum Dienst« an Gott und der gesamten Menschheit ersetzte, sondern konsequenterweise auch die Anrufung des göttlichen Zorns in The New Haggadah von 1941 ersatzlos strich.

Das blieb natürlich nicht ohne Konsequenzen für ihn ganz persönlich. Auf den Sturm der Entrüstung folgte vier Jahre später die Verhängung eines Banns, ausgesprochen von der Union of Orthodox Rabbis in the United States and Canada. Der Vorwurf: Mit seiner Streichung habe Kaplan die Gunst der Nichtjuden erlangen wollen, und dies ausgerechnet zu einer Zeit, als die »verfluchten Mörder«, gemeint waren die Nazis, bereits ganze jüdische Gemeinden ausgelöscht hatten.

Anders als die traditionelle Aufzählung der zehn Plagen, die Mordecai Kaplan gleichfalls gestrichen hatte, wurde der göttliche Zorn nicht wieder in die rekonstruktionistischen Haggadot eingeführt – getreu dem Prinzip, sich ausschließlich über positive Werte ohne jegliche Form der negativen Abgrenzung von anderen Religionen zu definieren.

Die derzeitige Zunahme antisemitischer Übergriffe wie Friedhofsschändungen und Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen in den USA verleiht dem Wunsch, Gott möge doch »seinen Zorn über all jene ausgießen, die ihn nicht anerkennen«, neue Aktualität. Aber in der Praxis sind Wissensvermittlung über das Judentum und Dialog die hoffentlich probateren Gegenmittel, denen sich auch die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg verschrieben hat.

Die Autorin ist Inhaberin des Lehrstuhls für die Geschichte des jüdischen Volkes.

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