Literatur

»Aliens mögen Juden nicht«

Gideon Böss über Religionen im Vergleich, das Judentum und das fliegende Spaghettimonster

24.03.2016 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

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Herr Böss, für Ihr neues Buch »Deutschland, deine Götter« haben Sie sich auf Entdeckungsreise zu den 30 größten Religionsgemeinschaften in Deutschland begeben. Was haben Sie dabei übers Judentum erfahren?
Dass das Judentum die großen monotheistischen Religionen geprägt hat, wusste ich im Groben schon vorher. In welchem Maße das aber der Fall ist, hat mich dann doch verblüfft. Das Judentum ist eine Art theologischer Steinbruch, aus dem Christentum und Islam sich eifrig für den Bau ihrer eigenen Religionen versorgt haben.

Welchen Eindruck haben Sie vom Judentum im Vergleich zu den anderen Religionen gewonnen?
Es ist auf jeden Fall die wirkmächtigste Religion mit vielen bis heute prägenden Protagonisten. Wären Religionen Fußballmannschaften, hätte der 1. FC Judentum mit Spielern wie Abraham, Isaak, Jakob oder Moses einige der absoluten Superstars in seinen Reihen. Außerdem gibt es nur wenige Religionen, die eine solche Vielfalt an Lebens- und Glaubensvorstellungen hervorgebracht haben, von ultraorthodox bis extrem liberal. Und gleichzeitig ist es eine sehr friedfertige Religion.

Sie haben auch die Anhänger des fliegenden Spaghettimonsters, Scientology und die Hexenreligion Wicca besucht. Welchen Glauben finden Sie am skurrilsten?
Die Pastafarianer sind ganz schön abgedreht. Das haben nur noch die Raelisten getoppt.

Weshalb?
Raelisten gehen davon aus, dass wir von höher entwickelten Menschen geklont wurden, und wollen ihnen nun eine Botschaft in Jerusalem – ausgerechnet dort! – bauen, damit diese Aliens uns besuchen können. Ach so, schlechte Nachrichten: Die Aliens mögen Juden nicht, weil sie sich von ihnen verraten fühlen. Antisemitismus gibt es also auch im Weltall.

Rund 65 Prozent aller Deutschen sind in einer Religion organisiert. Was suchen die Menschen im Glauben – und was finden sie?
Sie suchen entweder Sicherheit in existenziellen Fragen oder sozialen Anschluss – oft auch beides zugleich. Es beruhigt viele religiöse Menschen, zu wissen, dass da ein größerer Sinn hinter allem steht. Ein Pastor sagte mir etwa, dass er den Tod seines Sohnes vor allem deswegen verkraften konnte, weil er weiß, dass Gott sich etwas dabei gedacht hat.

Hat sich Ihre persönliche Einstellung zur Religion durch das Buch verändert? Und gibt es einen Glauben, der Ihnen am sympathischsten ist?
Ich bin nicht gläubig und hatte auch nie ein Bedürfnis danach. Daran hat auch meine Reise nichts geändert. Ich halte es mit Schopenhauer: Glaube und Wissen sind wie Wolf und Schaf in einem Käfig. Aber ich nehme keinen Anstoß an der Religion. Für mich ist jede in Ordnung, wenn sie Menschen weder daran hindert, sie zu verlassen, noch gewaltsam versucht, sie zum Glauben zu zwingen.

Mit dem Berliner Publizisten und Journalisten sprach Philipp Peyman Engel.

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