Schabbat

»Sei mit deinem Teil zufrieden!«

Wer glücklich sein möchte, sollte sich nicht mit anderen vergleichen

28.10.2016 – von Rabbiner Schlomo AfanasevRabbiner Schlomo Afanasev

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Diese Woche beginnen wir mit einem neuen Zyklus des Toralesens. Der Abschnitt Bereschit ist dramatisch, er steckt voller Gefühle – und menschlicher Fehler. Man kann die Parascha als verstaubte Geschichte lesen, als einen Teil unseres Kulturerbes oder als etwas ganz anderes.

»Maasim Avot Siman leBanim« – »die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Kinder« –,sagt der Ramban (1194–1270) in seinem Kommentar zum 1. Buch Mose 12,6.

Die Geschichten sind nicht nur als Erinnerung oder als Teil der Allgemeinbildung zu verstehen, sondern sie sind Formeln und zeigen Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns. Sie sind für uns heute da, um uns etwas über das Leben zu erklären.

Der Gaon von Wilna (1720–1797) sagt, der Grund, warum wir auf die Welt gekommen sind, ist Charakterarbeit. Wir sind hier, um an uns zu arbeiten und bessere Menschen zu werden.

Schöpfung »G’tt sprach: ›Lasst uns den Menschen erschaffen‹«, heißt es im 1. Buch Mose 1,26. Zu wem spricht G’tt? Nach einigen Meinungen spricht Er zu den Engeln. Dies ist philosophisch jedoch nicht ganz leicht, da die Engel keinen freien Willen haben und nicht zum Handeln aufgerufen werden können.

Zu wem spricht Er dann? »Lasst uns erschaffen«, sagt G’tt zu jedem von uns! Es ist ein Aufruf, der seit 5777 Jahren in unseren Ohren hallt: Lass uns dich gemeinsam erschaffen – wir beide, du und Ich, G’tt, der dich schon einmal erschaffen hat.

Du erschaffst dich jeden Tag, wenn du über dich lernst, wenn du in der Lage bist, bei der Wahl zwischen Gut und Böse richtig zu entscheiden, wenn du in der kritischen Situation die Kraft hast, eine moralisch vertretbare Entscheidung zu treffen, auch wenn sie für dich ungünstig ist.

Es geht nicht um große Heldentaten und öffentliche Situationen, sondern vielleicht um kleine Konflikte im Alltag, die den Charakter ändern und prägen.

Der am Anfang noch kleine Streit, den man respektvoll und konstruktiv zu Ende gebracht hat, die Kritik, die man gesund aufgenommen hat, die Komplimente, die man austeilt und dadurch vielleicht eine Kettenreaktion auslöst. Doch das ist schwer. Das Leben verläuft schnell, und es passiert so viel. Manchmal geht es sogar um sehr Großes. Da ist es schwer, auf die Kleinigkeiten zu achten.

Einer meiner Lehrer aus Jerusalem sagte: »Es ist nur schwer! Und das ist gut so. Denn keiner von uns möchte beim Finale des Lebens hören: ›Kol HaKavod, was für ein leichtes Leben ist hier zu Ende gegangen.‹« Wir möchten über uns hinauswachsen. Wenn wir die alten Tagebücher lesen, wollen wir uns wundern, wie weit wir gekommen sind.

Wir leben nicht, weil wir nun eben einmal erschaffen wurden, sondern wir leben, um uns jeden Tag aufs Neue zu erschaffen, um uns neu zu definieren und um über das, was gestern sinnvoll war, hinauszuwachsen.

Konflikt Die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Kinder. Ein Buch mit fertigen Formeln und Antworten wurde uns weitervererbt. Lassen Sie uns lesen. Unser Wochenabschnitt erzählt von Kajin und Hewel, einem der ersten Konflikte in der Geschichte der Menschheit. Die beiden Brüder sind die ersten Menschen, die Eltern haben.

Die Geschichte scheint bekannt und klar zu sein: Kajin war Ackerbauer und beschloss, G’tt ein Opfer zu bringen. Hewel, der Hirte war, ließ sich von der Idee seines Bruders inspirieren und brachte ebenfalls ein Opfer. Hewels Opfer war qualitativ hochwertiger und wurde von G’tt angenommen. Kajin ärgerte sich, schämte sich und ermordete daraufhin Hewel.

