Nosh Berlin

Zimmes mit Twist

Das jüdische Food Festival lud zum »Shabbat Supperclub« in die Synagoge Rykestraße ein

30.03.2017 – von Ralf BalkeRalf Balke

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Food Festival trifft Synagoge: Das erste Berliner jüdische Food Festival hat die Synagoge Rykestraße im Bezirk Prenzlauer Berg als einen seiner Schauplätze auserkoren – für die Synagogengemeinde wie auch für die Veranstalter ist das eine Premiere.

Bereits Stunden vor Schabbatbeginn herrscht in der Küche von Deutschlands größter Synagoge Hochbetrieb. Dennoch ist von Hektik oder Nervosität nichts zu spüren. Denn Itay Novik, Foodstylist und Gründer des Netzwerks »Elements of Food«, und sein Team haben dort die Herrschaft übernommen. Auf dem Plan steht das Abendessen für den »Shabbat Supperclub«, bei dem sich alles um die Vielfalt der osteuropäisch-jüdischen Küche drehen soll.

rampenlicht Keine leichte Aufgabe – immerhin werden in wenigen Stunden rund 100 Gäste bewirtet. »Und zwar mit typisch aschkenasischen Gerichten«, sagt der 41-Jährige. Selbstverständlich sei alles koscher, fügt er hinzu. Zwar gelte diese Küche als wenig glamourös und stehe zudem in dem Ruf, ohne große Finesse daherzukommen. Aber bei Kreplach, gehackter Leber oder Zimmes werde eigentlich trotzdem jeder schwach, meint Novik. »Besonders dann, wenn man den Gerichten auch noch einen gewissen Twist verleiht«, verrät er seinen Trick.

Der »Shabbat Supperclub« in der Rykestraße ist eine von vielen Veranstaltungen anlässlich von »Nosh Berlin«, der ersten jüdischen Food Week in der Hauptstadt. Die Organisatorinnen Liv Fleischhacker und Laurel Kratochvil, Journalistin die eine, Betreiberin der Bäckerei »Fine Bagels« im Friedrichshainer Buchladen »Shakespeare & Sons« die andere, wollten damit eine Woche lang jüdische Spezialitäten ins Rampenlicht rücken. Denn bis dato seien jüdische Kochtraditionen in Deutschland vorwiegend eine familiäre Angelegenheit und in der Gourmet-Szene hierzulande kaum sichtbar, so die Nosh-Veranstalterinnen. Das wollen sie nun ändern.

So konnten sich Nosh-Besucher unter anderem für ein klassisch jemenitisches Menü im »Fine Bagels« entscheiden, im Neuköllner Café »Botanico« jüdisch-römische Küche probieren oder sich von den beiden Schwestern Sophie und Xenia von Oswald in Neukölln jüdisch-persisch bekochen lassen. Das alles parallel zum Schabbat-Dinner in der Rykestraße.

botschafter Während hier Itay Novik eine Teigtasche nach der anderen formt, erzählt er, dass er zum Kochen eigentlich über Umwege kam. Eine klassische Ausbildung zum Küchenchef hat der Tel Aviver nie absolviert. »Ich habe sechs Jahre lang in Mailand gelebt, wo ich Produktdesign studierte und natürlich die italienische Küche zu schätzen lernte.« 2010 reiste Novik erstmals zu Besuch nach Berlin und wusste sofort: »Hier möchte ich leben.« 2011 war es dann so weit – er zog nach Berlin, wurde Foodstylist und machte aus seiner Begeisterung für gutes Essen einen Beruf. »Aber ich habe nie in Restaurants gearbeitet«, betont er. »Als eine Art Freelancer wollte ich immer unabhängig bleiben und selbst entscheiden, wie ein Gericht zustande kommt und welche Zutaten verwendet werden.«

Novik versteht sich als Botschafter des einfachen, aber hochwertigen Essens und möchte andere für seine Leidenschaft ebenfalls begeistern. Deshalb sind ihm Events wie Nosh Berlin und der Shabbat Supperclub lieber als die Routine in einem Restaurant. »Mit meinen Gerichten heute Abend kehre ich natürlich auch kulinarisch ein wenig zu meinen eigenen Wurzeln zurück«, gibt Novik zu. »Zugleich ist die Zubereitung eines Schabbat-Dinners an einem so historischen Ort wie der Synagoge Rykestraße eine ganz besondere Ehre für mich.«

schwellenangst Ein Food Festival in einer Synagoge? Das klingt erst einmal recht unkonventionell. »Aber unser Rabbiner Boris Ronis und ich fanden diese Idee einfach großartig«, sagt Daniel Laufer, Gabbai und aktiv im Vorstand der Gemeinde. Bereits seit Januar laufen die Planungen, nachdem die Organisatoren von Nosh Berlin vorgefühlt hatten. »Irgendwie passt das wunderbar zusammen«, ist er überzeugt. »Schließlich ist koscheres Essen ein wesentlicher Bestandteil unserer Kultur und Identität als Juden.« Ein Event wie an diesem Abend sei zudem »eine tolle Gelegenheit, um zu zeigen, wie lebendig und vielfältig unser Gemeindeleben hier in der Rykestraße ist«.

Die Resonanz scheint ihm jedenfalls recht zu geben. Unter den rund 100 Besuchern sind Beter und Gäste zugleich. Überall kommt man miteinander ins Gespräch, der gute israelische Barkan-Wein tut sein Übriges. An einem Tisch etwa sitzen junge Leute, die regelmäßig zu den Gottesdiensten oder Studententreffen kommen. »So ein gemeinsames Essen nimmt manchen vielleicht auch die Schwellenangst vor einer Synagoge«, vermutet Daniel Laufer. »Veranstaltungen dieser Art vermitteln vielen die Möglichkeit, sich als Teil der Gemeinde zu fühlen – selbst wenn sie nur manchmal als Beter in Erscheinung treten.«

networking Gutes Essen verbindet ganz offensichtlich. Schon der erste Gang, eine Gemüsesuppe mit Kreplach, kann selbst Skeptiker der koscheren Küche begeistern. Dann folgt gehackte Leber. »Vegetarisch und auf Basis von Auberginen«, erklärt Julia Bosski. Die junge Polin kam vor sechs Jahren aus Warschau, wo sie die Lauder-Morasha-Schule besuchte, nach Berlin und gehört zum Team von Itay Novak. Als Initiatorin des »Polish Thursday Dinner Clubs« ist sie ebenfalls ein großer Fan der osteuropäisch-jüdischen Küche. »Aus meinen Erfahrungen weiß ich, dass sich ein gemeinsames Essen wie hier wunderbar zum Networking und Kennenlernen eignet.«

Wie das funktioniert, kann man beim Shabbat Supperclub an jedem der vielen Tische beobachten. Eine Gruppe junger amerikanischer und kanadischer Juden etwa, die mit der Studentenorganisation Hillel gerade in Deutschland und Polen unterwegs ist, stellen den anwesenden Gemeindemitglieder wissbegierig Fragen über jüdisches Leben hierzulande.

Für manche der Amerikaner und Kanadier ist es die erste Begegnung mit typisch osteuropäisch-jüdischer Küche überhaupt. So wie für Hayley Krolik aus Kalifornien. »Ich kannte die Gerichte alle nur vom Hörensagen.« Anderen dagegen, wie Aviva Atlani aus Toronto, sind sie durchaus geläufig. »Ich kenne einige der Sachen von meiner Großmutter, die aus Österreich kam. Was ich aber überraschend fand, war die besondere Note im Geschmack.« Genau das war wohl der Twist, von dem Itay Novik sprach.

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