Talmudisches

»Gott Meirs, hilf mir!«

Ein Rabbi und die Wunderkräfte seines Grabes

16.03.2017 – von Konstantin SchuchardtKonstantin Schuchardt

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Das Grab des Rabbi Meir mit seiner blauen Kuppel lockt seit Jahrhunderten Menschen nach Tiberias. Sie erhoffen sich vom Rezitieren von Psalmen und speziellen Gebeten an der letzten Ruhestätte des Weisen Erfolg und Gesundheit für sich und ihre Nächsten. Wer nicht selbst nach Tiberias kommen kann, hat die Möglichkeit, per Internet für eine Mindestspende von umgerechnet 170 Euro einen Minjan an Rabbi Meirs Grab zu beordern, um Fürsprache für sich einzulegen.

In einem chassidischen Text aus dem 19. Jahrhundert steht geschrieben, man solle, wenn man am Grab Meirs steht, sagen: »Ich gebe das Almosen auf das ewige Licht, das auf dem Grabstein des Rabbi Meir, des Wundertäters, brennt, sodass der Heilige, gepriesen sei Er, mich, um die Verdienste des Rabbi Meir, des Wundertäters willens, mit meiner Frau und meinen Kindern von allen Krankheiten und Unglücken errette, die uns – Gott bewahre – treffen könnten, und beschützen möge.«

Was sind das für Verdienste und Wundertaten, um derentwillen sich viele gerade an Rabbi Meir wenden und nicht an eine andere Person aus dem Talmud, in dem es ja durchaus keinen Mangel an verdienstvollen Wundertätern gibt?

Biografie Der sagenhafte Rabbi Meir gehörte der vierten Generation der Tannaiten an und kam im 2. Jahrhundert n.d.Z. in Kleinasien zur Welt. Allerdings sind weder die Namen seiner Eltern noch sein genauer Geburtsort vermerkt. Dem Babylonischen Talmud, Traktat Eruvin, zufolge hat er seinen Namen Meir (der Erleuchter) erhalten, weil er »die Augen der Weisen im Gesetz erleuchtet habe«.

Er studierte Tora in den Lehrhäusern Rabbi Akivas und Rabbi Jischmaels, aber auch bei dem Abtrünnigen Elischa ben Abuja, den man nur HaAcher, den Anderen, nannte. Im Handwerk des Toraschreibens brachte er es zu vollkommener Größe. So soll er, schreibt der Talmud im Traktat Megilla, als an Purim keine Estherrolle aufzufinden war, frei aus dem Gedächtnis eine Rolle niedergeschrieben haben, sodass die Lesung stattfinden konnte. Seinen Ehrentitel Baal HaNes (Wundertäter) erhielt Rabbi Meir aber nicht wegen seiner Fähigkeiten als Schreiber oder Gelehrter, sondern aufgrund einer wagemutigen Rettungsaktion.

Er war mit der einzigen weiblichen Gelehrtengestalt der rabbinischen Literatur verheiratet: mit Berurja, der Tochter des Rabbi Chanina ben Teradion. Im Talmud wird im Traktat Avoda Sara folgende Geschichte erzählt: Nachdem die Schwester Berurjas in ein von Römern betriebenes Bordell verschleppt wurde, machte sich Rabbi Meir seiner Ehefrau zuliebe auf, sie zu retten. Er sagte, wenn sie noch nicht gesündigt hat, wird ihr ein Wunder geschehen – wenn doch, dann nicht.

bestechungsgeld In Verkleidung und mit Bestechungsgeld ausgerüstet, betrat der Rabbi das Hurenhaus und forderte Berurjas Schwester auf, mit ihm zu schlafen. Sie erwiderte, sie habe ihre Menstruation, und diese sei sehr lang anhaltend. Außerdem seien hier viele Mädchen, die schöner seien als sie.

Meir schloss aus dieser Antwort, dass sich seine Schwägerin auf diese Weise allen Männern entzöge, und wollte den Wächter bestechen, um sie mitzunehmen. Der aber sagte, er könne sie nicht freilassen, denn er habe Angst vor der Regierung. Der Rabbi sprach: »Sage ›Gott Meirs, hilf mir!‹ – dann wirst du gerettet.« Als Beweis bewarf Meir einige blutrünstige Hunde, die sich in der Nähe aufhielten, mit Erdklumpen. Als sich die Hunde auf ihn stürzten, wiederholte er den Satz – und die Hunde ließen von ihm ab.

Beeindruckt ließ der Wächter Rabbi Meir und Berurjas Schwester ziehen, und es geschah das Wunder, dass die junge Frau das römische Bordell als Jungfrau verließ. So erhielt Rabbi Meir den Beinamen Wundertäter.

Über die Jahrhunderte entwickelte sich der Brauch, in einer Notlage auf Aramäisch den Satz »Gott Meirs, hilf mir!« zu rezitieren und zu geloben, eine wohltätige Spende, Zedaka, für die Armen in Israel zu geben. Aus dieser Tradition entwickelten sich seit Ende des 18. Jahrhunderts mehrere Wohltätigkeitsorganisationen, die Meirs Namen tragen und bis heute in Israel existieren.

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