Balfour-Deklaration

Gemeinsame Interessen

Vor 100 Jahren sicherte Großbritannien den Juden das Recht auf eine Heimstatt in Palästina zu

16.03.2017 – von Motti GolaniMotti Golani

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Der Vergleich zwischen historischen und gegenwärtigen Ereignissen ist immer verlockend, aber nicht immer zielführend. Mit erstaunlicher Leichtigkeit werden unpassende Analogien zwischen dem, was war, und dem, was ist, gezogen. So auch wieder heute, wenige Monate vor dem 100. Jahrestag der Balfour-Deklaration, die den Juden das Recht zusicherte, in Palästina eine nationale Heimstätte zu errichten, jedoch ohne die Rechte der nichtjüdischen Gemeinschaften in diesem Land zu verletzen. Die Erklärung wurde 1917 von Arthur James Balfour, dem britischen Außenminister, unterzeichnet.

Diejenigen, die gerne das Gestern auf das Heute projizieren, stammen hauptsächlich aus den extremen Lagern. Auf der einen Seite finden sich Israelfeinde, Antizionisten und Antisemiten. Eine herausragende Stellung in dieser Gruppe nehmen die Palästinenser ein. Sie betrachten die Balfour-Deklaration als »Erbsünde«, die in der Gründung des Staates Israel und der palästinensischen »Nakba« (Katastrophe) im Jahr 1948 ihren Höhepunkt fand.

donald trump Die Erklärung, sagen sie, sei die Gründungsurkunde der zionistischen Allianz mit dem westlichen Imperialismus und das Instrument der fortdauernden Enteignung der Palästinenser. Heute, so glauben sie, hat ein neuer Balfour – diesmal nicht in London, sondern in Washington – die weltgeschichtliche Bühne betreten. In ihren Augen beweist das derzeitige Verhalten von US-Präsident Donald Trump, welche Folgen Balfours arrogante Geringschätzung der Araber vor genau 100 Jahren hatte.

Auf der anderen Seite des Schützengrabens tönen Anhänger der israelischen Rechten, im Verein mit ihren Kameraden in gewissen amerikanischen und europäischen Kreisen: Seht ihr, genau ein Jahrhundert nach der Balfour-Deklaration, die die rechtliche Grundlage für den Staat Israel schuf, haben wir nun die »Trump-Erklärung« vom Februar 2017, mit der die Aussichten der Palästinenser auf einen eigenen Staat begraben werden, wodurch Israel von einer existenzgefährdenden Last befreit wird. Diese Erklärung, sagen sie hocherfreut, entstand vor dem Hintergrund einer ausgelaugten arabischen Welt und verleiht der Überzeugung Ausdruck, dass es auf palästinensischer Seite »ohnehin niemanden gibt, mit dem man reden kann«.

Weltmacht Man wähnt sich in das Jahr 1917 zurückversetzt. Die entschiedenen Gegner wie die überzeugten Befürworter der Erklärung haben die Gegenwart und die Zukunft im Blick. Diese unselige »Ablehnungsfront« würde die jeweils andere Seite am liebsten zur Nichtexistenz verdammen. Geschichte interessiert sie nicht. In Zeiten der »alternativen Fakten« scheint das kein Nachteil zu sein.

Zwischen diesen Fronten stehen die gemäßigten Zionisten und all jene, die Israel als jüdischen Staat sowie den historischen und völkerrechtlichen Anspruch der Juden auf das Land anerkennen, es aber gleichwohl nicht mit Kritik verschonen. Sie betrachten die Balfour-Deklaration als eine entscheidende politische Maßnahme, die einen Prozess in Gang setzte, der es einer jungen nationalen Bewegung erlaubte, ihr Ziel innerhalb von nur 50 Jahren zu erreichen. Bei der feierlichen Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel 1948 waren Delegierte des ersten Zionistischen Kongresses in Basel anwesend, der im Jahre 1897 stattgefunden hatte – ein bloßer Wimpernschlag der Geschichte. Ohne die Unterstützung der damaligen führenden Weltmacht hätte die Zeremonie nicht stattfinden können.

Auch heute ist Israels Existenz abhängig von seinen auswärtigen Beziehungen im Allgemeinen und von denen mit den Vereinigten Staaten im Besonderen. Auch heute kann die »amerikanische Balfour-Deklaration« Einfluss haben auf das Schicksal der Juden und der Palästinenser, die westlich des Jordans leben.

