Porträt der Woche

Mann des Wortes

Gadi Goldberg übersetzt deutsche Literatur ins Hebräische und gründet einen Verlag

13.10.2016 – von Jérôme LombardJérôme Lombard

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Ich will ehrlich sein: Texte zu übersetzen, macht mir keinen Spaß. Gutes Essen und Sex sind Dinge, die Spaß machen. Das Übersetzen gehört nicht dazu. Ein Buch zu übersetzen, hat für mich vielmehr etwas intellektuell Befriedigendes. Wenn mir eine Übersetzungsarbeit gelingt, habe ich immer dieses Gefühl von Zufriedenheit.

Das Gefühl, etwas Kulturelles geschaffen zu haben, etwas, das bleibt. Etwas, mit dem ich anderen vielleicht neue Sichtweisen eröffnen, ja, eine andere Kultur erschließen kann. Übersetzen ist für mich Handwerk und Kunst zugleich. Die Kunst nämlich, etwas von der einen Sprache mit ihren kulturellen Codes in eine andere zu übertragen. Ein Stück weit Interpretation ist auch immer mit dabei, und je kreativer und durchdachter der Übersetzer seine Arbeit angeht, desto besser.

Kant und Hegel Ich übersetze literarische und philosophische Texte aus dem Deutschen in meine Muttersprache Hebräisch – von Schopenhauer, Kant und Hegel über Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Wolfgang Koeppen, Erich Maria Remarque und Joseph Roth bis zu Werken zeitgenössischer Autoren wie Uwe Timm. Vom Hebräischen ins Deutsche zu übersetzen, finde ich für mich unprofessionell. Nur in eine Sprache, die man voll und ganz – also als Muttersprachler – beherrscht, kann man wirklich adäquat übersetzen.

Zur deutschen Sprache bin ich über mein Interesse an der Philosophie gekommen. Ich bin 1972 in Ramat Gan geboren und habe an der Universität Tel Aviv Philosophie und Literatur studiert, nachdem ich zunächst mit Chemie angefangen hatte und damit so gar nicht glücklich wurde. Ich wollte viel lieber ein Fach studieren, in dem ich den großen Fragen des Lebens auf den Grund gehen konnte. Was wäre da naheliegender als Philosophie? Während meines Studiums habe ich mich dann vor allem mit dem deutschen Idealismus und besonders mit Hegel beschäftigt. Mir war klar: Wenn ich Hegel mit der ihm eigenen Sprache verstehen will, muss ich Deutsch lernen. So entschied ich mich 2001, für einen Sommersprachkurs nach Heidelberg zu gehen. Das war damals mein erster längerer Aufenthalt in Deutschland und etwas ganz Besonderes für mich. Ich habe mich sofort in Deutschland zu Hause gefühlt.

Berlin Ich habe dann drei Jahre in Süddeutschland gelebt – in Konstanz, Freiburg und München. In dieser Zeit habe ich mein Deutsch kontinuierlich verbessert, immer in Kombination mit meinen philosophischen Studien.

Wenn ich ein bisschen Urlaub hatte, bin ich gerne nach Berlin gefahren. Von der Stadt habe ich mich immer schon angezogen gefühlt. Du steigst aus dem Zug und spürst sofort: Hier pulsiert das Leben. Freiburg und Konstanz sind wunderschöne Städte. Aber ich bin ein Großstadtmensch. München hat mir nie besonders gut gefallen. Dort habe ich mich immer irgendwie fremd gefühlt. Ich musste daher einfach nach Berlin ziehen. Hebräisch ist in Berlin sehr präsent. Das liegt an der stattlichen israelischen Expat-Community hier.

Die Stadt bietet mir ein ideales Arbeitsumfeld. Seit insgesamt zwölf Jahren lebe ich jetzt schon in Berlin und damit länger, als ich in Tel Aviv gewohnt habe. Das wurde mir erst kürzlich so richtig bewusst. Nennt mir jemand einen Straßennamen in Berlin, kann ich damit sehr wahrscheinlich etwas anfangen. In Tel Aviv beschränkt sich mein urban-geografisches Wissen eher auf die Hauptstraßen. Vor Kurzem haben meine Frau und ich uns eine Eigentumswohnung in Friedrichshain gekauft. Sie ist Deutsche und wie ich Freiberuflerin. Vorher haben wir zusammen mit unseren zwei Katzen in Kreuzberg gewohnt, doch wurden uns dort die Mieten zu teuer. Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung. Ich bin sehr glücklich hier im Friedrichshainer Nordkiez.

sachertorte Meine Eltern leben in Israel. Ich versuche, sie regelmäßig zu besuchen. Oder sie kommen zu uns nach Berlin. Mein Vater kann sich problemlos verständigen, wenn er hier zu Besuch ist. Er spricht ganz gut Deutsch. Sein Vater, mein Großvater, war gebürtiger Wiener. Ich habe ihn leider nie kennengelernt, aber ich weiß, dass er nach seiner Emigration 1939 in das damalige britische Mandatsgebiet Palästina ein Wiener Café in Ramat Gan eröffnet hat. Mitten in der nahöstlichen Hitze hat mein Opa Sachertorte, Topfenkuchen und Wiener Melange serviert. Das fand ich immer sehr rührend, hatte er damit doch ein Stück seiner Heimat wiedererrichtet.

