Donald Trump

Der die Gemeinde spaltet

Wie Amerikas Juden mit dem Ergebnis der Wahlen umgehen

17.11.2016 – von Katja RidderbuschKatja Ridderbusch

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Eigentlich streitet Yossi Sokol gerne über Politik, mit Kunden und Freunden, in der Familie und in der Synagoge. In diesem Jahr hat er sich oft gestritten, und am Ende war er müde und hat sich auf den Tag gefreut, an dem die Präsidentschaftswahlen in den USA endlich vorbei sein würden.

Sokol, 53, drahtig, mit schwarzer Kippa auf dichtem, grau gesprenkeltem Haar, ist Inhaber einer kleinen Kette von Obst- und Gemüseläden in der Autostadt Detroit. Er hat Hillary Clinton gewählt, aber nur mit halbem Herzen. Die Wirtschaftspolitik der Republikaner gefalle ihm als Geschäftsmann eigentlich besser, aber für Donald Trump konnte er nicht stimmen, sagt er, dessen Positionen seien ihm »zu erratisch, zu unzuverlässig«. Außerdem habe er »ein Problem mit Trumps ultrarechten Anhängern und deren rassistischer Rhetorik«.

Vor allem aber nimmt Yossi Sokol dem frisch gewählten US-Präsidenten übel, dass er sich jetzt wohl weiter streiten werde, sagt er und verzieht den Mund zu einem dünnen Lächeln.

Sarkasmus Die Präsidentschaftswahl hat Amerikas Juden tief gespalten. Dabei deutet die Statistik zum Wahlverhalten zunächst nicht darauf hin, dass diesmal etwas grundsätzlich anders war als bei früheren Wahlen: Die Mehrheit der jüdischen Amerikaner – 71 Prozent – hat demokratisch gewählt, 24 Prozent republikanisch. Innerhalb der jüdischen Gemeinschaft stimmten 76 Prozent der Reformjuden, 71 Prozent der konservativen Juden und 56 Prozent der orthodoxen Juden für Clinton. So oder so ähnlich wählen Juden in den USA seit Jahrzehnten.

Die großen jüdischen Verbände wie die Jewish Federations of North America (JFNA) und das American Jewish Committee (AJC) gratulierten Donald Trump zu seinem Sieg – eine übliche Geste nach einer normalen Wahl. Doch an dieser Wahl sei nichts normal gewesen, meint Naomi Dann, Sprecherin der linksliberalen Gruppe Jewish Voice for Peace. »Ich war schockiert, dass viele führende Organisationen in der jüdischen Gemeinschaft so tun, als könne man mit einem Präsidenten Trump zusammenarbeiten wie mit jeder anderen Regierung.« Und die Wochenzeitung »Forward« bemerkte sarkastisch: »Das jüdische Establishment hat nichts Eiligeres zu tun, als sich bei der künftigen Trump-Administration einzuschmeicheln.«

Auch Deborah Lipstadt ist »verstört« über den Wahlausgang. Vor allem fürchtet die Historikerin, dass Trump und seine Wahlhelfer Antisemitismus in Amerika wieder akzeptabel, ja salonfähig gemacht haben. Lipstadt, die an der Emory-Universität in Atlanta lehrt, veröffentlichte 1993 eine viel beachtete Monografie über Holocaustleugner. Der Brite David Irving, einer der lautesten Vertreter dieser Gruppe, zog die Forscherin wegen Verleumdung vor Gericht. Lipstadt gewann den Prozess und schrieb ein Buch darüber. Dessen Verfilmung läuft unter dem Titel Denial derzeit in amerikanischen Kinos und ab Frühjahr 2017 in Deutschland.

Beschimpfungen Lipstadts Befürchtungen sind nicht unbegründet: Nach einer Studie der Anti-Defamation League (ADL) haben antisemitische Beschimpfungen, vor allem in sozialen Medien, in den vergangenen Monaten massiv zugenommen. Insbesondere jüdische Journalisten, die kritisch über Trumps Wahlkampf berichteten, wurden zu Zielscheiben rechtsextremer Cyber-Trolle, die sich als Anhänger des republikanischen Kandidaten outeten.

Die Historikerin will jedoch keine Hysterie schüren. »Trump ist kein Nazi«, betont sie. »Und er ist auch nicht für jeden seiner Anhänger verantwortlich.« Dennoch: Er und sein Team hätten sich von den ultrarechten Fans frühzeitig und klar distanzieren müssen. Zwar wies Trump die offizielle Wahlempfehlung des rassistischen Ku-Klux-Klan zurück, schwieg aber ansonsten weitgehend zu den zweifelhaften Umtrieben seiner radikalen Anhänger. »Damit hat er diesen Leuten einen Raum gegeben, in dem sie ihre antisemitischen Tiraden entfalten konnten.«

Lipstadt geht nicht davon aus, dass sich für Juden, anders vielleicht als für Muslime und Mexikaner, in ihrem Alltag unter Präsident Trump konkret etwas ändern wird. »Das ist eher eine atmosphärische Sache.« Man müsse das Klima genau beobachten, sagt sie. Im Moment sei es jedenfalls nicht so, »dass amerikanische Juden in Scharen ihre Koffer packen«.

Vom Kofferpacken kann bei Richard Allen ohnehin keine Rede sein. Der New Yorker Geschäftsmann ist Mitbegründer der Organisation JewsChooseTrump.org, einer Gruppe amerikanischer Juden, die sich im Wahlkampf für den republikanischen Kandidaten starkgemacht hatte.

In einem Gespräch kurz vor der Wahl wies Allen jeden Verdacht zurück, Trump befördere antisemitisches oder rassistisches Gedankengut. »Wer das behauptet, zieht seinen Namen in den Schmutz.« Schließlich sei Trumps Tochter Ivanka wegen ihres Mannes zum Judentum übergetreten und lebe heute nach den jüdischen Religionsvorschriften.

Er selbst habe Trump vor allem gewählt, weil er Sicherheit und Schutz für Israel verspreche und außerdem das Atomabkommen mit dem Iran rückgängig machen wolle – ein Deal, der eine existenzielle Bedrohung für den Staat Israel sei. Viele amerikanische Juden seien leider einer Politik erlegen, die für »den Verrat an Israel und der westlichen Welt« stehe, schreibt Allen nach Trumps Wahlsieg auf der Homepage seiner Organisation. Er und seine Mitstreiter hätten nun geholfen, diese Lücke zu füllen.

Israel Tatsache ist, dass vielen Juden in den USA das Wohl Israels zwar am Herzen liegt, Israel aber bei Wahlen eine eher untergeordnete Rolle spielt. Auf der Liste der zehn wichtigsten Gründe für die Wahlentscheidung amerikanischer Juden landete Israel dieses Mal auf Platz acht – nach der Wirtschaft, dem Gesundheitswesen und dem islamistischen Terrorismus.

Und genau das, vermutet ein Kommentar in der New York Times, könne künftig auch einen Keil zwischen amerikanische und israelische Juden treiben. Davon kann Yossi Sokol bereits heute berichten. Seine Schwester lebt in Gusch Etzion, einem Siedlungsblock im Westjordanland. Sokol schnauft leise, während er die dunkel glänzenden Auberginen, eine nach der anderen, in ein Gemüseregal räumt. Am Abend zuvor habe er mit seiner Schwester telefoniert, sagt er. Sie hätten über die Wahl gesprochen, worüber sonst. Und sich dabei heftig gestritten.

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