Die Umstände, die seinerzeit zum Entstehen der Balfour-Deklaration führten, waren, wie jedes historische Ereignis, in erster Linie ein Produkt ihrer Zeit. Vor allem zwei historische Entwicklungen sind zum Verständnis wichtig. Die erste war ein ideologischer Prozess, der als Diskurs unter Intellektuellen und pro-imperialen Aktivisten begonnen hatte, aber gegen Ende des Ersten Weltkriegs zunehmend von britischen Entscheidungsträgern in konkrete Politik umgesetzt wurde.

burenkrieg Der Burenkrieg im frühen 20. Jahrhundert und seine politische Folge, die Gründung der Republik Südafrika, wurden von einer Debatte begleitet, die vor allem von einer Gruppe junger Kolonialbeamter vorangetrieben wurde. Sie alle hatten unter Alfred Milner, dem Hochkommissar für Südafrika, gedient, jenem Mann, der später die Balfour-Deklaration erarbeitete. Sie entwickelten Milners Lehre zu einem Denkansatz weiter, der im Grunde darauf hinauslief, dass die Zeit eines Imperialismus, in dem die Starken die Schwachen ausbeuten, sich ihrem Ende zuneige. In der neuen Wirklichkeit, die an dessen Stelle treten sollte, würden die Briten ihre Kolonien deswegen behalten, weil das sowohl dem Empire selbst als auch den Einwohnern der Kolonien zum Vorteil gereichen würde.

Es kommt nicht von ungefähr, dass Großbritannien der Idee der Unabhängigkeit für alle und der Mandatsverwaltung zustimmte, die von dem US-Präsidenten Woodrow Wilson nach dem Ersten Weltkrieg propagiert wurde und die besagte, dass jedes Gebiet seinen Bewohnern gehöre. Dieser Ansatz passte sehr gut zu dem Konzept des »neuen Imperialismus«, das heißt, der Aufrechterhaltung des Empires mit anderen Mitteln.

Die Balfour-Deklaration war ein typischer Ausdruck dieser Entwicklung. Großbritannien tat seinen treuen Klienten – in diesem Fall den Zionisten – einen Gefallen und bekam im Gegenzug die Möglichkeit, einen stabilen imperialen Pfosten in eine Gegend zu treiben, die vorher noch gar nicht zum Empire gehörte. Partner in den Verhandlungen über den Wortlaut der Erklärung waren Chaim Weizmann und eine dynamische Gruppe sehr britischer und sehr zionistischer junger Juden, meist aus Manchester, die von der neuen Dialektik eines gegenseitigen Nutzens für das britische Weltreich und für die jüdische nationale Heimstatt angetan waren.

Empire Die zweite historische Entwicklung war natürlich der Erste Weltkrieg – Großbritannien versank sozusagen im europäischen Schlamm und im nahöstlichen Sand. Vor diesem Hintergrund stürzte die britische Regierung im Dezember 1916 und wurde von einer Regierung abgelöst, die versprach, Großbritannien »bis Weihnachten« aus dem Krieg herauszuziehen – entweder durch einen Separatfrieden mit dem Osmanischen Reich, der die Mittelmächte an den wichtigsten europäischen Fronten schwächen würde; oder aber durch eine Besetzung des osmanischen Bollwerks im Nahen Osten, um den Krieg ordentlich zu beenden.

An dieser Stelle kamen Weizmann und seine Mitstreiter ins Spiel. Sie taten alles, um aufzuzeigen, dass die erste Variante nicht nur für den Zionismus, sondern auch und vor allem für das Empire katastrophal wäre: Wenn die osmanische Fahne weiter über Jerusalem flattern würde, würde das sowohl den See- als auch den Landweg nach Indien gefährden – und Indien sei schließlich der Diamant in der Krone Großbritanniens.

Weizmann griff die Grundidee des »neuen Imperialismus« auf, dass beide Seiten profitieren sollten, und projizierte sie auf Großbritanniens Kriegserfordernisse. Er verband sein Charisma mit seiner Einsicht in die britischen Interessen und seiner Vertrautheit mit der innenpolitischen Debatte in Großbritannien. Er bemühte sich darum, dass die Balfour-Deklaration in erster Linie als ein Ausdruck britischer Interessen wahrgenommen wurde; dass es also nicht Weizmann war, der hinter der Erklärung stand – obwohl er später viel dafür tat, dass sie als sein Verdienst angesehen wurde –, sondern eben die Interessen Großbritanniens.

palästinenser Niemand kann den Wert persönlicher Beziehungen leugnen. Manchmal führen sie zu einer Konvergenz der Interessen, die sich im Guten wie im Bösen auswirken kann. Hierin, so scheint es, liegt der Erfolg der Zionisten sowie eines anderen Klienten Großbritanniens zu der Zeit, nämlich des Clans der Haschemiten in Jordanien – und hierin liegt auch das gleichzeitige Scheitern der Palästinenser.

Auch heute geht es darum, was die Interessen der jeweiligen Konfliktparteien sind und wie diese selbst ihre Interessen mit denen jener Mächte in Übereinstimmung bringen können, die sie stützen. Auf den Führer dieser oder jener Supermacht, der diese oder jene Erklärung abgibt, kommt es dabei viel weniger an. Es ist eine Angelegenheit der Akteure vor Ort. Weder im Jahr 1917 noch im Jahr 2017 scheinen diejenigen, die die Deklaration der jeweiligen Weltmacht verdammen oder preisen, das zu verstehen.

Der Autor ist Historiker an der Universität Tel Aviv. Auf der Tagung »Hundert Jahre Balfour-Deklaration« der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden (29. bis 31. März) hält er einen Vortrag zum Thema »Zionismus, Post-Zionismus und Anti-Zionismus in Israel«.

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