Stuttgart

Hilfe ist eine Mizwa

Wolodja und Nina arbeiten in einem Flüchtlingsheim. Dass sie Juden sind, weiß dort kaum jemand

16.03.2017 – von Brigitte JähnigenBrigitte Jähnigen

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Hausmeister Wolodja fegt mit dem Metallbesen kleine Ästchen und Blätter zusammen. Er braucht für diese Arbeit nicht allzu lange: Außer den Systembauten gibt es auf dem umzäunten Gelände, einem ehemaligen Parkplatz, einen Kinderspielplatz, und es entsteht gerade ein Begegnungs-Pavillon. Von den Bewohnern ist keiner auf dem Hof. »Die Kinder sind jetzt im Kindergarten oder in der Schule, die Väter lernen im Integrationskurs Deutsch, einige Mütter schlafen noch, ein paar Bewohner haben Jobs in der Gastronomie oder gehen putzen«, sagt Hausleiterin Nina Butovich.

140 Bewohner – meist anerkannte Asylbewerber – leben hier, unter ihnen 62 Kinder. »Und wöchentlich kommen neue hinzu. Fünf Frauen sind schwanger«, erzählt Butovich. Die Belegung mit so vielen Familien und wenigen Alleinstehenden sei »ein bisschen untypisch« für Stuttgart, meint sie. Und es scheint ihr so zu gefallen, wie es ist.

Etwa 9000 Flüchtlinge leben in Stuttgart. Das »Stuttgarter Modell« setzt auf schnelle Integration. Dazu zählt das Wohnen in sogenannten Systembauten sowie die Einbindung in ein soziales Umfeld. Betreut werden die Migranten von Mitarbeitern, die die elf Mitglieder der Liga der Freien Wohlfahrtspflege stellen. Zur Liga gehört auch die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW).

Religion Dass sich jüdische Gemeinden für Flüchtlinge engagieren, ist bundesweit keine Seltenheit. Nina Butovich, ehemalige Lehrerin für Mathematik und Informatik, stammt aus St. Petersburg und ist Mitglied der IRGW genauso wie Wolodja, der Hausmeister. Aber das weiß hier kaum jemand, sagt Butovich, denn »über Religion sprechen wir nicht«.

Von den knapp 10.000 Flüchtlingen in Stuttgart sind nur etwa acht Prozent Christen, viele weitere sind Jesiden oder Hindus. Die meisten aber sind Muslime. Was die Flüchtlinge vor allem brauchen, ist Hilfe im Dschungel der deutschen Bürokratie, Unterstützung beim Asylverfahren, Begleitung im Alltag und vor allem Respekt, der ihnen auf der oft menschenunwürdigenden Flucht aus ihren Heimatländern fehlte.

»Menschen aus neun Nationen leben hier, die meisten kommen aus Syrien, Afghanistan, aus dem Irak, aus Nigeria, Sri Lanka, Eritrea und anderen Ländern«, zählt Daniel Rau auf. Der Sozialarbeiter der Evangelischen Gesellschaft teilt sich mit seiner Kollegin Marie Luniak Verwaltungsarbeit und soziale Betreuung. Hausleiterin Nina Butovich ist, wie sie sagt, »für Post, Putzmittel und Konflikte« zuständig. »Wir sehen uns als Team«, sagt Rau. Viereinhalb Quadratmeter stehen jedem Bewohner zu. Und so leben sie zwischen Bett und Tisch, Kühlschrank und Metallspind und haben vor allem einen Wunsch: endlich eine eigene Wohnung.

In Stuttgart sind Menschen aus 170 Nationen zu Hause, und es wird in 120 Sprachen gesprochen. Das ist gut für die Flüchtlinge: In internationalen Supermärkten und kleinen Läden finden sie, was sie zum Kochen benötigen. Doch eine Küche mit 24 Menschen teilen zu müssen, überfordert gelegentlich den geduldigsten Menschen. Auch deshalb wünscht sich die Mutter von Jawa, Joudi und Sham sehnlichst eine eigene Wohnung.

Jawa, die Älteste, spricht schon sehr gut Deutsch und spielt die Dolmetscherin. Sham, die Jüngste, lässt sich unbefangen mehrere Bilderbücher vorlesen und kennt auch schon ein paar deutsche Wörter. »Die Kinder lernen früher als die Erwachsenen die neue Sprache, und manchmal ist es viel, was ihnen von ihren Familien übertragen wird, die ältesten sind erst zwölf«, sagt Nina Butovich.

Auch Jawas Familie ist vor dem Bürgerkrieg in Syrien geflüchtet. Sie sind Sunniten, doch die Religion ist hier wirklich nicht das Thema. Wenn es untereinander Ärger gibt, dann wegen des hohen Lärmpegels oder mangelnder Hygiene, erklärt Daniel Rau. »Sie beschimpfen sich nicht als Muslime oder Christen, sie sagen im Konfliktfall ›Oh, diese Syrer‹ oder ›Oh, die Männer‹«, sagt Nina Butovich.

