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Der Muskeljude

Harry Gelbfarb aus Wien erfand das deutsche Bodybuilding – ein Porträt

Aktualisiert am 04.07.2016, 18:21 – von Elke WittichElke Wittich

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Bodybuilding-Studios gehören heute genauso selbstverständlich zum Bild einer jeden Stadt wie Bäckereien, Bioläden und Kneipen. Doch die wenigsten, die dort ihre Muskeln trainieren, dürften wissen, dass die Sportart in Deutschland erst durch einen Wiener Juden bekannt gemacht wurde. Harry Gelbfarb eröffnete im Jahr 1956 in Schweinfurt sein erstes Studio. Dem Journalisten Peter Steinmüller ist zu verdanken, dass seine Geschichte nicht in Vergessenheit geraten ist. Steinmüller hatte auf einer eigenen Webseite das Leben des Bodybuilding-Pioniers dokumentiert.

Durch einen Zufall sei er auf Harry Gelbfarb aufmerksam geworden, erzählt Steinmüller im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen. »Vor mehr als zehn Jahren interviewte ich den Krafttrainings-Experten Werner Kieser, und er sagte, dass in Schweinfurt das erste deutsche Studio eröffnet worden sei. Zufällig erwähnte ich das gegenüber meinen Eltern, und mein Vater sagte sofort: ›Ach, der Harry‹, und meine Mutter erzählte, dass sie jahrelang mit Frau Gelbfarb im Stadtrat gesessen habe.«

Waisenhaus Pflegeeltern Harry Gelbfarbs Leben beginnt traurig: Seine jüdische Mutter Sabina, damals mit 19 Jahren noch nicht volljährig, darf seinen nichtjüdischen Vater nicht heiraten und wird gezwungen, ihr Baby wegzugeben. Vier Jahre lang lebt das Kind in einem jüdischen Waisenhaus, bis der Wiener Bäckereigehilfe Erwin Kornfeld und seine Frau Anna es schließlich zu sich nehmen.

Ein verblichenes, undatiertes Foto zeigt Harrys Pflegeeltern als fröhlich wirkendes Paar in robuster Freizeitkleidung, wahrscheinlich während einer Pause beim Bergwandern. Das Bild war Teil einer Ausstellung über die Vertreibung jüdischer Mieter aus Wiener Gemeindebauten während der Nazizeit. Die Kornfelds und ihr Pflegekind werden 1938 gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen. Kurz darauf wird Erwin Kornfeld erst nach Dachau und dann nach Nisko deportiert. Seine Frau bleibt mit Harry allein und mittellos zurück, bevor auch sie den gefürchteten Bescheid zur Deportation erhält.

Gelbfarb muss wieder ins Waisenhaus, wo sich die Situation drastisch verschlechtert hat, denn die Stadt Wien hat die Vormundschaft für jüdische uneheliche Kinder und Jugendliche auf die Kultusgemeinde übertragen, die nun für mehr als 200 Minderjährige zusätzlich sorgen muss. Die zuständige Fürsorgerin ist Franzi Löw, die später in ihren Erinnerungen Harry als »einen besonderen Schützling« bezeichnen wird. Vorrausschauend hatte sie Harrys leiblichen Vater gebeten, die Alimente-Zahlungen, die er auch während der Nazizeit zunächst noch geleistet hatte, aus Sicherheitsgründen einzustellen, wahrscheinlich, damit er nicht unter Druck gesetzt werden konnte, darüber auszusagen, ob das Kind getauft war oder nicht.

Eine Taufe konnte lebensrettend sein: Als der SS-Hauptsturmführer und Leiter des Sonderkomandos, Alois Brunner, 1941 befiehlt, Kinder in Sammellager zu bringen oder nachzuweisen, dass sie vor dem 15. September 1935 getauft worden sind, gelingt es Löw noch in der Nacht, einen Pater namens Born zur Ausstellung eines Taufscheins zu überreden – und Harry daraufhin vor der Deportation zu retten.

Freibad Nach der Befreiung kommt Anna Kornfeld zurück nach Wien, und sie nimmt ihr Pflegekind wieder zu sich. Harrys Begeisterung für das damals noch unbekannte Bodybuilding beginnt an dem Ort, an dem er später selbst zum Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit werden und dadurch einige entscheidende Begegnungen erleben wird: in einem Freibad. Der Junge beobachtet in Wien einige Kraftsportler, die auf dem Rasen neben den Schwimmbecken akrobatische Kunststücke vorführen. Die Darbietungen interessieren ihn jedoch nicht so sehr wie die muskulösen, definierten Körper der Männer.

