Numerologie

Völker, Seelen und Gesichter

In Tora, Talmud und jüdischer Mystik hat die Zahl 70 eine ganz besondere Bedeutung

30.06.2016 – von Rabbiner Joel BergerRabbiner Joel Berger

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Die Zahl 70 erfährt in der rabbinischen, talmudischen Literatur mannigfaltige und unterschiedlichste Deutungen. Die Grundlagen für die vielseitigen Äußerungen zu dieser Zahl, die Erläuterungen und Gelehrtenmeinungen, wurzeln in der Bibel.

Bereits im Sefer Bereschit (1. Buch Mose 11, 1–9) lesen wir, dass in der Generation nach der Flut ein Gebäude in die Höhen des Himmels errichtet werden sollte. Dem Turmbau zu Babel folgte die g’ttliche Strafe: Aus einer wurden 70 Sprachen, mit denen sich die 70 Völker der Welt nicht mehr untereinander verständigen konnten.

Nur wenige Verse danach erfahren wir im 1. Buch Mose 11,26, dass Terach, der Vater unseres Erzvaters Abraham, bei der Geburt seines Sohnes 70 Jahre alt gewesen ist. Des Weiteren wird sowohl in der biblischen wie auch in der nachbiblischen Literatur erwähnt, dass unsere Vorfahren wegen der Hungersnot in Kanaan mit 70 Seelen nach Ägypten zogen (1. Buch Mose 24, 27 und 2. Buch Mose 1,5). Diese 70 Seelen bildeten den Grundstock des Volkes der Israeliten.

Trauer Wir lesen in der Tora auch von der Trauer Josefs, als sein geliebter Vater Jakob, der mit Beinamen Israel hieß, stirbt, und erfahren gleichzeitig etwas über einige Trauersitten und Beerdigungsbräuche im alten Ägypten: »Da fiel Josef auf seines Vaters Angesicht und weinte über ihn und küsste ihn, und Josef befahl seinen Knechten, den Ärzten, dass sie seinen Vater salbten. Und die Ärzte salbten Israel, bis dass 40 Tage um waren; denn so lange währen die Salbetage. Und die Ägypter beweinten ihn 70 Tage« (1. Buch Mose 50, 1–3).

Auch aufgrund nachfolgender Torastelle ist die pietätvolle Handlung weit verbreitet, die Verstorbenen ins Heilige Land zu überführen: »Mein Vater (sprach Josef) hat einen Eid von mir genommen und gesagt: Siehe, ich sterbe; begrabe mich in meinem Grabe, das ich mir im Lande Kanaan erworben habe« (1. Buch Mose 50,5).

Im 4. Buch Mose 11,24 taucht die Zahl 70 im Zusammenhang mit der ersten »Volksvertretung« der Israeliten während ihrer Wanderung durch die Wüste auf: »Da ging Mose hinaus und redete zum Volk die Worte des Herrn. Und er versammelte 70 Männer von den Ältesten des Volkes und stellte sie rings um das Stiftszelt.« Aus dieser g’ttlichen Anordnung entwickelte sich später nicht nur der Sanhedrin, der Hohe Rat der Israeliten, sondern auch der Senat der nichtjüdischen Völker der Antike.

Richter
Für die nachfolgende Epoche der Richterzeit war bezeichnend, dass »in jenen Tagen kein Herrscher in Israel war; ein jeder tat, was recht war in seinen Augen« (Richter 17,6). Damit sind jene chaotischen Zustände zu erklären, die wir häufig im Richterbuch vorfinden: »Und (der Richter) Gideon hatte 70 Söhne, die aus seiner Lende gekommen waren; denn er hatte viele Weiber« (Richter 8,30).

Unter den Richtern kam es zu grausamen Handlungen während ihrer Machtkämpfe um die Herrschaft. Awimelech heuerte eine Söldnertruppe an, mit deren Hilfe er Ofra, den Herkunftsort seines Vaters, überfiel, und die führende Familie, also seine eigene Verwandtschaft, vernichtete. »Und … G’tt vergalt die Bosheit Awimelechs, die er an seinem Vater verübt hatte, indem er seine 70 Brüder ermordete« (Richter 9,56).

Unsere Propheten (1000–200 v.d.Z.) stimmen ganz andere Töne an. Sie prangerten häufig die sozialen Ungerechtigkeiten und die Verfehlungen der Mächtigen ihrer Zeit an. Sie bekleideten keinerlei Ämter oder Positionen. Ihre Kritik war von persönlichem Mut und Engagement und durch den Glauben an den G’tt Israels beseelt.

Der Prophet Jeremia verkündete die Gefangenschaft des Volkes in Babylonien: »Und dieses ganze Land (Israel und Judäa) wird zur Einöde, zur Wüste werden; und diese Nationen werden dem König von Babel dienen 70 Jahre« (Jeremia 25,11).

Jedoch beinhalten seine Weissagungen auch die Hoffnung auf Rückkehr in das Land der Väter, wie auch die gerechte Strafe für Babylonien. »Und es wird geschehen, wenn 70 Jahre voll sind, werde ich an dem König von Babel und an jenem Volke, spricht G’tt, ihre Schuld heimsuchen, und an dem Lande der Chaldäer; und ich werde es zu ewigen Wüsteneien machen« (Jeremia 25,12).

Prophet Und weiter verkündet der Prophet: »Denn so spricht der Herr: Sobald 70 Jahre für Babel voll sind, werde ich mich eurer annehmen und mein gutes Wort an euch erfüllen, euch an diesen Ort (Israel und Judäa) zurückzubringen« (Jeremia 29,10).