Wohnungsmarkt Doch mit einer eigenen Wohnung sieht es selbst für anerkannte Asylbewerber in Stuttgart schlecht aus. »Die Kommune hat es aufgegeben, nach privatem Wohnraum zu suchen, die Mieten sind einfach zu hoch. Und die Vormerkdatei des Liegenschaftsamtes für kommunales Wohnen hat schon mehr als 6000 Anträge vorliegen«, sagt Rau.

Wenn man davon ausgeht, dass einer Flüchtlingsfamilie mit zwei Kindern knapp 1200 Euro monatlich zur Verfügung stehen, wirkt der Stuttgarter Mietspiegel wie eine Ohrfeige. »Wir müssen davon ausgehen, dass auch anerkannte Asylberechtigte bis zu vier Jahre in den Behelfswohnungen leben müssen«, sagt Daniel Rau.

Schwer zu kämpfen in seiner neuen Heimat hat auch der 39-jährige Syrer Bassam (Name von der Redaktion geändert). Er ist seit knapp eineinhalb Jahren in Deutschland. Weil das Internet in den Unterkünften nicht gut funktioniert, bittet er Daniel Rau, sich darum zu kümmern. Eigentlich könnte Bassam den deutschen IT-Leuten gut helfen, denn zu Hause hat er als Ingenieur bei Hyundai gearbeitet und kennt sich in IT-Angelegenheiten aus. Warten und sich auf andere verlassen zu müssen, fällt ihm jetzt schwer.

Als er noch in Syrien lebte, wusste er von Deutschland, dass er »herzlich willkommen« sei und beim Start in der fremden Kultur Hilfe erhalten würde. Doch ganz so einfach ist es dann doch nicht geworden. »Es ist so schwer«, seufzt Bassam. Er besucht Sprach-Cafés und nutzt jede Möglichkeit, um Deutsch zu lernen. »Sie schaffen es, ich weiß es«, muntert ihn Nina Butovich auf.

erfahrung Vor zwölf Jahren war sie selbst als Kontingentflüchtling nach Deutschland gekommen. Und sie erinnert sich noch gut daran, wie kompliziert ihr Leben damals war. Bevor sie sich für die Stelle als Hausleiterin bewarb, bezog sie Hartz IV – es war demütigend für eine gut ausgebildete und aktive Frau wie sie. »Jetzt bringe ich meine pädagogischen Erfahrungen bei den Flüchtlingen ein«, sagt sie.

In Stuttgart sind es Freundeskreise, die sich ehrenamtlich um die Zuwanderer kümmern. »Hier, mitten in der City, in der kaum gelebt, nur gearbeitet wird, gab es noch keinen Freundeskreis, aber es hat sich auf Initiative eines katholischen Diakons bald einer gegründet«, sagt Marie Luniak.

Alphabetisierungskurse werden angeboten, Hausaufgabenbetreuung, es gibt Dolmetscher für Arabisch, Davi und Farsi sowie Sprachpaten. Eine große Überraschung war ein Fest, zu dem die Bewohner in einen benachbarten Verlag eingeladen wurden. »Mit Weihnachtsbaum, Geschenken für die Kinder und Bewirtung«, erzählt Daniel Rau. Die Mitarbeiter hatten dafür auf einen Teil ihrer Weihnachtsgratifikation verzichtet.

Begegnungsort Hilfe kam auch von den Mitarbeitern des Linden-Museums, sie luden zum Frauen-Brunch ein. Und dann sind neben anderen Helfern auch die Architekturstudenten der Universität Stuttgart tätig: Der Pavillon, der aus Steinen und Holz auf dem Vorplatz der Systembauten entstanden ist, geht auf ihre Initiative zurück und soll schon bald als Begegnungsort für Zuwanderer und Stuttgarter dienen.

»Es ist eine Mizwa, zu helfen, ganz gleich, ob Flüchtlinge Muslime sind oder sich zu anderen Religionen zählen, es sind Menschen«, sagt der Geschäftsführer der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), Benjamin Bloch. Zahlen kann Bloch keine nennen, doch auch die ZWST selbst bringe sich in die Flüchtlingsarbeit in kleineren Projekten ein.

»Als vermehrt Flüchtlinge nach Stuttgart kamen, hat die Repräsentanz nach einiger Diskussion einstimmig beschlossen, Flüchtlinge an zwei Stuttgarter Standorten gemeinsam mit der Evangelischen Gesellschaft zu betreuen«, sagt IRGW-Vorstandssprecherin Barbara Traub.

Erfahrungen, Einwanderern bei der Integration zu helfen, habe man aus der Zeit, in der viele jüdische Flüchtlinge aus den ehemaligen Sowjetstaaten nach Deutschland kamen, erinnert sich Traub. Auch gehöre zum Kernerlebnis von Juden, Flüchtling in Ägypten gewesen zu sein. Daraus wachse eine Mizwa. »Gerade in gesellschaftlich schwierigeren Zeiten stecken wir nicht den Kopf in den Sand, sondern gehen das Thema Integration an und reichen auch Muslimen die Hand«, sagt Traub.

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