Gelbfarbs Faszination kommt nicht von ungefähr, denn er leidet immer noch unter den körperlichen Folgen von Hunger und Zwangsarbeit, die bei ihm zu Tuberkulose und Herzproblemen geführt hatten und die erst langsam ausheilen. Als er erfährt, dass einer der bewunderten Muskelprotze ein recht erfolgreicher Boxer ist, beginnt der schmächtige Junge ebenfalls zu boxen. Allerdings nicht aus rein sportlichem Interesse, denn der 16-Jährige hofft, mit Preisgeldern sich und seine Pflegemutter besser ernähren zu können. Und nebenbei möchte er natürlich auch so einen kräftigen, gesund wirkenden Körper bekommen. Das wird aber noch etwas dauern.

Weil Anna Kornfelds gesamte Familie von den Nazis ermordet wurde, entschließen sie und Harry sich 1974 dazu, zu einem Onkel nach New York zu ziehen. Harrys Leben wird in den USA allerdings zunächst nicht leichter. Mehr als zwölf Stunden täglich arbeitet er in einem Räucherbetrieb, bis er einen leichteren Job findet und wieder mit dem Boxen beginnen kann.

Training Dann jedoch ändert sich alles: Gelbfarb sieht zum ersten Mal in seinem Leben eine Bodybuilding-Zeitschrift und beginnt in der kleinen Wohnung, die er sich mit seiner Pflegemutter teilt, umgehend mit dem Training. Kurze Zeit später wird er eingeladen, in einem Studio zu trainieren, damals entstehen die ersten Fotos des deutlich muskulösen jungen Mannes beim Posen.

Mit dem stylischen Ambiente heutiger Studios haben die damaligen Trainingsstätten kaum etwas gemein. Die Schwarz-Weiß-Bilder zeigen im Hintergrund unverputzte Wände, rauen Betonboden und einen Heizkörper mit Rohrleitungen. Aber für Gelbfarb waren sie »der Himmel auf Erden«, wie er später schreibt.

Aber wie bisher alles in seinem Leben, ist auch das kleine Glück in Amerika nicht von Dauer: 1951 wird er zur US Army eingezogen und dann, vermutlich aufgrund seiner Sprachkenntnisse, ausgerechnet nach Deutschland versetzt. Gelbfarb möchte nicht ins Land der Nazis reisen, aber ihm bleibt keine andere Wahl. In Schweinfurt, wo er stationiert wird, wird es kurz darauf wieder ein Schwimmbad sein, in dem er wichtige Begegnungen hat. Zunächst trifft er auf vier junge deutsche Männer, die ähnlich beeindruckt von Harrys muskulösem Körper sind, wie er es selbst nur wenige Jahre zuvor beim Anblick der Kraftsportler war. Man freundet sich an, und der GI erklärt, was Bodybuilding ist. Kurz darauf weckt die Sportlehrerin Elly Böttcher im Schweinfurter Schwimmbad seine Aufmerksamkeit. Sie habe ihn sofort »ungeheuer fasziniert«, wird er später berichten. Mit Kunstsprüngen vom Ein-Meter-Brett gelingt es ihm auch wirklich, sie zu beeindrucken. Dass sie zehn Jahre älter ist als er, stört den mittlerweile 20-Jährigen nicht.

Aber wieder ist das Glück nur ein kurzfristiges, denn 1953 endet Gelbfarbs Militärdienst, und er kehrt in die USA zurück. In New York macht er eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, anschließend zieht er nach Los Angeles. Die erhoffte Filmkarriere bleibt allerdings aus, obwohl er immerhin »einer von 4000 Statisten« bei der Mammutproduktion Die Zehn Gebote ist, in dem die Israeliten nur knapp durch das von Mose geteilte Rote Meer entkommen können, während die Armee von Ramses in den zusammenstürzenden Fluten ertrinkt. Aber ihm bleibt ja das Bodybuilding: Im Magazin »Muscle Power« erscheint eine Geschichte über ihn.

Lange bleibt Gelbfarb jedoch nicht in L.A. 1955 zieht es ihn zurück nach Schweinfurt, wo er am 1. Januar 1956 das erste Bodybuildingstudio Deutschlands eröffnet. Und zu Elly Böttcher, die er im Dezember 1956 heiratet – seine Pflegemutter Anna Kornfeld holt er einige Jahre später nach.

