Schawuot

Auserwählt, aber nicht besser

Der Bund am Sinai bedeutet für Israel besondere Verpflichtung, nicht moralische Überlegenheit

09.06.2016 – von Rabbiner Adrian Michael SchellRabbiner Adrian Michael Schell

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An diesem Wochenende beenden wir die Omerzählung und feiern den Abschluss unserer spirituellen Reise, die an Pessach begonnen hat und mit Schawuot endet – eine Reise von der Befreiung aus Ägypten bis zur Übergabe der Tora am Sinai.

Während Ägypten symbolisch für Unfreiheit und einen Ort größter Bedrängnis steht, bedeutet die Zeit in der Wüste mit ihrer Offenheit und Unbegrenztheit gleichzeitig auch die Erfahrung, dass Freiheit ihre Grenzen hat. Die Israeliten mussten mühsam lernen, dass Freiheit ein kostbares und fragiles Gut ist, das kontinuierlich untermauert und verteidigt werden muss, möchte man es lange auskosten.

Und das nicht nur im wörtlichen Sinne einer physischen Verteidigung gegen Angriffe von außen, sondern auch nach innen, also in spiritueller Weise. Es bedurfte eines Systems, das die Anstrengungen, die Freiheit auch für die nächste Generation zu bewahren garantierte. Dieses System können wir der Einfachheit halber Tora nennen, Lehre und Unterweisung.

Tora An Schawuot bestätigen wir Jahr für Jahr genau jene Erkenntnis, dass Freiheit und Tora kein Widerspruch sind, sondern sich bedingende Konstanten in einer chaotisch erscheinenden Welt. An Schawuot danken wir nicht nur dem Ewigen für die Gabe der Tora, sondern auch allen Generationen vor uns für das Festhalten an den Prinzipien der Tora. Es ist das Engagement aller Generationen vor uns, das Engagement von Frauen und Männern, das es uns ermöglicht hat, dieses Zeitalter zu erreichen.

Die Tora ist ein lebendiges, sich ständig erneuerndes System, das aber nie den Grundgedanken vergessen hat, die Freiheit jedes einzelnen Menschen zu verteidigen und zu bewahren. Jüdinnen und Juden sind in diesem Anliegen ein großer Faktor, aber – um es an dieser Stelle vorwegzunehmen – sie sind nicht die Einzigen, die von den Grundsätzen der Tora profitieren sollen; im Gegenteil. Das göttliche Anliegen, das in der Tora formuliert wurde, ist universeller Natur, das Erreichen einer messianischen Zeit ist Gottes Vision für alle Menschen.

Juden sind oft dafür kritisiert worden, sich selbst als »Auserwähltes Volk« zu bezeichnen. Ehrlich gesagt: Es klingt tatsächlich etwas elitär und überheblich, sich selbst »auserwählt« zu nennen. Doch Erwählung ist eine zentrale Idee an Schawuot. So ist es Gott selbst, der den Zeitpunkt und den Berg Sinai als Ort wählt, um sich zu offenbaren. Die Israeliten treffen die freie Entscheidung, die Tora anzunehmen und den Bund mit dem Ewigen einzugehen.

Den Beschreibungen der Tora selbst und dem Midrasch folgend, muss diese Annahme mit großer Begeisterung erfolgt sein. »Na’asseh v’nischma« lautet der freudige Ruf der Israeliten, was wörtlich übersetzt heißt: »Wir werden es tun, und wir werden hören.« In anderen Worten, die Israeliten waren so begierig, die Tora anzunehmen, dass sie zusicherten, ihre Gebote einzuhalten, bevor sie sie überhaupt gehört hatten.

»Goj Kadosch«
Die Erfüllung der Mizwot soll den Israeliten dazu verhelfen, ein »Goj Kadosch«, ein heiliges Volk zu werden. Das ist von zentraler Bedeutung. Jüdisch zu sein, macht einen nicht zu einer heiligen Person. Der jüdischen Lehre folgend, beginnend mit der Tora bis zur heutigen Zeit, sind es Taten, die zählen. Nur durch das Handeln im Sinne der Mizwot erwirken wir Heiligkeit.

