Chukim

Es regnet, G’tt segnet

Die Gesetze der Natur stehen im Dienste der Toravorschriften

02.06.2016 – von Rabbiner Michoel MosbacherRabbiner Michoel Mosbacher

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Und wenn ihr in Meinen Gesetzen gehen werdet (…), so werde Ich euren Regen zu seiner Zeit geben« (3. Buch Mose 26, 3–4). Den ersten Teil des Toraabschnitts dieser Woche nennt man auch »Tochacha« (Zurechtweisungen) oder »Brachot uKlalot« (Segnungen und Flüche). Im Sinne von Zuckerbrot und Peitsche wird uns nahegelegt, die Mizwot zu erfüllen.

Betrachten wir die guten Verheißungen der Tora in diesem Abschnitt mit den entsprechenden Erklärungen der Mefarschim, der rabbinischen Kommentatoren, so können wir uns kaum einen besseren Zustand vorstellen. Alles klappt wie am Schnürchen: Der Regen kommt genau und nur dann, wenn wir ihn brauchen, die Ernte ist an Menge und Qualität nicht zu übertreffen, es herrscht Friede auf Erden.

Es ist bemerkenswert, dass die Schilderung von diesem Paradies auf Erden gerade mit dem pünktlichen Niederschlag des Regens beginnt. Können wir dadurch vielleicht die Spur zu einer tieferen Erklärung dieses Abschnitts finden?

Bechukotaj heißt übersetzt: »in meinen Gesetzen«. Was will die Tora uns damit sagen? Und was heißt »euer Regen«?

Midrasch Obwohl mit Bechukotaj grundsätzlich die Vorschriften (Gesetze) der Tora gemeint sind, sehen wir im Midrasch, dass der Begriff »meine Gesetze« viel breiter verstanden werden kann. Chukot Schamajim Wa’aretz – das sind die Gesetze von Himmel und Erde, also die Gesetze von Sonne, Mond, Meer und dem Sand am Ufer der Meere, die Gesetze der Grundwasser – also die Naturgesetze (Rabba 35,4).

Das Wort »Chok« finden wir im Tenach nicht nur im Zusammenhang mit dem Begriff »Gesetz« im juristischen Sinn, sondern auch ganz allgemein, wo es um Gesetz- oder Regelmäßigkeiten geht. So heißt es zum Beispiel im 1. Buch Mose 47,22 »We’achlu et chukam« – und sie aßen ihre Ration. Überall, wo es eine bindende, feste und unumstößliche Regel gibt, wird das Wort »Chok« verwendet.

Auch das bekannte Prinzip, wonach die Chukim diejenigen Mizwot sind, bei denen uns die Logik verborgen bleibt (wie zum Beispiel bei der Para Aduma, der Roten Kuh), geht damit einher, dass dort in erster Linie die bindende Regel gesehen wird und nicht, was wir davon verstehen können.

Verantwortung Im erwähnten Midrasch sehen wir eine Analogie zwischen den beiden von G’tt gegebenen Chukim, den unumstößlichen Regeln.

Es hat wohl noch nie eine Zeit gegeben, in der die Verantwortung der Menschen gegenüber der Umwelt so klar ersichtlich war wie heute. Im Zeitalter von Atomkraftwerken und Klimawandel sind wir uns bewusst: Der Mensch trägt eine immense Verantwortung dafür, dass seine Handlungen nicht zu einer Katastrophe führen.

Dies trifft jedoch nicht nur im rein physischen Sinne zu, sondern, und vielleicht noch viel mehr, im geistigen Sinne; in der Wahl und der Art seines Lebensweges. Wenn die Menschheit sich von ihren geistigen Werten entfremdet, hat dies einen Einfluss auf unsere Umgebung.

Das sagt uns die Tora: Bechukotaj – Meine Gesetze, also beide Gruppen der g’ttlichen Gesetze, diejenigen der Lebensführung und die Gesetzmäßigkeiten der Welt, so wie sie vom Schöpfer gewollt sind, stehen in einer wechselseitigen Beziehung.

