4. Israelkongress

Dynamisch, herzlich, kreativ

Das Treffen warb mit einem vielseitigen Programm für den jüdischen Staat

23.06.2016 – von Barbara GoldbergBarbara Goldberg

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Israels Staatspräsident Reuven Rivlin und Ministerpräsident Benjamin Netanjahu übermittelten Video-Botschaften nach Frankfurt: Grüße an die rund 3000 Menschen, die am vergangenen Wochenende unter dem Motto »Building Partnerships« zum 4. Deutschen Israelkongress gekommen waren. Sie konnten sich im Congress Center an der Frankfurter Messe über Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Politik in den deutsch-israelischen Beziehungen austauschen, neue Kontakte knüpfen und bestehende festigen.

Dem Veranstalter, dem Verein »I like Israel« und dessen Vorsitzendem Sacha Stawski, war es gelungen, ein vielfältiges und interessantes Programm mit zahlreichen prominenten Rednern auf dem Podium auszurichten. Moderiert wurde es mit viel Witz und Charme von dem ZDF-Journalisten Cherno Jobatey.

Partner Der Botschafter Israels in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, hob in seiner Begrüßung hervor, dass neben den USA die Bundesrepublik der wichtigste Partner seines Landes sei. Doch dürfe bei allem Optimismus im Hinblick auf eine gemeinsame Zukunft die Vergangenheit nicht vergessen werden. »Auch 71 Jahre nach der Schoa müssen wir weiterhin vermitteln, warum es keinen Schlussstrich unter die Verbrechen der NS-Zeit geben darf«, sagte der Botschafter.

»Deutschland wäre heute nicht dort, wo es ist, wenn es sich nicht zu seiner Schuld und Verantwortung bekannt hätte.« Gleichzeitig bezeichnete Hadas-Handelsman es als »große Schande«, im Jahr 2016 eine Zunahme des Antisemitismus in Deutschland feststellen zu müssen. »Heute sind es die Juden, die verfolgt werden«, sagte er, »und morgen?«

Zentralratspräsident Josef Schuster, der neben Hadas-Handelsman als Schirmherr fungierte, appellierte in seiner Ansprache an die deutsche Politik, keinen Deut von der Solidarität mit Israel abzurücken. »Noch ist es Konsens unter den Regierenden und Parteien hierzulande, für den Staat Israel einzutreten«, betonte er.

Doch frage er sich, ob die neue Annäherung an den Iran dieses stabile Bündnis beeinträchtigen könnte: »Bei aller Hoffnung auf eine Demokratisierung in Teheran darf es keine Kompromisse bei Israels Sicherheit geben«, forderte Schuster. Für die in Deutschland lebenden Juden sei die unverbrüchliche Freundschaft zu Israel »keine Staats-, sondern Lebensräson: Dieses Land ist unser sicherer Hafen, niemals werden wir dem Staat Israel neutral gegenüberstehen«, sagte der Zentralratspräsident.

Machtkampf In den vielen Vorträgen und Diskussionen während des Kongresses zeichnete sich eine überraschende Verschiebung der langjährigen Koordinaten und vertrauten Freund-Feind-Linien innerhalb der Nahostpolitik ab. So fasste die Journalistin und Autorin Esther Schapira diese Entwicklung in einem Paradox zusammen: Noch nie sei die Situation so ernst und gefährlich gewesen wie im Augenblick, und gleichzeitig gebe es zum ersten Mal seit Langem wieder Hoffnung auf eine Annäherung zwischen Israelis und Palästinensern.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, als sei der Nahostkonflikt zurzeit nicht die größte Bedrohung für den Frieden in der Region. Auch der ehemalige israelische Verteidigungsminister Shaul Mofaz betonte, dass für ihn vielmehr der Machtkampf zwischen Schiiten und Sunniten momentan die größte Gefahr darstellt. »Dagegen müssen wir eine Allianz der Moderaten bilden«, forderte er und nannte Jordanien, die Golfstaaten, Saudi-Arabien und sogar die Palästinenser als mögliche Partner.