Bereits der Prophet Amos kritisierte jene Israeliten, die diesen Grundsatz ignorierten und sich in überheblicher Weise über andere Menschen stellen wollten. Den Quellen zufolge wirkte der Prophet 765–750 v.d.Z., zur Zeit Jerobams II., einer Zeit großen Reichtums im nördlichen Königreich Israel. Amos verurteilte die seiner Meinung nach hohlen und überbordenden religiösen Rituale, während gleichzeitig die Armut im Land zunahm.

Rabbiner Steven Saks verweist darauf, dass es Amos war, der die Idee verwirft, laut der »der Gott Israels eine nationale Gottheit sei, welche Israel im eigenen Interesse jederzeit mobilisieren konnte. Gemäß dem Propheten Amos bedeutet die Erwählung durch Gott nicht, dass Israel besondere Privilegien zustehen und besonderer Schutz, sondern es bedeutet, dass Israel es sich selbst auferlegt hat, dem Ewigen zu dienen«.

In Amos 9,7 wird die Vision unterstrichen, dass Gott ein Gott aller Menschen ist und zu allen Zeiten in der Geschichte aller Völker wirkte und wirkt: »›Seid ihr mir nicht wie die Söhne der Kuschiten, ihr Söhne Israel?‹, spricht der Ewige. ›Habe ich nicht Israel aus dem Land Ägypten heraufgeführt und die Philister aus Kaftor und Aram aus Kir?‹«

Man kann Amos’ Reden folgendermaßen zusammenfassen: Gott begleitet alle Nationen in der gleichen Weise, wie er Israel führt. Alle Menschen und Völker sind Gott in gleicher Weise wichtig, und Gottes Fürsorge zeigt sich nicht nur im Exodus aus Ägypten, sondern ist in der Geschichte aller Völker sichtbar. Zudem ruht Gottes besondere Beziehung zu Israel auf den moralischen Obligationen, die das Volk auf sich genommen hat. Ein degeneriertes Israel ist Gott keinen Cent mehr wert als jede andere unmoralische Nation.

Nichtjuden, die in den Bund mit Gott eintreten möchten, werden eindringlich gewarnt, dass dies eine erhebliche Selbstverpflichtung mit sich bringt und nicht etwa besondere Privilegien. Wer dazu bereit ist, kann selbstverständlich für sich entscheiden, Teil des »auserwählten Volkes« werden zu wollen.

Die Rabbinen lehren, dass die Tora in der Wüste offenbart wurde, um zu verdeutlichen, dass sie »hefker«, herrenloses Eigentum, sei. Jeder kann (und muss) sich das Joch der Tora selbst auferlegen. Das Buch Ruth, das wir an Schawuot lesen, erzählt die Geschichte von Ruth, einer Moabiterin, die diese Wahl für sich selbst trifft.

Stammbaum Ruth hatte keinen beeindruckenden Stammbaum – im Gegenteil, die Moabiter sind Nachkommen der inzestuösen Verbindung von Lot und seiner ältesten Tochter (1. Buch Mose 19).

Die Abstammung und auch der Fakt, dass Ruth nicht als Jüdin geboren wurde, wird ihr in der jüdischen Tradition nicht als Makel angerechnet. Im Gegenteil, in der jüdischen Geschichte nimmt sie als Urgroßmutter von König David einen besonderen Platz ein. Der Tradition folgend wird einst der Messias aus dieser Linie entspringen.

Jede und jeder, der glaubt, aufgrund seiner Religion und/oder Geburt etwas Besseres zu sein als andere, übersieht die klare Lehre der Tora, die Visionen von Amos und die Botschaft des Buches Ruth: Erwählt zu sein, gewährt niemandem besondere Privilegien und stellt erst recht keine Form »genetischer Überlegenheit« dar.

Jüdisch zu sein bedeutet, dass wir uns entschieden haben, unsere Beziehung zu Gott weiterzuentwickeln, in dieser Welt entsprechend den Ideen der Tora zu wirken und den Gedanken einer Welt, in der die Ebenbildlichkeit Gottes aller Menschen erkannt und honoriert wird, nicht aufzugeben.

Adrian Michael Schell ist Gemeinderabbiner der Gemeinde Bet David in Johannesburg (Südafrika) und assoziiertes Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz in Deutschland.

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