Frauen

Das starke Geschlecht

Der Tanach erzählt von Prophetinnen, Richterinnen und Heerführerinnen

09.02.2017 – von Rabbiner Walter RothschildRabbiner Walter Rothschild

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In unserem Wochenabschnitt singen die Israeliten das »Lied des Meeres« (Schirat Hajam). Ihre Feinde sind ertrunken, sie liegen tot vor ihnen am Ufer des Schilfmeers. Mosches Schwester Mirjam und die anderen Frauen singen ebenfalls und spielen auf Instrumenten.

In unserer Haftara aus dem Buch Richter (Kapitel 4 und 5) gibt es ein weiteres Triumphlied, das von Debora. In dieser Geschichte spielen drei Frauen die Hauptrollen. Debora, die erste, ist sowohl Prophetin als auch Richterin.

Der Tanach berichtet nicht, warum sie berufen wurde und wie es dazu kam. Wir wissen nur, dass sie von den Israeliten verehrt wird: Sie sitzt unter einem Baum, und alle kommen, um ihren Rat zu suchen. Sie trifft strategische Entscheidungen, ruft einen Mann auf, um den Aufstand gegen König Jabin zu organisieren, und sie führt als Frau sogar die Armee, denn Heerführer Barak ist nicht bereit, das allein zu tun. Debora entwirft eine Taktik für die kommende Schlacht. Sie plant, wie das gegnerische Heer mit vielen gepanzerten Kriegswagen in ein Sumpfgebiet gelenkt werden kann.

Lapidot Vermutlich hat Debora einen Mann: Lapidot. Aber wir erfahren nicht, wie alt sie ist, ob sie Kinder hat und wie der Ehemann einer Prophetin mit ihrer Tätigkeit zurechtkommt. Vielleicht hat Debora aber auch keinen Mann, denn die Wörter »Eschet Lapidot« können ebenso gut »Frau mit Lampen« bedeuten – eine Frau mit Leuchtern, die mit deren Hilfe oder auch nur symbolisch in der Dunkelheit sehen kann. Dann wäre »Lapidot« kein Vorname, sondern ein Gegenstand oder eine Metapher.

Jael, die zweite Frau in unserer Geschichte, ist eine Kenitin. Sie bleibt allein in ihrem Zelt und ist anscheinend Hausfrau – angeblich nicht in Politik und in diesen Krieg involviert. Sie ist aber in der Lage, General Sisera durch einen Hinterhalt zu töten, mit einem Zeltpflock durch den Kopf. Welche Demütigung für den General: von einer Frau getötet zu werden, die ihm Milch gab und dann mit einer Decke zudeckte, damit er in Ruhe schlafen konnte.

Die dritte Frau in unserer Geschichte ist Siseras Mutter. Eigentlich erscheint sie erst am Ende unserer Haftara (Richter 5,28). Sie schaut aus dem Fenster des Palasts und wartet auf die Heimkehr ihres sieggewohnten Sohnes – doch vergeblich.

Je länger er wegbleibt, desto verzweifelter ist sie. Sie beginnt zu verstehen und fängt an zu klagen. Ihre Dienstmädchen versuchen, sie zu beruhigen, indem sie ihr erzählen, ihr Sohn sei sicher damit beschäftigt, Mädchen unter seinen Soldaten zu verteilen, damit sie vergewaltigt werden können. Von Solidarität unter den Frauen kann hier keine Rede sein. Und es gibt auch kein Mitleid mit den Gefangenen.

Persönlichkeiten Drei Frauen, drei Rollen – alles starke Persönlichkeiten. Die Männer nehmen Waffen, kämpfen und bringen einander um. Sie tun es fast wie eine Art Sport – zumindest machen sie es ohne erkennbare politische oder ideologische Gründe.

Die Israeliten stehen zu diesem Zeitpunkt unter der Herrschaft Jabins, des Königs von Kenaan, der in Chazor wohnt. Sisera aus Charoschet-Hagojim ist nur sein General – ein Diener, der sich auf Kriegsführung versteht, aber selbst keine Politik macht. Für ihn ist dieser Krieg keine persönliche Angelegenheit. Er tut seinen Job, der nun mal darin besteht, Aufständische zu »erledigen«.