Nach Österreich zurückgekehrt ist mein Großvater meines Wissens nie. Auch seine österreichische Staatsbürgerschaft hat er nicht wieder angefordert. Möglicherweise hatte er zeitlebens Ressentiments. Bei meinen Eltern ist das anders. Sie reisen gerne nach Deutschland und Österreich und haben mich auch in meiner Entscheidung, in Berlin zu leben, unterstützt.

Deutsch habe ich von meinem Vater übrigens nicht gelernt. Nicht, dass er es nicht sprechen wollte, aber als Jugendlicher habe ich mich einfach nicht sehr dafür interessiert. Ich erinnere mich aber gut daran, wie mein Vater mit Verwandten am Telefon Deutsch gesprochen hat. Unterbewusst war die Sprache also schon seit meiner Jugend in meinem Leben präsent.

Wenn ich Israel besuche, ist es schön, meine Familie und alte Freunde wieder zu treffen. Heutzutage bezeichne ich Berlin als meine Heimat. In Bezug auf dieses Wort sind sich das Deutsche und das Hebräische jedoch uneins. »Moledet«, das hebräische Wort für Heimat, bezieht sich nämlich semantisch unmittelbar auf den Ort, wo du geboren wurdest, und davon kann es im Leben nur einen einzigen geben. In dieser Hinsicht ist Israel meine »Moledet«.

politik Doch Heimat kann man neu finden. Oder man entwickelt an mehreren Orten heimatliche Gefühle. Der Geburtsort bleibt aber dieser eine Ort, wo du zur Welt gekommen bist. Ich finde es auf der anderen Seite schwierig, zu sehen, wie sich Israel immer weiter militarisiert. Diese Militarisierung drückt sich meines Erachtens auch im modernen Iwrit aus. Diese Verrohung der Gesellschaft ist eine besorgniserregende Entwicklung und hat in den vergangenen Jahren nur noch zugenommen. Nach einiger Zeit in Israel fühle ich mich bedrückt und möchte wieder zurück nach Berlin. Als politisch interessierter Mensch sehe ich die Welt als politischen Ort, an dem sich Privates und Gesellschaftliches vermischen.

Ich bin in keiner Partei oder Bürgerinitiative organisiert. Ich denke, politisch etwas bewegen kann ich am meisten durch mein kulturelles Engagement. Wenn ich mich für die Wiederbelebung des Hebräischen in Berlin einsetze, tue ich das mit Lesungen und Veranstaltungen. Wiederbelebung sage ich bewusst, denn die hebräische Sprache und Berlin sind historisch eng miteinander verbunden. Bis in die 30er-Jahre war Berlin die Stadt mit den meisten hebräischen Verlagen und Zeitschriften weltweit. An diese Tradition möchte ich anknüpfen. Mein guter Freund Tal Hever-Chybowski, Leiter des Jiddisch-Instituts Paris, hat in diesem Jahr eine hebräische Zeitschrift in Berlin herausgegeben, »Mikan Ve’eylakh«. Zusammen planen wir, einen hebräischsprachigen Verlag in Berlin zu gründen.

plan Will man die jüdische Kultur neu beleben, gehört das Hebräische fest mit dazu. Die Sprache wird heute vor allem als Nationalsprache der Israelis gesehen. Man darf aber nicht vergessen, dass das Hebräische viel älter und über die Jahrhunderte bis heute für die Ganzheit der Juden relevant ist. Gerade, wenn ich Texte aus einem älteren Deutsch übersetze, greife ich häufig auf Wörter und Strukturen aus dem Althebräischen und dem Hebräisch der Mischna und des Talmud zurück. Mein Wortschatz wäre sehr eingeschränkt, könnte ich nur im modernen Iwrit schreiben.

Einen hebräischen Verlag in Berlin zu gründen, sehe ich als eine sehr jüdische Aufgabe. In diesem Sinne bin ich mir sehr bewusst, Jude zu sein. Ich definiere mich aber nicht als religiös im institutionellen Sinne und bin auch nicht in der Gemeinde aktiv. Den Talmud lese ich eher als philosophisches Buch – die halachischen Aspekte sind mir weniger wichtig. Mit der Verlagsgründung möchte ich dazu beitragen, die hebräische Kultur hier neu zu beleben. Hebräisch gehört eben nach Berlin.

Aufgezeichnet von Jérôme Lombard.

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