Schabbat

Stolz und Verblendung

Pharao glaubt, Gott zu sein. Damit bringt er großes Leid über sein Volk

02.02.2017 – von Rabbiner Konstantin PalRabbiner Konstantin Pal

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Der Auszug aus Ägypten, das zentrale Thema unseres Wochenabschnitts, kann aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet werden. Dem Leser stellen sich viele Fragen. Die wichtigste ist: Warum lässt Pharao das Volk nicht ziehen? Eigentlich müsste ihm doch längst klar sein, dass hinter Mosche und Aharon ein allmächtiger Fürsprecher steht, der es sehr ernst meint, indem er durch Mosche verkünden lässt: Lass mein Volk ziehen!

Doch der Pharao versteht es nicht oder scheint es nicht verstehen zu wollen. Je heftiger die Plagen werden, desto klarer sollte ihm werden, dass die nächste Plage ihn und sein Volk noch härter treffen wird. Doch er lässt nicht locker. Er lebt in einer Blase und regiert an der Realität vorbei.

Pharao ist der Inbegriff extremen Stolzes, der allen, die ihn umgeben, schadet und sie zerstört. Auch die Versuche seiner nächsten Umgebung, ihn umzustimmen, ihm seinen Stolz zu nehmen und ihn auf den Weg der realen Tatsachen zu bringen, scheitern. Es gelingt nicht, dem Pharao verständlich zu machen, dass er mit seinem Verhalten das Land zugrunde richtet.

Pharao lehnt es ab, Demut zu zeigen und die Israeliten ziehen zu lassen. In seiner Vorstellung ist er Ägypten, und weil er als Pharao nicht untergehen kann, kann auch Ägypten nicht untergehen.

Parallelen Es lassen sich hier viele Parallelen zur jüngsten Geschichte ziehen. Despoten zeigen zu jeder Zeit, dass sie am Volk und an der Realität vorbei regieren – und bemerken es nicht. So wie Pharao leben sie abgeschottet, in einer Scheinwelt, in die die Sorgen und Nöte des Volkes nicht eindringen.

Die Realität dringt zu Pharao nur für kurze Momente vor. Nach jeder der Plagen, die immer härter werden, erlebt er einen Moment, in dem man glauben möchte, jetzt lässt er das versklavte jüdische Volk ziehen, jetzt wendet sich alles zum Guten, und die Israeliten dürfen in die Freiheit ziehen. Doch danach versinkt Pharao sogleich wieder in seine Welt und seinen Glauben, er besitze die meiste Macht von allen, und keiner könne ihm etwas anhaben.

Pharao glaubte, er sei göttlich, und außer ihm und seinen Götterkollegen gebe es niemanden, der eine solche Macht hat. Ein Irrglaube, wie sich bald herausstellte. Pharaos Unfähigkeit, dies zu erkennen, führt zur Katastrophe für das ganze Land und das gesamte Volk.

Erst der Tod der Erstgeborenen, die letzte Plage, das entscheidende Zeichen, eine unvergleichlich krasse Maßnahme, lässt Pharao verstehen, dass er nicht allmächtig ist. Erst jetzt versteht er, dass er im Kampf gegen den Gott der Israeliten nie siegen wird. Ihm wird klar, dass sein Weltbild verzerrt ist, nicht der Realität entspricht und er nun handeln muss, so wie er schon längst hätte handeln müssen. Nachdem alle Erstgeborenen im Land sterben mussten, lässt er die Israeliten endlich in die Freiheit ziehen.

Pharao lässt das Volk ziehen – alle zusammen: Männer, Frauen und Kinder, sogar die Tiere, die sie sehr bald in der Wüste brauchen werden, um ihrem Gott ein Opfer zu bringen. Und im selben Satz, in dem der Pharao diesen Auszug erlaubt, fordert er von Mosche, ihn mit dem Segen des ewigen Gottes zu segnen.

Dieser Augenblick ist ein Wendepunkt. Der Pharao begreift, dass er nicht Gott ist, dass er keine göttliche Macht hat, sein Haus aus sterblichen Menschen besteht und seine ägyptischen Götter keine Götter sind, denn all das verblasst vor der Macht des ewigen Gottes.

Dem Pharao wird klar, dass er einen aussichtslosen Kampf geführt hat gegen eine viel stärkere Macht, die ihm, der glaubt, der Mittelpunkt von allem zu sein, aufzeigt, dass er nur ein Mensch ist. Dieser Augenblick ist der Augenblick der Demütigung des Pharaos, aber auch der Augenblick, in dem dieser Demut zeigt und sich segnen lassen möchte.

Er versteht zwar, dass ihm nicht die ganze Schöpfung untertan ist. Aber er versteht nicht, dass der Segen nicht von Mosche kommt, sondern vom Ewigen. Weil der Pharao nicht begreifen will, dass er Teil der Menschheit ist und der Segen des Ewigen für alle Menschen gedacht ist, gibt Mosche keine Antwort auf die Bitte des Pharaos und zieht davon, mit seinem Volk und allem Hab und Gut.

Freiheit Der Wochenabschnitt Bo ist prägend für die gesamte Geschichte des jüdischen Volkes. Er erzählt vom Auszug aus Ägypten, dem Ereignis, welches das Volk frei macht und zu dem formt, was es ist.

Der Wochenabschnitt zeigt aber auch die Gefahr von Macht. Wir lernen, dass Pharao verblendet ist und sein gesamtes Volk und letztendlich auch er selbst darunter leiden müssen. Sein Verhalten ist ein Beispiel dafür, dass die Macht, die ihm verliehen wurde und keiner Kontrolle untersteht, letztendlich zu Zerstörung und Leid führt.

Es gibt viele Parallelen in der Geschichte, wo solche Pharaonen lebten und ihre Macht missbrauchten. Sowohl heute als auch vor 100 oder 1000 Jahren gab es derartige Menschen, und es wird sie wohl immer geben. Aber man kann aus der Geschichte lernen, dass jeder Despot, jeder Diktator und jeder, der die ihm verliehene Macht missbraucht, irgendwann ein jähes Ende nimmt. Sei es durch Verrat, durch einen Aufstand, Krieg oder wie im Fall dieses Wochenabschnitts durch die Macht des Ewigen, des gerechten Gottes.

Der Autor leitet das SchazMaz-Programm der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.

Paraschat Bo
Der Wochenabschnitt schildert die letzten Plagen, mit denen Gott die Ägypter heimsucht: Das sind zunächst Heuschrecken und Dunkelheit, dann kündigen Mosche und Aharon die Tötung aller ägyptischen Erstgeborenen an. Doch das Herz des Pharaos bleibt weiter hart. Die Tora schildert die Vorbereitungen für das Pessachfest und beschreibt dann die letzte Plage: Alle Erstgeborenen Ägyptens sterben, doch die Kinder Israels bleiben verschont. Nun endlich lässt der Pharao die Israeliten ziehen. Zum Abschluss schildert der Wochenabschnitt erneut die Vorschriften für Pessach und die Pflicht zur Erinnerung an den Auszug aus Ägypten.
2. Buch Mose 10,1 – 13,16

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