Friedhöfe

Für immer?

Wie es die Gemeinden mit der Bestattung nichtjüdischer Ehepartner halten

12.01.2017 – von Ayala GoldmannAyala Goldmann und Heide SobotkaHeide Sobotka

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Sie haben sich einander für ein Leben lang versprochen und werden im Tod getrennt. Ehepaare, bei denen der eine Partner jüdisch, der andere aber nichtjüdisch ist, erhalten in der Regel kein gemeinsames Grab auf jüdischen Friedhöfen. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und die jahrelange Überalterung der jüdischen Gemeinschaft gibt es heute mehr »gemischte« Paare, und dies wird langsam zu einem Problem. Während die Familie eines Essener Ehepaares das Recht auf die gemeinsame Bestattung in dem schon vor mehr als 45 Jahren gekauften Doppelgrab auf dem jüdischen Friedhof gerichtlich erstritten hat (siehe Infokasten), gehen die meisten Gemeinden andere Wege.

2012 weihte die Jüdische Gemeinde Emmendingen einen neuen Abschnitt des jüdischen Friedhofs ein. Dort können nun auch Ehepaare, von denen ein Partner nicht der jüdischen Gemeinde angehört, beieinander bestattet werden. 44 Grabstellen sind dafür vorgesehen. Gemeinderabbiner Moshe Navon erklärte damals, dass es eine Verpflichtung sei, auch Menschen, die nicht jüdischen Glaubens sind, »unter uns mit Ehre zu begraben«. Navon hatte sich zuvor von seinen Rabbinerkollegen Benjamin Soussan und Moshe Flomenmann beraten lassen. Sie waren übereingekommen, zwei nur durch eine kleine Hecke getrennte Grabfelder anzulegen, von denen das für Juden etwa fünf Zentimeter höher liegt.

Familienfeld Im November desselben Jahres weihte die Jüdische Gemeinde Dresden ihren neuen Friedhof im Ortsteil Johannstadt ein. Von den Dresdner Stadtwerken konnte die Gemeinde ein Gelände von 5000 Quadratmeter, die östlich an den kulturhistorisch bedeutenden Trinitatisfriedhof anschließen, erwerben. »Wir haben dadurch einen orthodoxen Teil, auf dem ausschließlich Juden – ob nun Gemeindemitglied oder nicht – bestattet sind, und ein sogenanntes Familienfeld, auf dem ›gemischte‹ Paare liegen«, erklärt Gemeinderabbiner Alexander Nachama. Vor der Erweiterung war eine gemeinsame Bestattung von gemischten Ehepaaren nicht möglich.

Die beiden Felder sind deutlich durch einen Weg getrennt. »Mehr erschien mir erst einmal nicht notwendig«, sagt Nachama. Sollte das ein anderer Rabbiner beanstanden, gebe es die Möglichkeit, eine Hecke zu ziehen. Bislang sind auf dem neuen Teil erst drei oder vier »gemischte« Paare bestattet worden. »Die Grabsteine und Gräber sehen aber genauso aus wie auf dem orthodoxen Teil, betont der Rabbiner. »Es sind nur jüdische Symbole darauf zu sehen. Man kann also nicht erkennen, welche Religion der nichtjüdische Ehepartner hatte.«

Grundsätzlich habe man jetzt etwa für die nächsten zehn bis 15 Jahre ausgesorgt. Das Gelände könnte bei Bedarf jedoch erweitert werden. Es steht dort noch ein Schuppen, der abgerissen werden könnte, und damit wäre Platz für weitere Grabstellen, sagt Nachama.

In Mainz ist das Problem der »gemischten Bestattungen« nicht ganz so gravierend. »Wir haben viele Mitglieder aus Moldawien, wo man traditionell zwischen jüdischen Familien heiratete«, sagt die Gemeindevorsitzende Stella Schindler-Siegreich. Dennoch habe man die Tatsache, dass es viele »gemischte« Paare gibt, bei der Anlage des neuen Gräberfeldes, das man kürzlich an der Unteren Zahlbacher Straße, Ecke Xaveriusweg noch hinzugekauft habe, berücksichtigt. »Auf dem kleinen Stück, das in Höhe des neuen jüdischen Friedhofs liegt, können ›gemischte‹ Paare beerdigt werden. Etwa zehn, zwölf Grabstellen finden hier Platz«, sagt Schindler-Siegreich. Die Regelung ist ganz aktuell, erst in den nächsten Wochen soll der Bereich offiziell an die Jüdische Gemeinde Mainz übertragen werden.