Die Frauen jedoch haben eine andere Funktion: Sie sind unabhängige Führerin, selbstbestimmte Täterin und Mutter, die stolz auf ihren erwachsenen Sohn ist, der sein Handwerk, andere zu töten, gelernt hat. Ruhig, pazifistisch und still sind diese Frauen nicht.

Einige Kapitel später, im ersten Buch Samuel 15,33, scheint diese Geschichte einen Widerhall zu finden, als der Prophet Samuel König Agag tötet und ihm kurz vorher sinngemäß sagt: »So wie du die Kinder anderer Mütter getötet hast, so wird auch deine Mutter jetzt ihren Sohn verlieren.«

Ja, im Krieg fallen Männer, Soldaten. Aber auch diese Männer waren einst Babys und sind Söhne von Müttern, die auf sie warten. Sie sind nicht nur Statistik.

Ich erinnere mich, wie 1988 nach einem blutigen Massaker in Nordirland zwei britische Soldaten vor laufenden Fernsehkameras gelyncht wurden, und eine Frau schrie: »They are also somebody’s sons!« – »Die sind doch auch Söhne von jemandem!«

Schlachtfeld Der Tradition nach ist Debora eine von sieben Prophetinnen. Die erste war Mirjam (so erwähnt, weil sie im 2. Buch Mose 15,20 singt). Die Rabbinen nennen außerdem Sara, Hanna, Avigail, Hulda und Esther (Talmud Megilla 14a). Darüber hinaus nannte Jeschajahu seine Frau Prophetin (8,3). Und es gab »falsche Prophetinnen«, ebenso wie es falsche Propheten gab, zum Beispiel Noadja (Nehemja 6).

Von Jael, der zweiten Frau in unserer Geschichte, erfahren wir nichts mehr, auch nicht, was ihr Mann Chever sagt, als er in sein Zelt zurückkommt und auf seinem Bett eine blutige Leiche findet.

Und wie war es wirklich in Charoschet-Hagojim, als die Nachricht eintraf, der General sei nicht auf dem Schlachtfeld gefallen, sondern im Bett einer Frau ums Leben gekommen? Man könnte ein Krimi-Drehbuch darüber schreiben: das Zelt als Tatort.

Zurzeit wird – nicht nur in Israel – eine Debatte darüber geführt, ob Frauen in bestimmten Kampfeinheiten dienen dürfen. Unter Aufständischen, sei es im jüdischen Widerstand in Polen, unter den Tamil Tigers in Sri Lanka oder bei anderen Milizen, war das nie ein Thema. Dort haben alle für ihre Ideale oder um ihr Leben gekämpft – Gender spielte dabei keine Rolle.

Doch viele Rabbiner haben noch immer ein Problem mit Frauen, die kämpfen – sei es für ihr Recht auf Ehescheidung, ihr Recht, aus der Tora zu lesen oder an der Kotel zu beten.

Jael war eine Kenitin, und Siseras Mutter stammte wahrscheinlich aus Syrien. Aber Debora war Israelitin und ein Vorbild für viele: als selbstbewusste Prophetin, Richterin, Beraterin und Strategin. Frauen wie sie sind ganz klar Teil unserer Tradition – egal, ob nun alle Rabbiner und Politiker damit einverstanden sind oder nicht.

Der Autor ist Rabbiner in Berlin und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.


Inhalt
Der Wochenabschnitt Beschalach erzählt, wie die Kinder Israels auf der Flucht vor dem Pharao und seinen Truppen trockenen Fußes das Schilfmeer durchquerten. Es öffnete sich vor ihnen und schloss sich hinter ihnen wieder, sodass die Männer des Pharaos in den Fluten ertranken. Danach beginnt der eigentliche Weg Israels durch die Wüste. Es wird berichtet, wie der Ewige die Menschen mit Manna und Wachteln versorgt und sie auffordert, Speise für den Schabbat beiseitezulegen. Dennoch fehlt es an Wasser, und die Kinder Israels beschweren sich bei Mosche. Der lässt daraufhin Wasser aus einem Felsen hervorquellen. Schließlich werden die Israeliten von Amalek angegriffen, aber sie schlagen ihn.
2. Buch Mose 13,17 – 17,16

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