Ins Bild passte auch der Auftritt von Ayoob Kara, stellvertretender Minister für Regionale Zusammenarbeit, und Jamal Hakroosh, Generalmajor und stellvertretender Polizeipräsident. Denn beide sind Angehörige der arabischen Minderheit in Israel, die etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.

Hakroosh schilderte seinen Werdegang und sagte, dass es innerhalb der Nahostregion nur in Israel möglich sei, dass jemand wie er unabhängig von seiner Herkunft eine so hohe Position erreichen könne. Für die arabische Bevölkerung bedeute es einen großen Fortschritt, dass es inzwischen häufig die eigenen Leute seien, die in ihren Wohngebieten als Polizeibeamte Dienst tun. »Nur indem wir das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken, können wir der Gewalt vorbeugen. Erst wenn sich die arabischen Israelis als Teil der Nation empfinden und sich respektiert fühlen, werden sie ihre Einstellung ändern«, betonte er. »Aber das ist ein langer Weg!«

Ayoob Kara plädierte leidenschaftlich dafür, den Menschen in ihrer syrischen Heimat zu helfen, statt Millionen von Flüchtlingen in Europa aufzunehmen. »Das ist falsch! Sie werden eure Kultur verändern«, sagte Kara, und das klang aus seinem Munde wie eine Warnung. Vor allem aber zeigte sich Kara entsetzt über die »Naivität Europas gegenüber dem Iran«. Für ihn geht vom Teheraner Regime derzeit die größte Bedrohung für Israel aus: »Al Qaida ist hingegen kein Thema mehr, und genauso wird der IS bald verschwinden«, zeigte sich der israelische Politiker überzeugt.

Die gleiche Auffassung vertrat auch Shaul Mofaz: »Der Terrorismus stellt für uns keine existenzielle Gefahr dar, durch ihn lassen wir uns nicht verängstigen und einschüchtern. Anders die Vorstellung, der Iran könnte doch noch Mitglied im Klub der Atommächte werden.«

Leitmotiv Die Angst vor einem atomar aufgerüsteten Iran schien das Leitmotiv dieses Kongresses zu sein. Und die Antwort der deutschen Politik darauf? »Wir müssen in der EU über eine eigene defensive Nuklearstrategie nachdenken«, forderte Roderich Kiesewetter, CDU-Obmann für Außenpolitik im Bundestag. Auch sei es höchste Zeit, endlich die Kleinstaaterei in der europäischen Sicherheitspolitik zu überwinden.

Außerdem sollte die Bundesregierung darüber nachdenken, künftig neben Rüstungsgütern auch Berater, Polizisten und Soldaten nach Israel zu entsenden. Zudem formiere sich gerade eine neue, vielversprechende Allianz zwischen Kurden und Israelis. »Wir teilen dieselben westlichen Werte: Menschenrechte, Demokratie und Meinungsfreiheit«, sagt Saro Qadir, Direktor des »Institute for Research and Development – Kurdistan«. Noch stehe diese Zusammenarbeit ganz am Anfang, aber man arbeite auf allen Ebenen zusammen – politisch, kulturell, wissenschaftlich.

Sein Land sei »lebendig, dynamisch, kreativ, laut, herzlich und immer auch ein bisschen chaotisch« – Botschafter Hadas-Handelsman findet es bedauerlich, dass dieser Aspekt Israels zu kurz komme. Doch es gab sie auch, diese Momente israelischer Lebensfreude. Zum Beispiel bei der FRA-TLV-Party, die in der Nacht zum Sonntag gefeiert wurde und bei der der Kongress wild tanzte. Star des Abends wie auch beim »Live-Act« am Sonntag war der 17-jährige israelische Popsänger Nadav Guedj, der 2015 mit seinem Hit »Golden Boy« Israel beim Eurovision Song Contest vertrat und seitdem weltweit Millionen Fans hat.

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