Meinung

Polen am Rande der Schoa-Leugnung

Die Regierung in Warschau geht angeblich gegen »Geschichtslügen« vor. Doch der Schaden ist gewaltig

01.09.2016 – von Gabriele LesserGabriele Lesser

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War der Kommandant des NS-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ein Pole? Oder war Heinrich Himmler, der Reichsführer SS, der die Schoa in Gang setzte, ein Pole? Die Fragen klingen zwar völlig absurd, weiß doch jeder halbwegs gebildete Weltbürger, dass es die Deutschen waren, die Polen am 1. September 1939 überfielen und wenig später mit einem SS-Konzentrations- und Vernichtungslager-System überzogen.

Doch Polens Regierung beschloss nun ein Gesetzesprojekt »zum Schutz des guten Rufes Polens«, das Journalisten weltweit eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren androht, wenn in ihren Artikeln die Wortkombination »polnisches KZ«, »polnisches Auschwitz« oder ähnliche »Geschichtslügen« vorkämen.

kampagne Warschau versucht seit Jahren, den Polen weiszumachen, dass ausländische Journalisten eine gigantische Lügenkampagne in Gang gesetzt hätten, um die Deutschen von ihrer Schuld am Holocaust reinzuwaschen und stattdessen die Polen als die eigentlichen Täter zu brandmarken.

Obwohl aus dem Kontext der wenigen Artikel mit der missverständlichen Wortkombination »polnisches KZ« klar hervorgeht, dass kein einziger Autor behauptet, Höß, Himmler oder Heydrich seien Polen gewesen, sind viele Polen inzwischen vom Gegenteil überzeugt.

Auch der Hinweis, dass beim Warschauer oder Krakauer Ghetto niemand auf die Idee kommt, die Warschauer oder Krakauer hätten die Ghettos eingerichtet oder betrieben, fruchtet nicht mehr. Die jahrelange Propaganda zeigt ihre Wirkung. Sogar die UNESCO wurde 2007 überredet, Auschwitz-Birkenau in »Deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager« umzubenennen.

pogrome Mit dem Gesetz zum »Schutz des guten Rufes Polens« sollen nun aber auch noch andere angebliche »Geschichtslügen« verboten werden, die das Ansehen Polens in der Welt schädigen könnten. Gemeint sind die zahlreichen Pogrome, in denen katholische Polen ihre jüdischen Nachbarn ermordeten, der Antisemitismus in der Vorkriegszeit sowie die gesellschaftliche und wirtschaftliche Kollaboration mit den Besatzern.

All das soll künftig auf dem Index stehen und straf- oder zivilrechtlich verfolgt werden können. In Yad Vashem, der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem, ist man entsetzt. Der Historiker Yehuda Bauer wirft dem polnischen Gesetzesprojekt gar »Nähe zur Holocaustleugnung« vor. Und er hat recht. Denn was sonst bedeutet ein Verbot, über polnische Pogrome reden und schreiben zu dürfen?

Die Autorin ist freie Journalistin in Warschau.

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