Sacharja (6. Jh. v.d.Z.), einer der Propheten der nachexilischen Zeit, sieht die Heilige Stadt Jerusalem noch nicht wiederaufgebaut und stellt daher die quälende Frage: »Herr der Heerscharen, wie lange willst Du Dich nicht Jerusalems und der Städte Judäas erbarmen, auf welche Du gezürnt hast diese 70 Jahre?« (Secharja 1,12).

König David sinnierte über das Leben des Menschen zwischen seiner Vergänglichkeit und Ewigkeit. Dies bringt er auch im folgenden bekannten Psalmvers zum Ausdruck: »Unser Leben währet 70 Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind es 80 Jahre; und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon« (Psalm 90,10).

Haggada Aus der Fülle der rabbinischen Literatur, aus der Aggada, den jüdischen Erzählungen, bietet sich als Allererstes das kurze Lehrstück aus unserem Haggada-Büchlein der Sederabende am Pessachfest an. Dort lernen wir über die Auslegung eines fast 70-jährigen Gelehrten über das Gedenken des Auszuges aus Ägypten zu jeder Tages- und Nachtzeit: »Rabbi Elasar ben Asarja (1. bis 2. Jh. n.d.Z.) sagte: »Siehe, ich bin wie ein 70-Jähriger, doch es ist mir nicht gelungen (zu beweisen), dass der Auszug aus Ägypten auch in der Nacht zu erwähnen ist – bis es Ben Soma ausgelegt hat. Denn es heißt (5. Buch Mose 16,3): ›Damit du denkst an den Tag deines Auszugs aus dem Land Ägypten alle Tage deines Lebens.‹«

Bei dem bekannten jüdischen Philosophen und Gelehrten Ibn Esra (1089–1167) lernen wir über den rabbinischen Grundsatz, dass die Tora »70 Gesichter« hat.

Anne Birkenhauer, die zu den bekanntesten zeitgenössischen Übersetzerinnen hebräischer Literatur ins Deutsche gehört, meint dazu: »Der rabbinische Grundsatz: ›Die Tora hat 70 Gesichter‹ betont die Möglichkeit ganz unterschiedlicher Deutungen ein und derselben Textstelle. Die Gelehrten haben diese Kommentare durch die Jahrhunderte gesammelt, diskutiert und für ihre jeweilige Generation bindend ausgelegt; ihre Kommentare ranken sich wie Baumringe um die jeweiligen Textstellen. Das ist die mündliche Lehre des Judentums. Ältere Kommentare, die zu einer bestimmten Zeit verworfen wurden, wurden aus dem Talmud aber nicht gestrichen, sondern werden weiter tradiert, denn die mündliche Lehre gilt ebenso als Offenbarung G’ttes wie die schriftliche Tora, und jede Streichung dieses über Generationen stattfindenden Diskurses hätte eine Einengung der g’ttlichen Offenbarung bedeutet.«

Zohar Die Zahl 70 wird auch in einem Abschnitt des mystischen kabbalistischen Werkes, Zohar, eindrucksvoll behandelt. Der Sefer haZohar (auf Deutsch: das »Buch des Glanzes«) entstand gegen Ende des 13. Jahrhunderts aus der Tradition des spanisch-sefardischen Judentums und ist die bedeutendste kabbalistische Schrift überhaupt.

Manche meinen, der Zohar sei von Rabbi Schimon bar Jochai im frühen 2. Jahrhundert verfasst worden. Der Zohar enthält in verschiedenen, teils sehr umfangreichen Abhandlungen Auslegungen der Tora und Erzählungen zu mystischen Gestalten des Judentums sowie Hypothesen zu Zahlen und Buchstaben als den Fundamenten der Welt.

In einem Abschnitt des Zohar lesen wir über Rabbi Jizchak, der sagte: »Der Heilige zeigte Adam die Gestalten und die Geschichten seiner Nachkommen, die in der Welt nach ihm leben würden, ebenso zeigte er ihm die Weisen und Könige, die einst über Israel regieren sollten. Er verkündete ihm auch, dass das Leben und die Herrschaft des einstigen Königs David nur von kurzer Dauer sein wird. Da sprach Adam auf den Heiligen ein: ›Nimm doch 70 Jahre von meiner irdischen Existenz und füge sie zu den Lebensjahren Davids.‹ Dieser Bitte Adams wurde stattgegeben, sonst wäre Adam 1000 Jahre alt geworden, anstatt 930, wie uns die Tora berichtet.«

Buchstabe Noch sehr viel mehr ließe sich an dieser Stelle über die Zahl 70 und ihre Bedeutung schreiben, zum Beispiel über die 70 Namen der Stadt Jerusalem oder die 70 g’ttlichen Namen. Aber lassen wir es damit bewenden und verweisen vielleicht nur noch darauf, dass in der Gematria, der jüdischen Zahlendeutung, die 70 dem hebräischen Buchstaben Ajin entspricht. Ajin ist im Hebräischen auch das Auge.

Und – verzeihen Sie mir diesen kleinen Umweg – da sind wir auch schon beim wachsamen Auge der Jüdischen Allgemeinen, mit der sie seit 70 Jahren das Zeitgeschehen verfolgt. Ich bin der Zeitung nicht nur als rabbinischer Autor schon seit Jahrzehnten eng verbunden. Zu ihrem 70. Geburtstag wünsche ich ihr, dass sie neben ihrem fleißigen Redaktionsteam mit ihren frischen, aktuellen und lehrreichen Beiträgen immer weitere treue Leser und kundige Autoren gewinnen möge. Auf die nächsten 70 Jahre!

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