Nachruf

Für eine menschenwürdigere Welt

Mit Nathan Peter Levinson sel. A. starb in Berlin ein bedeutender Rabbiner der Nachkriegszeit

Aktualisiert am 22.11.2016, 15:47 – von Hermann SimonHermann Simon

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Schon lange war Peter Levinson aufgrund seiner Demenzerkrankung nicht mehr der, den wir in Erinnerung hatten, aber er war unter uns. Das ist er seit dem 27. Oktober nicht mehr. Er starb in der Stadt, in der er am 21. November 1924 das Licht der Welt erblickte, seine Kindheit verbrachte und zur Schule ging, ja sogar noch Abitur machen konnte: in Berlin.

Am 17. März 1940 hatte das Jüdische Nachrichtenblatt, das letzte zugelassene Publikationsorgan für Juden, seinen Lesern in einer kleinen Notiz mitgeteilt: »Am Mittwoch, dem 6. März 1940, wurde an der Höheren Schule der Jüdischen Gemeinde zu Berlin die Reifeprüfung abgehalten, die zweite seit Begründung der Schule; ihr unterzogen sich 14 Abiturienten.« Es folgen die Namen von 13 jüdischen Jungen und einem Mädchen.

Die zitierte Notiz ist in der historischen Literatur wenig beachtet worden; die Geschichte dieser Institution der Berliner Jüdischen Gemeinde, in der noch im Jahre 1940 Juden ihr Abitur ablegen durften, ist bisher nicht geschrieben. Offiziell hieß die Schule, die seit Mai 1937 in der in Moabit gelegenen Wilsnacker Straße 3 eingerichtet war, »Privatschule der Jüdischen Gemeinde Berlin (nach dem Lehrplan einer Oberschule)«.

Die einzige Abiturientin 1940 hieß Hilde Loewy. Sie gehörte wenig später zu denen, die im Zusammenhang mit dem Brandanschlag auf die Hetzausstellung Das Sowjetparadies im Berliner Lustgarten von den Nazis ermordet wurde. Sieben der damaligen Abiturienten haben die Jahre des Grauens überlebt. Zwei Namen sind im heutigen Deutschland besonders bekannt: Ernst Ludwig Ehrlich und Nathan Peter Levinson, damals Peter Lewinski.

Kinderfreundschaft Zum ersten Abiturientenjahrgang der Wilsnacker Straße gehörten 1939 meine Eltern, die ein Leben lang mit Peter befreundet waren. Meine Mutter, Marie Simon geb. Jalowicz, kannte Peter schon aus ihrer Kinderzeit, weil sein Vater Mandant meines Großvaters, des Rechtsanwalts Hermann Jalowicz, war. Das Kind Peter, so erzählte mir meine Mutter, wurde zu Konsultationen mitgenommen und zu meiner Mutter ins Kinderzimmer geschickt.

Schon zu dieser Zeit war es Peter klar, welchen Beruf er einst ergreifen werde. Dass das vor ihm liegende Leben ihn um die halbe Welt führen würde, war nicht absehbar. Zunächst begann er nach dem Abitur an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums, die sich Lehranstalt nennen musste, zu studieren.

Ganz besonders war Levinson von Leo Baeck beeinflusst. Baeck, der selbst so lange in Deutschland blieb, war es auch, der Levinson drängte, zu emigrieren.

Rettung Mir unvergesslich die Schilderung der dramatischen Ausreise aus Deutschland in die USA über Polen, die Sowjetunion, Korea und Japan in seinen 1996 erschienenen Erinnerungen: »Als wir russischen Boden betraten, wussten wir auf einmal, dass wir gerettet waren. Und weil wir nicht mehr verdrängen mussten, verstanden wir auch, welchen Todesgefahren wir entronnen waren. Und als wir bedachten, wann und wie wir noch herausgekommen waren und dass ja alles an einem Faden gehangen hatte – nicht einmal, sondern viele Male –, da erkannten wir, dass Großes an uns geschehen war.«

Peter Levinson setzte seine in Berlin begonnenen Studien am Hebrew Union College in Cincinnati/USA fort und wurde nach sechs Jahren zum Rabbiner ordiniert. 1950 betrat er nach neun Jahren erstmals wieder deutschen Boden: »Ich war von der Welt-Union für das Progressive Judentum eingeladen worden, in Berlin eine Probepredigt zu halten, die Bedingungen dort kennenzulernen und unter Umständen einige Jahre lang das Berliner Rabbinat zu übernehmen.« In Berlin wurde er am Flughafen von Heinz Galinski begrüßt, dem Vorsitzenden der Berliner Gemeinde. »In wenigen Monaten würde ich hier mein Amt übernehmen, für das mich Leo Baeck, mein unvergessener Lehrer, vorgeschlagen hatte.« Seine erste Predigt hielt er in der Pestalozzistraße.

