Lala Süsskind

Frau der Tat

Lala Süsskind spricht gerne aus, was sie denkt. Ein offener Mensch, sagen die einen. Zu offen für den neuen Job, die anderen. Ein Hausbesuch bei der künftigen Chefin der Berliner Gemeinde

31.01.2008 – von Uta von SchrenkUta von Schrenk

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von Uta von Schrenk

Eine gute Portion politischen Instinktes, das Gespür für den richtigen Ausgleich kann man immer mal gebrauchen. Auch als Mutter. Anfang der siebziger Jahre, Lala Süsskinds Sohn geht in die vierte Klasse. Er ist beliebt, Klassensprecher, nachmittags spielt die halbe Klasse bei den Süsskinds im Garten. Und was macht ihr Junge? Steht mitten im Unterricht auf und scheuert seinem Nachbarn eine. Ein drittes Mal wollte er sich nicht anhören müssen, dass er ein „Scheiß-Jude“ sei. Der Lehrer sagt zu ihm: „Ganz falsch, aber du hast recht.“ Am Nachmittag steht zu Hause das Telefon nicht mehr still. Die Lehrer: Es tut uns so leid. Die Mutter: Frau Süsskind, wir kennen uns doch. Die Mitschüler: Der kriegt Klassenkeile. Der Direktor: Was machen wir da?
Ja, was machen wir da? Lala Süsskind jedenfalls, damals Mitte dreißig, geht am nächsten Morgen sehr früh zur Schule, setzt sich vor die Klasse ihres Sohnes und erklärt den Kindern, dass der Junge, der ihren Sohn beschimpft hat, nur Aufmerksamkeit wollte, eifersüchtig sei, weil er nicht dazu gehöre. „Also, niemand rührt mir den Jungen hier an“, sagt sie und geht.
Lala Süsskind scheint zu jenen zu gehören, die nicht hinter jedem Busch einen Antisemiten vermuten. Eine Eigenschaft, die ihr als künftige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zugutekommen dürfte. Gelassenheit ist immer nützlich, zumal in diesem Amt einige Superlative zu bewältigen sind. Die Berliner Gemeinde ist mit 12.000 Mitgliedern die größte in Deutschland. Sie hat einen beeindruckenden Schuldenberg angehäuft. Ihre bisherige politische Vertretung scheute keine öffentlich ausgetragene verbale Schlamm- schlacht, gern unter Zuhilfenahme der Staatsanwaltschaft. Und dann ist Lala Süsskind auch noch die erste Frau in einer solchen Position. „Ach, du heiliges Kaninchen“, wird Lala Süsskind wohl sagen, die Tür zu ihrem neuen, „gruselig ungemütlichen“ Büro mit dem Ehrfurcht heischenden, überdimensionierten Schreibtisch weit aufreißen und sich an die Arbeit machen.
Lala kommt aus dem Polnischen und heißt übersetzt „Püppchen“. Doch recht niedlich für eine Frau von 61 Jahren, die in ihrem Leben schon so manches öffentliche Amt innehatte, darunter den Bundesvorsitz der zionistischen Frauenorganisation WIZO und den Vorsitz der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Berlin. Für eine Frau, die ein halbes Jahr in einem israelischen Kibbuz Baumwollpflanzen verzogen und Apfelblüten ausgegeizt hat. Die mit Mitte Dreißig beim Whitewater Rafting in der Nähe von Sacramento beinahe ertrunken wäre. Und die sich für ein Freizeitmodengeschäft im tiefsten Neukölln entschied, obwohl sie auch eines im eleganten Wilmersdorf hätte haben können. Weil aber ihr eigentlicher Vorname „Frida“ dem Grundschullehrer zu teutonisch und zu wenig dem zarten, aber lebhaften Kind zu entsprechen schien, blieb es bei dem Kosenamen.
Eine Straße in Berlin-Dahlem. Rechts und links Villen, für jeden Geschmack etwas dabei. Gründerzeitstil, prunkvoll und verspielt, Siebziger-Jahre-Architektur, ambitioniert und ausladend, sogar ein Anwesen im Bauhaus-Stil, streng und kastig. Eine Gegend, in der man seinen Namen nicht auf das Klingelschild schreibt. Am Ende der Straße beginnt der Grunewald. Lala Süsskind öffnet die Tür, das Handy am Ohr, winkt freundlich-eilig durch Räume mit Marmorfußböden und moderner Kunst bis in einen kleinen Salon. Oben auf der Galerie steht ihr Schreibtisch. Jemand aus der jüdischen Gemeinde will mit ihr über Fördermittel für ein Projekt und die Nutzung von Räumen sprechen. „Da kann ich Ihnen im Moment nichts zu sagen, melden Sie sich wieder, wenn ich gewählt bin“, sagt Lala Süsskind und legt auf. Seit ihre Wahlliste Atid, Hebräisch für Zukunft, Ende November die Mehrheit in der Repräsentantenversammlung errungen hat, gehe das nun schon so. Tage, von Handyklingeln, Interviews und politischen Treffen bestimmt. Schon wieder das Telefon. Diesmal ist es die Schwägerin. Lala Süsskinds Mutter, die sie zu Hause pflegt, ist am Morgen ins Krankenhaus gekommen, nun muss geklärt werden, wie viele sie beim Schabbat sein werden.