Eiweißpulver Die Monatsgebühren für die Bodybuilding-Schüler sind happig. Laut Peter Steinmüller betragen sie zehn Mark, zehn Prozent eines damaligen Lehrlingsgehalts. Und wirklich viel Geld verdient Gelbfarb nicht. Aber seine Kundschaft ist begeistert, was auch daran liegen dürfte, dass Gelbfarb nicht nur auf das richtige Training, sondern auch auf dazu passende Ernährung achtet. Viel Gemüse, wenig Fleisch, dazu scheußlich schmeckendes Eiweißpulver – mitten in der deutschen Wirtschaftswunder-Zeit, in der auch wieder kräftig gegessen wird, verlangt Harry damit den Athleten für den Erfolg einiges ab.

Nach und nach wird Bodybuilding immer bekannter. Gelbfarbs Studio zieht in größere Räume um, dazu kommt er auf damals noch unerhörte Marketing-Idee: Prominente Sportler dürfen kostenlos bei ihm trainieren, Gewichtheber und Eisschnellläufer nehmen das Angebot gern an. Außerdem richtet er einen Kurs für orthopädisches Kinderturnen auf Krankenschein ein. Finanziell läuft es allerdings immer noch nicht richtig rund, die Pflegemutter, die mittlerweile eine Opferrente erhält, muss mit zum gemeinsamen Haushalt beitragen.

Arnold Schwarzenegger 1961 kann Gelbfarb dann jedoch expandieren, in Nürnberg eröffnet er ein weiteres Studio. Der wirkliche Durchbruch der Sportart beginnt jedoch erst in den 70er-Jahren mit einem jungen Österreicher, der unter anderem fünfmal den Titel Mr. Universum gewann, bevor er als »Terminator« Filmkarriere machte: Arnold Schwarzenegger, den Harry bereits in den 60er-Jahren kennengelernt hatte, ohne jedoch allzu beeindruckt von dessen Körper gewesen zu sein.

Schwarzenegger macht Bodybuilding endgültig populär – auch für Frauen. Gelbfarb richtet 1981 den ersten Wettkampf für Bodybuilderinnen in Deutschland aus. Dann aber zieht er 1983 plötzlich zurück in die USA, und zwar allein. Über die Gründe ist nichts bekannt, Peter Steinmüller vermutet jedoch religiöse Motive. »Harry Gelbfarb hat nicht als Jude gelebt, er hat seine Herkunft zwar nicht verschwiegen, aber er hat sich nicht zum Judentum bekannt«, sagt Steinmüller. »Er wurde irgendwann Mitglied bei den Rosenkreuzlern und bekleidete dort eine relativ hohe Stellung. Die Rosenkreuzler sind eine intransparente Geheimreligion. Genaues über seinen Rang dort weiß man nicht.«

Rosenkreuzler Was den jüdischen Bodybuilder an einer christlichen Geheimlehre so anzog, kann der Journalist nur vermuten: »Man glaubt dort wohl an die Wiedergeburt, mit der bemerkenswerten Begründung, dass ein Mensch, der im ersten Leben unter unglücklichen Lebensumständen litt, eine zweite Chance verdient hat – jemand, der so eine furchtbare Kindheit und Jugend wie Harry hatte, könnte diese Aussicht sehr attraktiv gefunden haben.«

Ebenso rigoros, wie er kein Jude mehr sein wollte, verweigerte Gelbfarb auch den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die den Nazis entkommen war. »Mein lieber Sohn Harry« beginnt ein Brief, den Sabina am 16. September 2004 in Tel Aviv an ihren Sohn schreibt. Drei Ausrufezeichen setzt sie hinter die Anrede, vielleicht, um zu zeigen, wie ernst ihr die Nachricht ist. Unterschrieben ist sie mit »Von Deiner Mutter, die Dich endlich wieder hat«.

Harry Gelbfarb verweigert jedoch ein Wiedersehen, auch seine beiden Halbschwestern, die ihn extra in Deutschland besuchen kommen, können ihn nicht umstimmen. »Er hat es wohl nie verwunden, dass sie ihn weggegeben hat«, glaubt Steinmüller. Zu dem Zeitpunkt, als die Mutter ihm schreibt, weiß er allerdings auch schon, dass er schwer krank ist – am 27. Mai 2005 stirbt er.

Peter Steinmüller möchte auch weiterhin dafür sorgen, dass Gelbfarb nicht in Vergessenheit gerät. Er plant, eine Biografie des Bodybuilders zu verfassen. Eine Person wartet schon ganz besonders ungeduldig darauf, wie er erzählt: Maria Dorothea Simon, jüdische Sozialwissenschaftlerin und ursprünglich in Wien zur Kindergärtnerin ausgebildet, hat vor einigen Jahren selbst ein Porträt von Gelbfarbs Retterin Franzi Löw verfasst, »und ermahnt mich regelmäßig, dass ich nun endlich das Buch über ihn schreiben soll«.

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