Bedarf Mehr Plätze würden voraussichtlich in den nächsten zehn Jahren nicht benötigt. In den vergangenen Jahren hatte Mainz zwischen zehn und 13 Sterbefälle insgesamt, allerdings steige die Zahl allmählich. Allein im Dezember gab es drei Beerdigungen. »Bislang haben wir ein Paar, das auf dem neu hinzugekauften Gelände für ›gemischte‹ Paare bestattet wurde.«

Die Gemeinde hat eine weitere Möglichkeit, interreligiöse Ehepaare zu bestatten: nämlich auf dem Friedhof im Ortsteil Bretzenheim, wo einige wenige Grabplätze zur Verfügung stehen. Einige jüdische Familien leben in Bretzenheim. Für sie wäre die Nähe zum Friedhof attraktiv. »Eine weitere Option ist auch noch der Friedhof im Ortsteil Weisenau. Allerdings haben wir hier Probleme mit dem Grundwasser«, erklärt Schindler-Siegreich.

Man müsse auch berücksichtigen, dass bei der Beerdigung gemischter Paare auf einem jüdischen Friedhof – wenn auch optisch abgetrennt – den dort bisher Bestatteten Respekt gezollt werde. »Man hat natürlich eine Verantwortung gegenüber den Vorgenerationen, die darf man nicht übergehen«, sagt Schindler-Siegreich. »Früher haben sich auch sehr akkulturierte jüdische Familien auf einem jüdischen Friedhof bestatten lassen. Selbst wenn sie nicht religiös gelebt haben, für den jüdischen Friedhof haben sie sich bewusst entschieden«, so die Vorsitzende.

Zur Mainzer Gemeinde gehört auch der jüdische Friedhof in Bingen, auf dem ebenfalls eine Reihe für nichtjüdische Partner vorgesehen ist. »Wir versuchen, die Ehepartner sozusagen auf gleicher Höhe zu bestatten. Die Gräber sind dann durch eine niedrige Hecke getrennt.« In Worms ist Schindler-Siegreich mit der Stadt im Gespräch darüber, ein Stück des städtischen Friedhofs, der nicht belegt ist, für »gemischte« Bestattungen zu erwerben.

erweiterung Seit etwa fünf Jahren hat die Jüdische Gemeinde Gelsenkirchen ein Gelände zu ihrem Friedhof hinzugekauft, auf dem jüdische Gemeindemitglieder gemeinsam mit ihren nichtjüdischen Ehepartnern bestattet werden können. »Wir haben dieses Gelände mit einer Hecke abgetrennt«, sagt die Vorsitzende Judith Neuwald-Tasbach.

»Wir müssen einfach der heutigen Realität Rechnung tragen und näher an den Menschen sein. Vor allem Zuwanderer haben häufig nichtjüdische Ehepartner«, so die Gemeindevorsitzende. Diese nach einem jahrzehntelangen gemeinsamen Leben im Tod zu trennen, halte sie für unwürdig. Auch den Kindern und Angehörigen sei es nicht zuzumuten, auf zwei verschiedene Friedhöfe zu gehen, um ihre Eltern zu besuchen.

Mit der neuerlichen Erweiterung des Friedhofs »sind wir jetzt für die nächsten 20 bis 30 Jahre auf der sicheren Seite«, sagt Judith Neuwald-Tasbach. Derzeit werde auf dem Teil, der etwas verwildert war und auf dem große Bäume stehen, Rasen eingesät und das Gelände beerdigungsfertig gemacht.

Auch auf dem Friedhof Weißensee der der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gibt es die Möglichkeit für jüdische und nichtjüdische Ehepartner, auf einem gesonderten Feld in einem gemeinsamen Grab bestattet zu werden.

Gerichtsurteil
Mehr als fünf Jahre nach ihrem Tod 2011 darf eine nichtjüdische Frau auf dem Friedhof der Jüdischen Kultusgemeinde Essen neben ihrem 1996 verstorbenen Ehemann beerdigt werden. Das hat das Oberverwaltungsgericht (OVG) Münster Anfang Januar entschieden. Das Paar, ein Jude und eine Ex-Katholikin, hatte das Doppelgrab in Essen-Huttrop bereits 1971 erworben. Der Mann starb 1996 und wurde auf dem jüdischen Friedhof beerdigt. Unter Berufung auf ihre inzwischen geänderte Satzung verweigerte die Essener Gemeinde jedoch 2011 die Bestattung der Ehefrau, weil dies aus religiösen Gründen nicht zulässig sei. Die Kinder des Mannes ließen ihre Stiefmutter daher auf dem städtischen Friedhof begraben und zogen vor Gericht. Gegen das Urteil des OVG kann beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde eingelegt werden.

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