Lemberg

Jerusalem des Ostens

Spätestens seit Stefan Zweig und den Sissi-Filmen ist die zuckrige Vorstellung eines k.u.k. Vielvölkerparadieses ungebrochen populär

23.03.2017 – von Lutz C. KlevemanLutz C. Kleveman

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Keine 100 Jahre ist es her, da gehörte Lemberg noch zu Österreich-Ungarn, als Landeshauptstadt eines k.u.k. Kronlands, des Königreichs von Galizien und Lodomerien sowie des Herzogtums Auschwitz.

Lemberg war die fünftgrößte Stadt des Habsburger Vielvölkerreichs, nach Wien, Budapest, Prag und Triest. Aus jeder dieser Städte kamen täglich Züge am Lemberger Hauptbahnhof an, wobei die Fahrt bei Weitem nicht so lange dauerte wie 100 Jahre später. Schon wegen der Grenzkontrollen braucht der Nachtzug aus Krakau für die 330 Kilometer lange Strecke heute geschlagene zwölf Stunden.

wartesaal Der Bahnhof wurde 1904 fertiggestellt, in einer imposanten Mischung aus Historizismus und Jugendstil, und sieht äußerlich kaum anders aus als auf alten Aufnahmen. Der Wartesaal allerdings war wohl etwas opulenter als heute, wie der Lemberger Schriftsteller Josef Wittlin in seinen Memoiren schreibt. »Das war kein Wartesaal, sondern ein wahrer Salon voller Kandelaber, Spiegel, Vergoldungen und weicher, mit duftendem Leder gepolsterter Sofas und Sessel. Er duftete außerdem nach der weiten Welt und dem Zauber der Fremde.

Man wartete hier nicht nur auf die Abfahrt des Zuges, sondern gewissermaßen auf das Glück selber, obwohl die Fahrkartenschalter Billetts dorthin zu jener Zeit nicht verkauften. Der Wartesaal I. Klasse war für Sterbliche unterhalb einer Exzellenz überhaupt nicht zugänglich. Im Wartesaal II. Klasse also, unter dem fürsorglichen Porträt in natürlicher Größe des Erzherzogs Karl Ludwig in der Paradeuniform eines Ulanenoffiziers und mit blondem Backenbart, las ich sogenannte Sherlocks, das heißt Ausgaben der Meisterwerke der Kriminalliteratur.«

elegie Die Erinnerungen Wittlins, die er 1946 im amerikanischen Exil schrieb, sind in einem schmalen Band zusammengefasst. Es ist eine literarische Elegie, voller Nostalgie für das Lemberg seiner Kindheit, als die Welt noch in Ordnung schien und die Bewohner Lembergs – Polen, Juden und Ukrainer – alle friedlich zusammenlebten.

Auch der jüdische Schauspieler Alexander Granach, der in Galizien aufwuchs und in den 1920er-Jahren auf Berliner Theaterbühnen große Erfolge feierte, beschreibt Lemberg in seinen Memoiren als eine bunte, lebensfrohe Stadt: »Juden mit langen Bärten und hohen Zylindern standen an der Börsenecke und sprachen von großen Geschäften. Auf den Bürgersteigen und an den Ecken boten Leute Obst an. An einer solchen Ecke hatten auch meine Brüder einen Obststand. Man sah Plakate mit Anpreisungen von verschiedenen Seifen, von Kathreiners Malzkaffee, von Restaurants und einem Zirkus mit tanzenden Pferden, einer polnischen Oper, von ukrainischen Spielen und jiddischen Broder-Sängern.«

Dieses eklektische Vielvölkergemisch, von dem Wittlin und Granach schwärmen, war das Lemberger Fluidum, der Genius Loci der Stadt. Mehr als die Hälfte der 300.000 Einwohner der Stadt waren Polen, ein Drittel Juden und der Rest Ukrainer. Hinzu kamen deutsche und armenische Minderheiten. Jede Volksgruppe übte ihre eigene Religion aus. Joseph Roth, der selbst aus Galizien stammte, bezeichnete Lemberg daher als die »Stadt der verwischten Grenzen«.

Oft ist dieses Diktum Roths seitdem wiederholt worden, aber stimmte es denn überhaupt? Der Autor des Radetzkymarsches war schließlich neben Stefan Zweig als Chef-Nostalgiker des Habsburger Reichs bekannt. Wie so viele assimilierte Juden trauerten beide Schriftsteller der Doppelmonarchie nach. Roths Werke schufen einen regelrechten Habsburg-Mythos, der das Leben unter der schwarz-gelben Fahne als gute alte Zeit verklärte.