Das Püppchen von damals ist immer noch zierlich. Eine jugendlich wirkende Frau mit heller Stimme und flinken Bewegungen, Sport zahlt sich eben aus. Doch wer meint, dass die Dame mit den sorgfältig manikürten Händen nur auf Wohltätigkeitsbasaren zugunsten von israelischen Sozialeinrichtungen repräsentieren kann, sieht sich getäuscht. Wenn sie es für notwendig hält, vermag Lala Süsskind deutlich zu werden. Manche sagen, zu deutlich. Vielleicht möchte sie auch deswegen ihre deftigen Ausdrücke, die sie noch im vergangenen Herbst während des Wahlkampfes, auch gerne vor Mikrofonen und laufenden Kameras, für die Leitung der jü- dischen Gemeinde fand, heute nicht mehr in der Zeitung lesen. Nur so viel: Die Gemeindeführung der letzten Jahre sei „ein Murks“ gewesen. Gemeint ist damit immerhin die Denunzierung des Ex-Vorsitzenden Albert Meyer, der zu Unrecht der Veruntreuung von Geld bezichtigt wurde. Oder die Malaise unter Gideon Joffe und Arkadi Schneiderman, die mit dem zu verwaltenden Etat von 25 Millionen Euro im Jahr nach Meinung von Kennern der Materie nicht nur buchhalterisch überfordert waren und sich schon bald in Dauerstreit übten. Alles in allem nicht gerade Werbung für die jüdische Gemeinde.
Einen Vorgeschmack auf diesen „Murks“ bekam Lala Süsskind gleich nach der Wahl. Ihre Partei habe sich illegal die Adressen der Gemeindemitglieder verschafft, um Wahlwerbung zu verschicken, lautete der Vorwurf der Wahlverlierer Warum sie sich das alles antun will, und das auch noch ehrenamtlich? Nötig hat sie es nicht, die Immobiliengeschäfte der Familie laufen gut. „Man lebt nicht für sich allein“, sagte ihr Vater einmal. Soll heißen: Man verließ sich auf seine Freunde. Aber man führte auch ein offenes Haus, engagierte sich für andere. „Bei uns war ständig jemand zu Besuch, der versorgt wurde. Alles wurde geteilt, und das war am Anfang wenig.“ Für die kleine Lala war es selbstverständlich, nach dem Spielen einen Groschen in die Sammelbüchse auf dem Schrank zu werfen, „für Bäume in Israel“. Man muss schließlich etwas tun. Insofern könnte es so etwas wie frühkindliche Prägung sein, die sie dazu brachte, für den Vorsitz zu kandidieren, nachdem der Gemeinde die Mitglieder davonliefen, die zahlungskräftigen aus der besseren Gesellschaft West-Berlins und die prominenten wie der Historiker Julius Schoeps.
Man muss etwas tun – dieser Prämisse verdankt Lala Süsskinds Familie letztlich auch ihr Überleben. Zwar weiß sie nicht allzu viel über deren Geschichte, denn ihre Eltern weigerten sich zäh, über die Vergangenheit zu sprechen. Doch immerhin so viel: lda und Joseph Rubin, geboren in Bialystok und der Nähe von Warschau, überlebten den Holocaust nur, weil sie 1943, jung verheiratet, nach Russland flohen. „Sie ahnten wohl, dass es zu gefährlich für sie wurde“, sagt Lala Süsskind. Die einzige Rubin, die von den Nationalsozialisten ermordet wurde, war eine Tante, die bei den Partisanen kämpfte. Aber wann, wie, wo sie starb und was für ein Leben die Rubins in Russland führen mussten, das haben Lala Süsskind und ihr Bruder nie erfahren. „Das Leben unserer Eltern begann in einem Camp für Displaced Persons in Berlin.“ Irgendwann lernten die Kinder, das Schweigen zu akzeptieren und mit der Zeit sogar zu schätzen. „Wir haben kein Second-Generation-Syndrom, wie viele andere, deren Eltern ständig über den Holocaust sprachen.“ Was auch immer man mitnimmt aus einer solchen Herkunftsgeschichte, eine gewisse Zukunftsgewandtheit ist sicher dabei. Nach vorne denken, nicht nach hinten schauen. „Es heißt doch so schön hier in Berlin, für dit Jewesene jibt der Jude nüscht“, sagt sie.
