Reformpädagogik

Eine Schwäbin in Kent

Wie Anna Essinger Flüchtlingskindern ein neues Zuhause bot

Aktualisiert am 12.05.2016, 12:52 – von Daniel ZylbersztajnDaniel Zylbersztajn

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In Südengland, mitten im hügeligen Kent, befindet sich das stattliche Landgut Bunce Court aus dem 16. Jahrhundert. Ställe und Diensthäuser gehören dazu, 25 Hektar Land und ein zweistöckiges Hauptgebäude, das heute privat bewohnt ist. Hinter Bunce Court verbirgt sich ein außergewöhnliches Kapitel der deutsch-jüdischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Es ist kein Geheimnis. Eine Plakette an der Außenmauer erinnert an das, was sich zwischen 1933 und 1948 in Bunce Court zugetragen hat.

Im schwäbischen Herrlingen, einer kleinen Stadt nordwestlich von Ulm, nahm alles seinen Anfang. Dort hatte im Jahr 1926 die jüdische Erzieherin und Humanistin Anna Essinger (1879–1960), deren Methoden eine Mischung aus Montessori, Quäker-Philosophie und deutscher Reformpädagogik waren, zusammen mit ihren Schwestern ein Landschulheim für überwiegend jüdische Kinder gegründet. Als sich 1933 das politische Klima in Deutschland drastisch veränderte, ahnte Essinger, dass ihre Schule nicht mehr lange bestehen würde und entschied, sie mitsamt Belegschaft und vielen der Kinder nach England zu verlegen.

Bereits im Herbst 1933 lebten 65 Kinder und etliche Lehrer auf dem englischen Landgut, das Essinger persönlich ausgesucht hatte. Ein Jahr später machten einige der ältesten Schüler den britischen Schulabschluss. Vor Ort wurden weitere Fachkräfte angestellt – viele davon waren überqualifizierte Flüchtlinge aus Deutschland.

Amphitheater Rasch wuchs die Zahl der Kinder, auch englische Familien begannen, sich für die neue, reizvoll gelegene Reformschule zu interessieren. Im Jahr 1937 erhielt Bunce Court die Anerkennung des britischen Erziehungsministeriums und konnte nun eigenständig britische Schulexamen ausführen. Lehrer und Schüler errichteten auf dem Gut ein Amphitheater, legten Blumen- und Gemüsebeete an. Spenden sorgten dafür, dass mehrere Anbauten als Unterkunft für die Kinder entstehen konnten.

Nach den deutschen Novemberpogromen 1938 erhielt Bunce Court dramatisch Zuwachs, vor allen durch die sogenannten Kindertransporte, die rund 10.000 jüdischen Minderjährigen die Ausreise aus Deutschland und Österreich ermöglichten. Um die neuen Kinder unterzubringen, musste Essinger einige Gebäude in der Gegend um Bunce Court anmieten. Doch es reichte nicht für alle. Sie konnte nur einen Bruchteil der vielen Flüchtlingskinder aufnehmen. Zusätzlich übernahm Essinger die Erziehungsaufsicht des Aufnahmezentrums für Kinderflüchtlinge im benachbarten Dovercourt.

Weder dort noch in Bunce Court war Essinger je Lehrerin. Sie beließ es bei der Ausrichtung der Pädagogik und dem Organisieren. Ihre liebsten Redewendungen haben ihre früheren Schützlinge bis heute im Ohr: »Silence, please!« und »Speak English!« Die ehemaligen Schüler beschreiben »Tante Anna« oder T.A. (tie-ey) als erhabene und korpulente Gestalt, meist schwarz gekleidet, mit auffallend starker Brille. Essinger wollte eine Umgebung schaffen, in der sich die Kinder glücklich und frei entfalten können, sodass sie zu Erwachsenen heranreifen, die später, wie sie sagte, ein »nützliches Leben« führen können.

Die ehemalige Schülerin Thilde Fraenkel (92), eine entfernte Verwandte von Essinger, ruft jedoch auch eine Schattenseite der großen Pädagogin ins Gedächtnis: Sie hatte weniger Interesse an den Erfolgen der Mädchen als an denen der Jungen.

Zwischen Schülern und Lehrern habe gegenseitiger Respekt geherrscht, erinnert sich der in Berlin geborene Martin Lubowski (84). Das Lehrpersonal stand den Kindern den ganzen Tag zur Verfügung, nicht nur als Lehrkräfte, sondern auch als Hausmütter, Hausväter und als Betreuer bei verschiedenen Aktivitäten. Die Fürsorge war derart intensiv, dass Essinger spezielle Tage für die Lehrkräfte einführte, an denen sie sich vollkommen der Kinder entziehen konnten.

Militärzone Mit Beginn des Krieges standen Essinger und ihre Kollegen jedoch vor weiteren Herausforderungen. Viele der deutschen Angestellten und älteren Schüler wurden von den britischen Behörden interniert, da sie offiziell als »feindliche Ausländer« galten. Erschwerend kam hinzu, dass man die gesamte Grafschaft Kent zur Militärzone erklärte. Essinger wurde aufgefordert, Bunce Court binnen einer Woche zu evakuieren. Trotz der kurzen Frist schaffte sie es, ein neues, jedoch viel kleineres Gut im nördlichen Shropshire zu finden, und zog mit der gesamten Schule dorthin um. Die Schüler mussten dabei helfen, das Haus und die Räume herzurichten. Glücklicherweise wurden viele der internierten Mitarbeiter bald wieder freigelassen.

