Terror

Gefahr für alle

Die islamistische Gewalt bedroht nicht nur einzelne Menschen, sondern die europäische Gesellschaft als Ganzes

24.03.2016 – von Peter R. NeumannPeter R. Neumann

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Terror ist terrorisierend. Dieser Effekt wurde an diesem Dienstag in Brüssel wieder deutlich. Die Anschläge dort waren eben nicht nur wegen der mehr als 30 Toten und 230 Verletzten so schockierend, sondern auch, weil die Ziele wahllos ausgewählt schienen. Je mehr Menschen damit rechnen müssen, Ziel terroristischer Angriffe zu werden, desto terrorisierender ist Terror.

Dabei müssen wir davon ausgehen, dass wir hier in Europa erst am Beginn einer neuen Terrorwelle stehen. Sie ist eine Bedrohung – nicht zuletzt für die Juden Europas. Es wird weiterhin Angriffe auf Ziele geben, die ins ideologische Schema der Dschihadisten passen. Dazu gehören auch Synagogen, jüdische Gemeindeeinrichtungen oder Geschäfte.

syrien Meine Prognose klingt deshalb bedrohlich, weil sie es ist: Dschihadisten bedrohen Europa als Ganzes, die Wurzel der neuen Terrorismuswelle ist die Krise in Syrien und im Irak. Wir leben im Zeitalter der Globalisierung. Was im Nahen und Mittleren Osten passiert, hat unmittelbare Konsequenzen für die Sicherheit in Europa. Auch wenn die Mehrheit der dschihadistischen Bewegung im Nahen Osten aktiv ist und dort zahlenmäßig erhebliche Zuwächse verzeichnen kann, waren die Anschläge von Paris, Kopenhagen und jetzt in Brüssel ein dramatischer Hinweis darauf, was sich in Zukunft auf den Straßen Europas abspielen wird.

In den vergangenen drei, vier Jahren haben wir eine ungewöhnlich starke Mobilisierung von Dschihadisten erlebt. Es gibt Unterstützer des Islamischen Staates, die hier leben und für die der Islamische Staat als Inspiration und Utopie dient. Um dies klarzustellen: Es geht nicht um »die Muslime« oder »den Islam«. Es geht um eine Minderheit, die den Islam für sich in Anspruch nimmt. Ich sage nicht: Das hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun. Aber es hat nichts mit dem Islam zu tun, wie er von 99 Prozent der Muslime praktiziert wird.

Terrorismus ist nicht nur einfach Gewalt, sondern er ist Gewalt mit einem politischen Zweck. Es ist zu beobachten, dass terroristische Anschläge in einigen europäischen Ländern eine Art Polarisierung auslösen; dass sich die Terroristen gegenseitig hochschaukeln; dass rechte Parteien daraus Kapital schlagen; dass jüdische Gemeinschaften stark verunsichert sind und darüber nachdenken, Europa zu verlassen.

gesellschaftsmodell Das nach dem Zweiten Weltkrieg entstandene Gesellschaftsmodell ist bedroht. Dieses Modell sah Europa als einen Kontinent, in dessen Demokratien Menschen unterschiedlicher ethnischer und religiöser Herkunft friedlich miteinander leben können. Dass sich Juden Gedanken machen, ob sie überhaupt in Europa bleiben können, ist eine dramatische Entwicklung und direkte Konsequenz terroristischer Bedrohung – deshalb ist es so wichtig, dass man sie bekämpft.

Wir sind es, die dafür sorgen müssen, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion friedlich zusammenleben können. Wir müssen den Populisten entgegentreten, die versuchen, aus dieser Situation Kapital zu schlagen. Die Konsequenzen dieser Anschläge sind nicht nur die Opferzahlen. Es sind auch politische Konsequenzen: Werden wir uns in Europa polarisieren lassen? Werden wir es zulassen, dass unser Gesellschaftsmodell infrage gestellt wird? Wir müssen uns an diese Bedrohung gewöhnen. Dennoch sind wir keineswegs machtlos. Der Zweck des Terrors ist es, uns ein Gefühl der Machtlosigkeit zu vermitteln. Deswegen ist die wichtigste Antwort auf Terror, eine selbstbewusste Gesellschaft aufrechtzuerhalten.

Doch das Problem in vielen europäischen Ländern ist die Abwesenheit einer systematischen Präventionsstrategie. Das gilt auch für Deutschland und Frankreich. Es kann nicht sein, dass 15 Jahre nach 9/11 Terrorismus- und Extremismusprävention immer noch ohne den notwendigen Enthusiasmus betrieben wird.

prävention In Paris etwa wird erst jetzt mehr Geld für Sicherheit ausgegeben, und Präventionsmaßnahmen, die bislang unmöglich schienen, werden beschlossen. Doch der elementar wichtige Datenaustausch funktioniert nach wie vor überhaupt nicht. Es gibt keine Datei, in der die Namen aller Auslandskämpfer, die nach Syrien gegangen sind, zusammengeführt werden. Das bedeutet, dass Kämpfer aus dem Islamischen Staat, die in Europa Anschläge planen, nach wie vor hier einreisen können – mit der großen Wahrscheinlichkeit, dass die Sicherheitsbehörden nichts davon bemerken.

In Sachen Aufbau und Struktur der Sicherheitsapparate, Technik, Aufklärung und Datensysteme kann Europa sehr viel von Israel lernen. Auch von der Art und Weise, mit Terror zu leben.

Fest steht: Die Situation ist gefährlich. Wer Demokratie und das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in Europa bewahren will, braucht einen Präventionsansatz, der den Zusammenhang zwischen allen Formen der Radikalisierung versteht. Wir müssen vernünftig und besonnen reagieren. Denn das europäische Gesellschaftsmodell steht auf dem Spiel.

Der Autor ist Experte für islamistischen Terrorismus. Er lehrt am Londoner King’s College und hat 2015 das Buch »Die neuen Dschihadisten: ISIS, Europa und die nächste Welle des Terrorismus« veröffentlicht.

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