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Zählen

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

19.05.2016 – von Rabbiner Avraham RadbilRabbiner Avraham Radbil

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Viele wissen es nicht: Es gibt ein Verbot, Juden zu zählen. Das ist dem Wochenabschnitt Ki Tissa zu entnehmen. Dort lesen wir über die Zählung des jüdischen Volkes: »Und der Ewige sprach zu Mosche: Wenn du die Zahl der Gemusterten der Kinder Israels aufnimmst, so soll ein jeder dem Ewigen für seine Seele ein Sühnegeld geben, wenn man sie mustert, auf dass keine Plage über sie komme, wenn man sie mustert. Folgendes sollen sie geben: Jeder, der unter die Gemusterten eingereiht ist, einen halben Schekel, den Schekel zu 20 Gera gerechnet, einen halben Schekel als Hebe für den Ewigen« (2. Buch Mose 30, 12–13).

Raschi (1040–1105) kommentiert diese Stelle wie folgt: »Wenn du vorhast, sie zu zählen, um zu wissen, wie viele es sind, zähle nicht ihre Köpfe. Jeder soll einen halben Schekel abgeben, und du sollst die Schkalim zählen, um zu wissen, wie viele es sind. Dann soll keine Plage über sie kommen, denn das böse Auge kann das, was gezählt worden ist, beeinflussen, und eine Pest kann über sie kommen, so wie wir das während der Tage des Königs David gesehen haben.«

Hier verweist Raschi auf Schmuel 24, 1–10, als König David seinen General Joav anwies, eine Zählung des jüdischen Volkes durchzuführen. Daraufhin starben 70.000 Menschen an einer Plage. Sowohl David als auch der Prophet Gad sahen den Grund dafür in der Zählung, denn sie wurde falsch durchgeführt.

Talmud Aus dem Talmud erfahren wir, dass dieses Verbot früher sehr bekannt war: Nachdem sich David eine zweideutige Bemerkung gegenüber G’tt erlaubt hatte, wurde er damit bestraft, dass er genau dort Fehler macht, wo jedes Schulkind richtig zu handeln wüsste. Daraufhin ließ er das Volk auf eine falsche Art zählen, und es kam die Plage. Anscheinend würde Davids Fehler also nicht einmal einem Schulkind unterlaufen (Brachot 62b).

An einer anderen Stelle (Joma 22b) erzählt die Mischna, dass ein zuständiger Kohen (Priester) seine Kollegen für den täglichen Tempeldienst auswählte und die Aufgaben verteilte. Am Anfang wählt er sehr viele Kohanim aus, danach hebt jeder von ihnen einen oder zwei Finger, und dann wurden die Finger gezählt, bis man die nötige Anzahl an Kohanim erreichte.

Die Gemara sagt, dass die Kohanim nicht nach ihren Köpfen gezählt wurden, denn das sei verboten. Als Beweis wird König Schaul angeführt, der den Männern, die er für den Militärdienst abzählte, Schafe gab, die sie dann an ihn zurückgaben, und man zählte die Schafe, nicht die Männer.

Manche Kommentatoren sagen: Es war unmöglich, auf die genaue Anzahl der Kohanim zu kommen, weil man nicht genau wusste, ob sie einen oder zwei Finger ausstreckten. Das wäre nicht der Fall gewesen, wenn man die Köpfe gezählt hätte. Andere sagen, wenn man Körperteile zählt, die nicht lebenswichtig sind, wie Finger, so ist es, als ob man nicht direkt zählen würde (Igrot Mosche Jore Dea 2,117).

Buchstaben Einige Halachot müssen in diesem Zusammenhang unbedingt erwähnt werden. So gehört nach den meisten Meinungen das Verbot, das jüdische Volk zu zählen, zu den biblischen Verboten (Tzitz Eliezer 7,3). Menschen mithilfe von hebräischen Buchstaben abzuzählen – also Alef für eins, Bet für zwei und so weiter – ist ebenfalls verboten (Kaf HaChaim 55,11). Das Zählen von etwas anderem, wie Fingern, ist nur dann erlaubt, wenn es unbedingt nötig oder für eine Mizwa unerlässlich ist (Seridei Esch 1,140).

Der übliche Weg, Menschen für den Minjan zu zählen, ist, einen Vers aus der Tora zu benutzen, der aus genau zehn Wörtern besteht. Manche nehmen auch den Segenspruch »Hamotzi lechem min Haaretz« (natürlich ohne den G’ttesnamen auszusprechen), der ebenfalls aus genau zehn Wörtern besteht.
Einige Rabbiner erlauben es, Menschen im Kopf zu zählen, also ohne dass man mit dem Finger auf sie zeigt (Tzitz Eliezer 7,3).

Hintergrund für das Zählverbot scheint zu sein, dass wir die Persönlichkeit und die Wichtigkeit eines jeden einzelnen Menschen niemals unterschätzen sollten. Doch wenn man Menschen Nummern zuteilt, bewirkt man damit genau das. Die Einzigartigkeit von jedem von uns wird dann hinter der Nummer versteckt. So war es in Auschwitz. Dort wurde der Mensch seines Namens beraubt und erhielt eine Nummer.

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