Der Midrasch erzählt uns folgende Begebenheit: Als Alexander der Große einst nach Afrika kam, wurde er dort Zeuge eines Gerichtsfalls. Ein Mann hatte ein baufälliges Gebäude gekauft. Als er mit den Grabungsarbeiten begann, entdeckte er dort einen großen Schatz. Sofort ging er zum Verkäufer, um ihm den Schatz zurückzugeben. Dieser war jedoch nicht bereit, den Schatz anzunehmen, da er das Grundstück verkauft hatte und der Meinung war, kein Recht auf den Schatz zu haben. So gingen beide zum König, um den Fall zu klären. Der König entschied, dass der Sohn des einen die Tochter des anderen heiraten und das Geld somit beiden zugutekommen solle.

Alexander war sehr beeindruckt und sagte zum König: »Wenn bei uns so ein Fall vorgekommen wäre, hätten wir die Sache anders gelöst: Die beiden Kläger wären beseitigt worden, und das Geld wäre in die königliche Kasse geflossen.«

Darauf fragte ihn der afrikanische König: »Scheint in eurem Land die Sonne? Gibt es bei euch Regen?« Alexander bejahte. Der König überlegte und sagte: »Wenn die Menschen so schlecht sind, muss dies am Verdienst der Tiere liegen, derer G’tt sich erbarmt.«

Physik Was ist der Unterschied, ob der Regen wegen der Menschen oder der Tiere kommt? Der Prophet Jirmijahu (14,22) sagt: »Gibt es denn bei den Heiden Götzen, die Regen bringen können?« Auch wenn wir die physikalischen Zusammenhänge wie Kälte und Wärme, Feuchtigkeit und Trockenheit und das System des Wasserkreislaufs kennen, haben wir keine Möglichkeit, Regen zu bringen oder zu verhindern. Der Schlüssel des Regens ist laut Talmud einer der drei, die uns Menschen nicht gegeben wurden (Sanhedrin 113).

Es wird auch dann regnen, wenn der Mensch es nicht verdient, nötigenfalls der Tiere wegen. Aber das ist nicht »euer Regen«, und dementsprechend ist auch der Nutzen für den Menschen beschränkt.

Wenn wir Menschen es wert sind, dann ist es »Gischmechem« – »euer Regen«, der vom Himmel mit der g’ttlichen Liebe zum Menschen speziell für uns geschickt wird. Dann sind auch alle Details und Folgen maßgeschneidert zum Besten für den Menschen. Ein Beispiel dafür bringt Rabbenu Bachja in seiner Erklärung zu Parschat Ekew: Als in der Zeit von König Herodes der Tempel erneuert wurde, regnete es jeweils immer nur nachts, und am Tag konnten die Arbeiten ungestört ausgeführt werden. Man sieht: Die Gesetze der Natur stehen im Dienste des Toragesetzes.

Der Talmud erwähnt eine besondere Anordnung von Esra HaSofer: Der Abschnitt Bechukotaj, in dem von Segen und Fluch die Rede ist, soll vor dem Schawuotfest gelesen werden. »Den Fluch lassen wir in der Vergangenheit, es beginnt die Zeit des Segens!« (Talmud, Megila 31b).

Mit den erwähnten Ausführungen können wir das verstehen. Schawuot ist die Zeit, in der wir die Tora bekommen haben. Es ist die Zeit für einen Neubeginn im Sinne der Gesetze der Tora.

Im Wochenabschnitt Bechukotaj lernen wir, dass das Geschenk, das wir mit der Tora erhalten haben, das Geschenk von unserem segnenden Einfluss auf die ganze Schöpfung ist. Es beginnt die Zeit des Segens.

Der Autor war bis 2015 leitender Lehrer an der Jeschiwa in Kriens (Schweiz).

Paraschat Bechukotaj
Mit diesem Wochenabschnitt – auf Deutsch heißt er »In meinen Satzungen« – endet Wajikra, das dritte Buch der Tora. Im Mittelpunkt steht die Verheißung des Segens für diejenigen, die den Geboten folgen: Rechtschaffenheit wird belohnt. Diesem Segen steht ein Fluch für diejenigen gegenüber, die die Gebote nicht halten. Im letzten Teil der Parascha geht es um Gaben für das Heiligtum. Sie können mit einem Gelübde verbunden sein (»Wenn der Ewige dies und jenes für mich tut, werde ich ihm das und das geben«) oder aus Dankbarkeit geleistet werden.
3. Buch Mose 26,3 – 27,34

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