Vermarktung Spätestens seit den Sissi-Filmen ist die zuckrige Vorstellung eines k.u.k. Paradieses aus Walzerbällen, Kaffeehäusern und Sachertorten ungebrochen populär und wird von Wien bis Salzburg touristisch kräftig vermarktet. Auch auf akademischer Ebene wird das Habsburger Reich gern mythologisiert. Hier ist es die brutale Zerstörung des multikulturellen Mitteleuropa durch die Nazis und Sowjets, die dazu geführt hat, dass die Habsburger Welt heute in einem vergleichsweise milden Licht gesehen wird.

Auch wenn die Lebensrealität in der Donaumonarchie eher der Kasernenhof als der Ballsaal war, erscheint das »Völkergefängnis«, als das Österreich-Ungarn vor 1918 oft bezeichnet wurde, angesichts des totalitären Barbarismus der 40er-Jahre heute wieder als Idylle einer großen Völkerfamilie. Die Hymne wurde in 14 Sprachen gesungen, und Kaiser Franz Joseph I., der das Reich von 1848 bis 1916 fast sieben Jahrzehnte lang regierte, begann seine Ansprachen liebevoll-paternalistisch mit »Meine Völker!«.

Kampf Sind die Erinnerungen an eine harmonische Koexistenz der Volksgruppen in Lemberg also womöglich nur Teil dieses Habsburg-Mythos? Prägten nicht auch damals schon Rivalität und Kampf das Zusammenleben von Polen, Juden und Ukrainern? Dies herauszufinden ist wichtig, denn die Wurzeln für vieles, was in den 1940er-Jahren in der Stadt geschehen sollte, liegen im vorausgegangenen Umgang der Volksgruppen miteinander, als bereits manch böse Saat gelegt wurde.

Zwar blieb Galizien auch nach dem Ausgleich mit den Polen weiter eine verarmte Provinz, sodass das »galizische Elend« sprichwörtlich blieb, aber in der Hauptstadt Lemberg ging es nach 1867 wirtschaftlich kräftig bergauf. Der Handel profitierte vom Anschluss an das Eisenbahnnetz. Im nahe gelegenen Boryslaw wurde Erdöl entdeckt, das in alle Welt verkauft wurde. Lemberg war eine der ersten Städte Europas, in denen Gaslaternen aufgestellt wurden. Die Bevölkerung wuchs rasant, was im Zuge der europaweiten Industrialisierung und Urbanisierung auch nicht unüblich war, und ein Bauboom begann. Die Stadt trat in eine neue Blütephase ein, die ein halbes Jahrhundert andauern sollte.

obstweiber Wie turbulent es damals auf den Straßen Lembergs und besonders vor dem ersten Bahnhof zuging, ist einem Reisebericht von Karl Emil Franzos zu entnehmen. Der Wiener Schriftsteller stammte aus Galizien, beschrieb seine alte Heimat aber gern als »Halb-Asien«, dessen Vielvölkergemisch ihn mal faszinierte und dann wieder abstieß: »Jüdische Obstweiber preisen schreiend die saftigen Früchte der Ebene, kleine Judenmädchen betreiben einen schwunghaften Handel mit Wasser und kleine Judenknaben desgleichen mit Süßigkeiten. Aber glotzend und theilnamslos stehen die russinischen Bauern und Kleinbürger hinter ihren Verkaufsständen (…).

An den Thüren aber stehen die Elegants von Lemberg und näseln Bemerkungen über die Damen. Polnische Gepäckträger schleppen kleine Kofferchen unter Ächzen und Stöhnen ab und zu, jüdische Lohndiener preisen die prachtvollen Hotels des Orts und die jüdischen Lohnkutscher ihre überaus vortrefflichen Wagen. Dazwischen brüllt eine wolhynische Ochsenherde, die man eben nach Wien verladet. Kurz – ein Hexensabbath und ein Höllenconcert.«

In den galizischen Reiseberichten von Franzos war viel von der dritten großen Volksgruppe der Provinz die Rede, den Juden. Bereits im Mittelalter waren viele Juden aus deutschen und böhmischen Landen, wo sie unter häufigen Pogromen zu leiden hatten, auf Einladung toleranter polnischer Könige in die Region gekommen. Hier vermischten sich die Aschkenasim mit sefardischen Juden, die nach der katholischen Reconquista aus Spanien geflüchtet waren, sowie mit den Chasaren aus Zentralasien, der Legende nach der verlorene 13. Stamm Israels, und den Karäern, die vermutlich aus Persien stammten und über die Krim eingewandert waren.

Galizien
Im 19. Jahrhundert gab es etwa 800.000 Juden in Galizien. Die meisten lebten in großer Armut in traditionellen Schtetln auf dem Lande und verdingten sich als Schankwirte oder Zwischenhändler von Getreide und anderen landwirtschaftlichen Produkten. Zwar gab es einige deutsch-jüdische staatliche Schulen, doch die meisten Kinder gingen in cheder, religiöse Grundschulen. Konfessionell spaltete sich das galizische Judentum auf in Orthodoxe, Reformierte und Chassidim.