Aus Essingers zunächst rein pädagogischen Prinzipien der Mischung akademischer und praktischer Arbeit wurde schnell eine Notwendigkeit. Ohne die Hilfe der Kinder hätte sich die Schule nicht über Wasser halten können. Neben dieser Arbeit, die die Nachmittage ausfüllte, war man bemüht, die Kinder auch am Wochenende zu beschäftigen. Hierzu wurden Besuche bei freiwilligen Pflegeeltern arrangiert. Die stellvertretende Schuldirektorin Hanna Bergas (1900–1987) schreibt in ihren Memoiren, dass dies auch geschah, um die Kinder abzulenken, damit sie nicht zu viel nachdenken mussten über das, was ihnen zugestoßen war.

Traumata Erst 1946 durfte die Schule nach Kent zurückkehren. Der alte Glanz des Landguts war durch Militärtruppen, die hier vorübergehend einquartiert waren, verunstaltet und musste mühselig wiederhergestellt werden. Essinger kümmerte sich nun um die Pflege traumatisierter Kinder – Jungen und Mädchen, die die Schoa überlebt hatten.

Im Jahr 1948 musste die Schule schließen. Essinger war am Ende ihrer Kräfte, nachdem die Zuschüsse für die Schule wegfielen, da die Behörden kein Flüchtlingsproblem mehr sahen.

Schon bald nach der Schließung von Bunce Court stellte sich heraus, dass Kinder, die durch Essingers Schule gegangen waren, später überproportional großen Erfolg im Beruf hatten. Unter den ehemaligen Schülern sind zahlreiche Wissenschaftler und Künstler, die es weit gebracht haben. Der berühmteste mag wohl der britische Maler Frank Auerbach sein. Sehr bekannt wurden auch die Brüder Sonnenschein: Der eine war Dolmetscher bei den Nürnberger Prozessen, der andere wurde Berater von US-Außenminister Henry Kissinger.

Auch Harold Jackson, lange Jahre Auslandskorrespondent der liberalen Tageszeitung The Guardian, verbrachte mehrere Jahre auf Bunce Court. Er war weder Jude noch Deutscher. Seine Mutter fühlte sich vom progressiven Ethos der Schule angezogen. »Die Tatsache, dass die meisten Lehrer und Kinder deutsch waren, hatte sie offenbar übersehen«, berichtet Jackson, heute 83 Jahre alt. »Als wir an der Schule ankamen, begrüßte uns Hanna Bergas mit einem ›Herzlich Willkommen‹ – mitten im Krieg auf dem englischen Land!«

Andere ehemalige Schüler erinnern sich, dass in Bunce Court niemand zur Religion gezwungen wurde. Wer wollte und es von zu Hause gewohnt war, traf sich am Freitagabend oder an den Feiertagen in einer kleinen Gruppe. Essinger wollte die religiöse Lebensart ganz bewusst den Kindern selbst überlassen. Man lehrte sie Bibel und Hebräisch, aber nicht die religiösen Pflichten und Riten. So war auch die Barmizwa freiwillig.

Laut der ehemaligen Schülerin Thilde Fraenkel war das Herz der Schule die Küche. Die Köchin Gretel Heidt sei die einzige nichtjüdische deutsche Angestellte gewesen. Als »Deutsche, die auf unserer Seite stand«, beschreibt sie Martin Lubowski noch heute mit Tränen in den Augen. Thilde Fraenkel blieb lange Stunden in der Küche statt im Klassenzimmer. Essinger tolerierte diese Wahl und ermöglichte es Fraenkel, nachdem sie die Schule verlassen hatte, in Großküchen zu kochen. Dass die Lehrer den Schülern die erste Anstellung vermittelten, war in Bunce Court durchaus üblich.

Selbst nach ihrem Abschluss und erfolgreicher Arbeitssuche kamen viele Ehemalige oft wieder zu Besuch in die Schule und wurden gern empfangen. Auch Leslie Brent tat dies, nachdem er freiwillig der britischen Armee beigetreten war. Für viele, die ihre Eltern und Geschwister in der Schoa verloren hatten, wurde Bunce Court zu einer Art Ersatzfamilie, mit Kontakten, die oft ein Leben lang hielten.

Konzept Hätte Anna Essinger ihre Schule nicht für Flüchtlingskinder umstrukturieren müssen, würde man ihr pädagogisches Konzept heute vielleicht in einem Atemzug mit Waldorf und Montessori nennen. Immerhin entstand die erste Waldorfschule nahezu zeitgleich nur 70 Kilometer von Herrlingen entfernt in Stuttgart. Für Essinger und ihre jüdischen Kinder waren die 30er- und 40er-Jahre keine geeignete Zeit, um ihre Schulphilosophie detailliert zu entwickeln. Ja, sie hatte nicht einmal Zeit, ihre pädagogischen Gedanken niederzuschreiben. So gibt es von ihr lediglich eine kleine Schrift, in der sie den außergewöhnlichen Werdegang der Schule beschreibt.

Im Berliner Stadtteil Lichterfelde soll demnächst eine Gemeinschaftsschule nach Anna Essinger benannt werden. In Ulm trägt bereits seit 1991 ein Gymnasium ihren Namen. Dessen Schulleiter, Marius Weinkauf, ist der Meinung, dass sich Essingers Pädagogik durchaus hätte ausbauen lassen wie diejenige Rudolf Steiners, des Begründers der Waldorfschulen. Weinkauf erzählt, dass sein Gymnasium bewusst eine Ganztagsschule ist, mit allen möglichen Aktivitäten am Nachmittag, mit Werkstätten und politischen sowie sozialen Arbeitskreisen. Die Schule soll, ganz nach Essinger, Lebensschule sein. »Anna Essinger hat nicht das verkopfte Erziehungsmodell gefordert, sondern sie war eine handfeste, mutige und sehr im Leben stehende Frau«, betont Weinkauf, »sie ließ die Kinder ihre Alltagsthemen leben – und lebte selbst die ihren.«

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