Ukraine

Mobil gemacht

Tzvi Arieli hat bei Zahal gedient. Jetzt bildet er im Donbas Soldaten aus

05.01.2017 – von Denis TrubetskoyDenis Trubetskoy

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Eigentlich wollte ich mich in die inneren Angelegenheiten der Ukraine nie einmischen«, sagt Tzvi Arieli, der auch im zivilen Leben meist eine Camouflage-Jacke trägt. Doch es kam anders. Als im Winter 2014 die Maidan-Revolution in Kiew kochte, lebte der Israeli seit Kurzem wieder in der Ukraine.

Bereits 2003 hatte er schon einmal Station in Kiew gemacht, damals führte er die ukrainische Abteilung des zionistischen Jugendverbands Bne Akiwa. »Ich konnte zwischen der Ukraine und Deutschland wählen«, erzählt Arieli. »Aber Kiew interessierte mich mehr, und außerdem kann ich Russisch.«

Übersetzer Zehn Jahre später war der in Lettlands Hauptstadt Riga geborene Arieli wieder unterwegs in die Ukraine, diesmal in privater Mission. Er hatte in den USA an einer Jeschiwa und in Israel Völkerrecht studiert, sprach perfekt Englisch, Hebräisch und Russisch und wollte als Übersetzer in der Anwaltskanzlei eines Freundes arbeiten, deren Kunden vor allem jüdische Unternehmer waren. »Mit der Maidan-Bewegung sympathisierte ich damals lediglich innerlich«, sagt der heute 37-Jährige. Spätestens in den heißen Tagen im Februar 2014 änderte sich das.

»Als die Lage auf dem Maidan kritisch wurde, nahmen auch die Angriffe auf Juden zu«, erzählt Arieli. »Manche Beter wurden bis zur Synagoge verfolgt und dann geschlagen.« Diese Angriffe waren der Ausgangspunkt, warum Arieli sich mit ein paar anderen jüdischen Aktivisten zusammentat und die »Jüdische Selbstverteidigung des Maidan« gründete. Mit seiner Erfahrung aus der israelischen Armee führte er in Kiew Selbstverteidigungskurse durch. Dieser Einsatz war allerdings kurz, denn die Lage beruhigte sich relativ schnell.

Für viel wichtiger hält Arieli seine Tätigkeit als freiwilliger Helfer. »Wir haben zehn auf dem Maidan verletzte Juden nach Israel geschickt – und das nötige Geld aufgetrieben, um ihre Behandlung dort halbwegs zu finanzieren«, erklärt er.

Es habe für ihn keine andere Wahl gegeben, sagt Arieli. »Am 20. Februar, dem Tag der Erschießungen auf dem Maidan, ging ich in eine Apotheke und wollte Arzneimittel für die Verletzten kaufen«, erzählt er. »Ich habe dort eine große Schlange erwartet, doch niemand war da. In dem Moment wusste ich: Ich muss etwas unternehmen.«

Wenig später, nachdem im Frühjahr 2014 der Krieg im Donbass begonnen hatte, nahm das ukrainische Innenministerium Kontakt mit Tzvi Arieli auf. »Die Leute dort wussten von meinen Erfahrungen beim Militär in Israel. Deswegen baten sie mich, sie mit ukrainischen Soldaten zu teilen.«

Bataillon So begann Arielis Laufbahn als Freiwilliger. Tags bildete er verschiedene Bataillone aus, nachts ging er seinem Job als Übersetzer nach. »Es war schwierig, alles unter einen Hut zu bekommen«, sagt Arieli. Er verlor in dieser Zeit etliche Auftraggeber.

Die ersten Eindrücke, die Arieli von der ukrainischen Armee bekam, waren eindeutig. »Zuerst dachte ich, ich würde mit den Soldaten vor allem über Taktik sprechen. Doch schon die ersten Tage zeigten: Die meisten Soldaten können fast nichts«, betont Arieli. »Das soll kein Vorwurf gegenüber den Soldaten sein, vielmehr ist es ein Urteil über das gesamte System.« Auch die materielle Lage entsetzte ihn: »Die Versorgung war unglaublich schlecht, und schlimmere Toiletten habe ich nie gesehen.« Mittlerweile habe sich das verbessert, doch weiterhin bleiben größere Probleme.

»Das Klima in der ukrainischen Armee ist ungesund«, meint Arieli. »Einerseits sind die Soldaten dem Kommandanten so gut wie egal, er fährt meist auch nicht mit an die Front. Anderseits sind die Soldaten nicht bereit, der Führung Fragen zu stellen – denn genau so wurden sie ausgebildet.«

Arieli, der seit seiner Kindheit in Israel lebte, sieht darin den größten Unterschied zu den israelischen Streitkräften: »Das Hinterfragen ist generell ein wichtiger Teil der jüdischen Kultur.« Für Arieli steht fest: Die ukrainische Armee muss sich verändern und modernisieren, denn sonst habe sie als kleine Armee keine Chance gegen eine große aus Russland.

Ein Pilotversuch dieser Modernisierung ist die Gründung eines Nationalgarde-Bataillons der leichten Infanterie, das auf der Basis des NATO-Standards aufgebaut werden sollte. Monatelang hat Arieli dieses Bataillon begleitet. Um bei der Nationalgarde angestellt zu werden, hat er sogar einen ukrainischen Pass bekommen. Doch weil die Nationalgarde inzwischen direkt dem Präsidenten untersteht und einen neuen Kommandeur hat, wurde aus der Zusammenarbeit letztlich nichts. »Am Anfang hatten wir völlig andere Ziele, doch mittlerweile stehen die Jungs an einem Checkpoint im Donbass«, erzählt Arieli. »Dafür braucht man nicht das Training, das wir gemacht haben.«

Weil das mit seiner Festanstellung bei der Nationalgarde nicht geklappt hat, muss Tzvi Arieli sich nun wieder mehr auf seinen Beruf als Übersetzer konzentrieren. »Ich trainiere zwar nach wie vor etliche Soldaten«, sagt er, »doch irgendwie muss ich ja auch Geld verdienen.«

Blogger Gleichzeitig mischt Arieli als Blogger in den politischen Debatten mit. Als Israels Staatspräsident Reuven Rivlin im Herbst die Rolle der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) beim Massaker von Babi Jar hart kritisierte, antwortete Arieli auf den Aufschrei einiger ukrainischer Historiker, die mit Rivlins Rede im Kiewer Parlament unzufrieden waren.

»Seitdem bin ich für einige Patrioten hier ein Agent des Kreml«, sagt Arieli und lacht. »Aber ich wollte unterstreichen, dass auch die Ukrainer für das Morden in Babi Jar verantwortlich sind. Dass viele Historiker die Beteiligung der OUN verneinen, zeugt nicht von ihrer Professionalität.«

Ansonsten sei die Begeisterung für Israel in der Ukraine so groß wie nie zuvor, betont Arieli. »Israel gilt als Musterbeispiel eines Landes, das sich seit Jahrzehnten mit einem Krieg auseinandersetzt – und trotzdem erfolgreich ist«, sagt Arieli. »Auch das politische Kiew versteht inzwischen, dass man Israels Erfahrung in der Ukraine gut gebrauchen kann.«

Allerdings ist Tzvi Arieli skeptischer, wenn es um unmittelbare Perspektiven der Ukraine geht. »Die Gesellschaft entwickelt sich in die richtige Richtung, doch das Land braucht Zeit und Glück, um in die erfolgreiche Spur zu kommen«, sagt Arieli. Mit seinem brandneuen ukrainischen Pass will er selbst dazu beitragen.

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