Während die Orthodoxen auf einer traditionellen, recht weltabgeschiedenen Lebensweise beharrten, schlossen sich jüngere Juden oft der Haskala an, einer jüdischen Reformbewegung, die sich am Geist der Aufklärung orientierte. Derart assimilierte Juden, die daher oft »Daitsche« genannt wurden, verließen die alten Synagogen und gründeten Tempel, in denen vergleichsweise nüchterne Gottesdienste in deutscher Sprache abgehalten wurden. In diesem Konflikt zwischen Weltoffenheit und Tradition vereinte beide Gruppen die Ablehnung des Chassidismus, der Mitte des 18. Jahrhunderts von Rabbi Israel Baal Schem Tow gegründet worden war und besonders auf dem Lande Anhänger hatte.

Der Anteil der Juden an der Lemberger Bevölkerung schwankte zwischen 20 und 40 Prozent. Die meisten von ihnen waren kleine Händler und Handwerker, die so arm waren, dass sie »Luftmenschen« genannt wurden, weil sie von der Luft zu leben schienen. Ein Großteil der Lemberger Juden lebte nördlich der ehemaligen Stadtmauern in der Krakauer Vorstadt, die übrigen Juden lebten im mittelalterlichen Ghetto nahe dem Marktplatz.

armut Der Schriftsteller Hermann Blumenthal beschrieb die dortigen Zustände im späten 19. Jahrhundert in drastischen Worten: »Die Gassen und Gäßchen in der Nähe der alten Lemberger Synagoge bilden eine kleine Stadt für sich. Hier scheint die Großstadt seit einem Jahrhundert in der Entwicklung stehengeblieben zu sein. Nur selten kommt die Sonne in diese engen, winkeligen Gassen. Die Häuser sind alt und die Höfe schmutzig und düster. (…) Diese Häuser werden vom Dachboden bis in die Kellerräume von armen jüdischen Familien bewohnt. Alle leben sie vom Handel. (…) Juden mit verstaubten, schmutzigen Gesichtern drängen sich durch die Menge. Sie tragen alte, fadenscheinige Cylinder auf den Köpfen und zerfetzte Schirme in den Händen.«

Der einzige Ausweg aus dem düsteren Ghetto lag nach Ansicht der Haskala-Reformjuden in der Assimilation, zumal Juden in der Habsburger Monarchie nicht als eigene Nation anerkannt wurden. Schon Kaiser Joseph II. hatte eine Germanisierung der Juden vorangetrieben, indem er deutsch-jüdische Grundschulen einrichten ließ, deren Absolventen bald Deutsch statt Jiddisch sprachen.

Germanisierung Das auffälligste Zeichen dieser Germanisierung war, dass alle Juden im Habsburger Reich deutsche Namen erhielten. Da sich die mit der Namensvergabe beauftragten österreichischen Beamten gern von Farben, der Landschaft oder Pflanzennamen inspirieren ließen, entstanden dabei viele blumige, poetische Namen wie Roth, Blumenthal oder Rosenzweig.

Nach der politisch-kulturellen Autonomie Galiziens 1867 entfernten sich viele Lemberger Juden wieder von der deutschen Kultur, die keinen sozialen Aufstieg mehr ermöglichte, und begannen sich polnisch zu assimilieren. Sie gingen in polnische Schulen und lernten Polnisch. Im Herbstsemester 1880 immatrikulierten sich bereits 88 jüdische Studenten an der Lemberger Universität. Sie formierten eine neue jüdische Intelligenz, viele wurden Anwälte und Ärzte. Doch obwohl sie sich an die polnische Gesellschaft anzupassen versuchten, hatten sie immer mit der Ablehnung durch Antisemiten zu kämpfen, sodass die Früchte der Assimilation generell gering blieben.

Zunehmend attraktiver erschien im späten 19. Jahrhundert der Zionismus Herzls, zumal er es seinen Anhängern ermöglichte, ihre kulturelle jüdische Identität zu behalten. Wen ein Leben in Palästina nicht reizte, dem blieb als einziger Ausweg aus der Misere nur die Auswanderung nach Westen. Von Hamburger Reedereien überredet, emigrierten zwischen 1880 und 1910 insgesamt 236.504 jüdische Galizier in die Vereinigten Staaten. Diese hohe Zahl verdeutlicht das Scheitern vieler Assimilationsversuche.

Der Text ist ein Auszug aus Lutz C. Klevemans neuem Buch, das in diesen Tagen im Aufbau-Verlag erschienen ist. »Lemberg. Die vergessene Mitte Europas«. Aufbau, Berlin 2017, 315 S., 24 €

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