Hausverbot Noch gab es eine Berliner Jüdische Gemeinde, aber es herrschte Kalter Krieg. Es war die Zeit nach dem Slansky-Prozess in Prag und den Ärzteprozessen in Moskau. Levinson bezog eindeutig Position. So kam er mit Galinski und der Gemeindeleitung im Frühjahr 1953 in Konflikt: Levinson hatte die Ost-Berliner Juden in einer Pressekonferenz aufgefordert, nach West-Berlin zu fliehen. Heinz Galinski, den er gebeten hatte, mit ihm gemeinsam die Pressekonferenz durchzuführen, versuchte, so berichtet Levinson in seiner Autobiografie, ihn »mit Drohungen daran zu hindern«. Levinsons Appell führte dazu, dass etliche Juden in den Westteil zogen – und zu seiner fristlosen Entlassung plus Hausverbot für sämtliche Einrichtungen der Gemeinde.

Nach Stationen in Japan als Militärrabbiner und seiner Tätigkeit in den USA kam Levinson wieder nach Deutschland. Zunächst als US-Militärrabbiner in Ramstein, dann als Rabbiner in Mannheim, später als Landesrabbiner von Baden und Landesrabbiner von Hamburg und Schleswig-Holstein. Im Dezember 1968 hatte er den Verlust seiner Frau Helga geb. Heimberg zu beklagen, mit der er die gemeinsame Tochter Sharon hat.

optimisten Er engagierte sich in Heidelberg für eine Hochschule für Jüdische Studien, stand dem Ergebnis aber kritisch gegenüber. Sein besonderes Interesse galt dem christlich-jüdischen Dialog, denn viele Nichtjuden versuchten, die Vergangenheit der Schoa aufzuarbeiten. »Es gab in Deutschland nur wenige Juden, die hier Rede und Antwort stehen konnten. Hatte ich das Recht, sie zurückzuweisen?«, fragte er. Levinson wollte die »2000-jährige Geschichte des Misstrauens, der Rivalität und der Verachtung« mit Geduld und Beharrungsvermögen korrigieren. »Letztlich«, so schrieb er, »sind wir Juden die ewigen Optimisten. Wir geben nicht auf. Wenn wir den messianischen Traum nicht gehabt hätten, wären wir kaum bis heute am Leben geblieben. Wir meinen, dass wir durch unseren Einsatz mithelfen, die Welt doch noch in eine menschenwürdigere umzuwandeln.«

Nach seiner Pensionierung pendelten Peter Levinson und seine zweite Ehefrau Pnina zwischen Jerusalem und Mallorca. Der Verlust von Pnina 1998 traf Peter Levinson schwer. Immer wieder zog es ihn jetzt nach Berlin, wo er seit 2002 ständig lebte.

rykestrasse Ich erinnere mich an sein Amtieren zu den Hohen Feiertagen 1995 in »meiner« Synagoge in der Rykestraße; er konnte die Erregung, dort predigen zu können, nicht unterdrücken. Auch seine Predigt zur Batmizwa unserer Tochter Lea am 27. Mai 2001 in der Rykestraße bleibt unvergessen.

Seinen ersten »großen Auftritt« hatte Peter Lewinski, als er in der Aula der Joseph-Lehmann-Schule in Berlin am 21. März 1940 die Abiturrede halten konnte. Sie war ihm so wichtig, dass er sie immer bei sich hatte, an allen seinen Wohnorten. Sie schloss mit den Worten aus dem Buch des Propheten Amos 9,11: »An jenem Tag erstelle ich Dawids zerfallene Hütte wieder, ich verzäune ihre Risse, ihre Trümmer stelle ich wieder her, ich baue sie wie in den Tagen der Vorzeit ...«

Genau diese Worte trug ich am 28. April 1962 als Barmizwa-Knabe in der Ost-Berliner Synagoge Rykestraße vor. In jener Synagoge, in der Rabbiner Nathan Peter Levinson 33 Jahre danach zu den Hohen Feiertagen predigte und die er wieder und wieder besuchte.

Auch wegen dieser Begebenheit ist es mir eine Ehre, an Peter Levinson seligen Angedenkens erinnern zu dürfen.

Der Autor ist Historiker und Gründungsdirektor der Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum.

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