Also machte sich Lala Süsskind daran, ein eigenes Bündnis zu gründen, um die Einheitsgemeinde wieder zu einen. Lala Süsskind und ihr Team müssen eine Menge Kredit haben bei den Gemeindemitgliedern, immerhin 13 von 21 Sitzen in der Repräsentanz hat Atid errungen. Und Stephan J. Kramer, der Generalsekretär des Zentralrats, den Atid wie auch Michel Friedman ursprünglich als Vorsitzenden gewinnen wollte, lobt sie überaus: „Lala Süsskind ist prinzipientreu, ausgewogen, religiös verankert – sie bringt eine Menge mit, um diese Gemeinde erfolgreich zu führen und zu befrieden.“ Das sind die Vorschusslorbeeren. Aber man sollte nicht meinen, dass daran niemand fleddern würde. Etwa an ihrem Versuch, den ehemaligen Zentralrats-Vize Michel Friedman zu inthronisieren. „Zu beschädigt durch die Hotelnummer“, heißt es. Lala Süsskind holt tief Luft, wenn sie auf Friedman angesprochen wird. Man solle dem Mann seine Fehltritte irgendwann einmal nachsehen, er habe sich entschuldigt und führe mittlerweile ein ganz anderes Leben. „Wir haben wenige Menschen von diesem politischen Kaliber“, sagt sie. „Und wir können jeden gebrauchen, der ernsthaft und konstruktiv in der Gemeinde mitarbeiten will.“ Alles andere bitteschön: jewesen.
Das würde Lala Süsskind wohl auch so manchem Neu-Zuwanderer aus den Gebieten der einstigen Sowjetunion und den alteingesessenen Westberliner Juden gleich mit einprägen. Den einen: Bitte ankommen im neuen Leben. Den anderen: Bitte akzeptieren, dass die Welt sich innerhalb von ein paar Jahren ändern kann. Mehr als 80 Prozent der Gemeindemitglieder kamen erst nach 1990 als sogenannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland. Also feiert man nun eben auch den 8. Mai, den Sieg der „großen, vaterländischen Armee“ über die Nationalsozialisten. Mit Orden und Veteranenchor. Und schwelgt auf Gemeindefeiern in Erinnerungen. Auf Russisch, versteht sich. Manch einem Westberliner Juden, der an seinem liberalen Umgang mit der Religion und dem Gedenken der Pogromnacht 1938 festhalten will, wird da zumindest schwummerig. Lala Süsskind empfiehlt in diesen Fällen: gegenrechnen. „Ohne die Zuwanderer hätte die Gemeinde schon längst dichtmachen müssen.“ Warum die ganze Aufregung?
Vor ein paar Jahren lernte Lala Süsskind in ihrem Bridge-Club eine Frau kennen. Sie unterhielten sich angeregt, stellten fest, dass sie beide Jüdinnen sind. „Sie lud mich eine Woche später zu einer Party zu sich nach Hause ein. Sechs Paare, alles Juden, und ich kannte keinen von ihnen.“ Keinen, obwohl sie als äußerst gut vernetzt gilt. „Sie waren alle deutsche Juden.“ In diesem Moment wurde ihr eines klar: „Zuwanderer sind wir alle.“
Im Alter von einem Jahr kam Lala Süsskind nach Berlin. Geboren wurde sie im niederschlesischen Reichenbach. „Meine Mama hatte rechts meinen Bruder, links mich und dann noch zwei Windeln dabei.“ Die Rubins, die Russisch, Polnisch und Jiddisch, aber kein Wort Deutsch sprachen, schlugen sich so durch. Die erste eigene Wohnung nach dem DP-Camp war ein Zimmer zur Untermiete in einem Haus zwischen Ruinen. Als Bäcker fand ihr Vater keine Arbeit mehr. „Wie hat man sich nach dem Krieg hier wohl über Wasser gehalten, ohne Arbeit und Besitz?“ Joseph Rubin ging auf den Schwarzmarkt. „Man hat uns am Anfang auch nicht gemocht, wir waren die Ostjuden.“ Diese Geschichte erzählt Lala Süsskind jedem neuen Gemeindemitglied, das sich bei ihr über das jüdische Establishment beklagt. „Ich sage unseren Neuankömmlingen immer: Geduld, in zehn Jahren habt ihr euren Platz gefunden.“ Lala Süsskind muss es wissen.

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