Lassen Sie uns etwas tiefer schauen. Was liegt dem ersten Mord in der Menschheitsgeschichte zugrunde? Können wir daraus womöglich etwas für unser tägliches Leben lernen?

Rabbi Izchak Abarbanel (1437–1508) sagt, dass es um einen Wettbewerb zwischen den Brüdern ging. Es sollte verglichen werden, wer der bessere Mensch ist. Es ging um einen Vergleich.

So einfach und fast selbstverständlich wurde der Vergleich Teil unseres Wertesystems, ein Teil der Funktionsweise der Gesellschaft, ein allgegenwärtiges Instrument.

Wir leben in einer Zeit, die wie noch nie vom Vergleich geprägt und gesteuert ist. Schauen wir ein paar Jahrzehnte zurück, so sehen wir, dass Rankings und Statistiken längst nicht so relevant waren wie heute. Man sprach von Epochen, die Jahrzehnte dauerten. Inzwischen ist das Tempo gestiegen. Vergleiche und Konkurrenz haben deutlich zugenommen.

Konkurrenz Was sagen unsere Weisen über die Konkurrenz, über den Vergleich? Welche Rolle spielt er in der Erlangung von Glück und Wohlstand? Ist es etwas, das man freiwillig ins eigene Leben integrieren sollte? »Wer ist reich?«, fragt die Mischna in den Sprüchen der Väter (4,1) und antwortet: »Derjenige, der mit seinem Anteil glücklich ist.«

Mit seinem Anteil glücklich zu sein, heißt: das eigene Gehalt nicht mit dem Durchschnittsnettolohn der eigenen Branche vergleichen, nicht mit dem des Nachbarn und noch nicht einmal mit dem eigenen Lohn vor fünf Jahren. Nein, man soll einfach nur zufrieden sein mit dem, was jetzt da ist.

Maimonides, der Rambam (1135–1204), geht in Schmone Perakim, Teil 7, noch einen Schritt weiter im Verständnis der Mischna. Er sagt: Wohlstand ist kein Status, sondern eine Charaktereigenschaft. Demnach kann sich eine Person aneignen, Tag für Tag selbst zu entscheiden, glücklich mit ihrer Situation zu sein – oder auch nicht.

Werte Es ist also die individuelle Entscheidung eines jeden Einzelnen, sich mit anderen zu vergleichen oder nicht, und dann – abhängig vom Ergebnis des Vergleichs – über sein Leben zu urteilen. Glück und Wohlstand basieren auf Werten und können unabhängig von den Umständen festgesetzt werden.

Unsere Welt ist sehr schnell und fast zu kompliziert geworden. Begriffe, Ideen, Trends schießen über die Bildschirme, bevor sie morgen längst wieder überholt sind. Lassen Sie uns unsere Werte selbst definieren. Halten Sie inne und lesen Sie in Texten nach, die den Drucker schon länger verlassen haben. Und dann entscheiden Sie: Sind Sie reich?

Der Autor ist Rabbiner in Berlin.

Paraschat Bereschit
Mit diesem Wochenabschnitt fängt ein neuer Jahreszyklus an. Die Tora beginnt mit zwei Berichten über die Erschaffung der Welt. Aus dem Staub der aus dem Nichts erschaffenen Welt formt der Ewige den Menschen und setzt ihn in den Garten Eden. Dieser Mensch hat zunächst beide Geschlechter und wird nun erst getrennt. Den Menschen Adam und Chawa wird verboten, vom Baum der Erkenntnis zu essen, der inmitten des Gartens steht. Doch weil sie – verführt von der Schlange – dennoch eine Frucht vom Baum essen, weist sie der Ewige aus dem Garten. Draußen werden ihnen zwei Söhne geboren: die Brüder Kajin und Hewel. Der Ältere der beiden, Kajin, tötet seinen Bruder Hewel.
1. Buch Mose 1,1 – 6,8

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