Universität Göttingen

Aus für Salzborn

Warum der renommierte Antisemitismusforscher gehen soll

Aktualisiert am 16.06.2016, 09:57 – von Stefan LaurinStefan Laurin

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Im Grunde müsste eine Universität glücklich sein, einen Professor wie Samuel Salzborn zu haben. Studenten und Kollegen sind von seiner Arbeit begeistert, der Stiftungsrat der Universität hat ihm einen Preis verliehen, er veröffentlicht viel in angesehenen Fachverlagen, greift in öffentliche Debatten ein und ist zudem im Bereich des Anwerbens von Drittmitteln für einen Sozialwissenschaftler ausgesprochen erfolgreich.

Es war beispielsweise Salzborns Konzept, das das Land Niedersachsen überzeugte, die »wissenschaftliche Dokumentationsstelle zur Analyse und Bewertung von Demokratiefeindlichkeit und politisch motivierter Gewalt in Niedersachsen« an der Universität Göttingen anzusiedeln. 750.000 Euro lässt das Land sich dies kosten.

erstberufung Doch die Georg-August-Universität Göttingen ist anscheinend nicht glücklich, Salzborn als Professor zu haben. Wenn im kommenden Jahr seine befristete Professur ausläuft, soll sie nicht verlängert werden. Nachdem wochenlang über die Gründe spekuliert wurde, reichte die Universitätsleitung eine Begründung nach, um die Debatte zu beenden: Salzborn sei nach Niedersächsischem Hochschulgesetz (NHG) eine »Erstberufung«. »Für diese Erstberufungen ist laut NHG eine Verlängerung nicht möglich.«

Aber genau dieses Gesetz erlaubt zahlreiche Ausnahmen: etwa wenn es um die »Gewinnung herausragend qualifizierter Wissenschaftler« geht. »Wenn Universitäten jemanden behalten wollen, finden sie immer einen Weg«, sagt ein Kollege Salzborns der Jüdischen Allgemeinen. Aber Göttingen will Salzborn offenbar nicht. Weder Proteste des Fakultätsrates und seiner Studenten noch eine Petition, die über 400 Unterstützer fand, darunter namhafte Antisemitismusforscher aus aller Welt, änderten das. Auch der Zentralrat der Juden bedauert, dass »ein auf dem Gebiet der Antisemitismusforschung ausgewiesener Fachmann nicht weiter die Möglichkeit erhält, an der Universität Göttingen zu lehren«.

burschenschaften Abgesehen von dem nachgereichten arbeitsrechtlichen Argument findet sich keine Begründung für Salzborns Aus. Insider sagen, die Atmosphäre passe nicht; Salzborn sei eben einer, der sich einmischt, der mit offenem Visier forscht und streitet. Zum Beispiel wollte er, dass auf der Website der Universität nicht mehr für Burschenschaften geworben wird. Doch hier könnten Gründe liegen, warum die Universität den engagierten Forscher nicht mag. Der für Personal und Finanzen zuständige Vizepräsident der Universität, Holger Schroeter, ist etwa Mitglied im Corps Hildeso-Guestphalia.

Benjamin Söchtig vom Fachschaftsrat Sozialwissenschaft glaubt, Salzborn passe nicht in das Bild einer unpolitisch konservativen Hochschule, wie es sich die Universitätsleitung wünscht. Die Präsidentin Ulrike Beisiegel, eine Biochemikerin, möchte, so Söchtig, »aus der Universität einen unpolitischen Elfenbeinturm machen«.

So hatte Beisiegel im Sommer 2014, als während des Gazakriegs auch in Göttingen viele Antisemiten gegen Israel auf die Straße gingen, dafür gesorgt, dass eine kleine Israelfahne, die nach außen sichtbar in den Räumen der Fachschaft Sozialwissenschaft hing, entfernt werden musste. Sie widerspreche der »kulturellen Diversität« der Universität, hieß es.

Doch passt Beisiegels Biografie nicht zur Vorstellung einer unpolitischen Universität. Die jetzige Präsidentin war bei der »Naturwissenschaftler-Initiative Verantwortung für den Frieden« aktiv, engagierte sich in den 80er- und 90er-Jahren in der Friedensbewegung und gehörte zum Direktorium des Carl Friedrich von Weizsäcker-Zentrums für Naturwissenschaft und Friedensforschung (ZNF) an der Universität Hamburg.

skandale 2007, da war Beisiegel noch nicht in Göttingen, kam die Universität schon einmal in die Kritik: Der Sporthistoriker Arnd Krüger hatte in einem Vortrag behauptet, die israelischen Opfer des Terroranschlags bei den Olympischen Spielen 1972 in München seien freiwillig in den Tod gegangen, denn im Judentum dominiere ein lebensfeindliches Menschenbild.

Während sich beinahe alle Fachkollegen, etwa die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, von Krügers Antisemitismus distanzierten, kam eine Ombudskommission der Universität Göttingen zu dem Urteil, in Krügers Thesen sei Judenfeindschaft nicht zu finden: »Eine antisemitische Einstellung ist weder expliziter Bestandteil der Thesenbildung noch sind die gefundenen Thesen ohne eine antisemitische Tendenz unvertretbar.« Der Kommission, die dies formulierte, gehörten nur ein Jurist, ein Mediziner und ein Landwirtschaftsexperte an. Das Fehlen eines Antisemitismusforschers war damals von Kritikern massiv beklagt worden.

Mit Samuel Salzborn hat die Universität nun einen solchen Experten – und will ihn loswerden.

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