Wieso, weshalb, warum

Ma’aser Seman

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

24.03.2016 – von Yizhak AhrenYizhak Ahren

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Der viel zitierte Spruch »Zeit ist Geld« stammt aus der Feder von Benjamin Franklin (1706–1790). Der berühmte amerikanische Politiker wollte vor Zeitverschwendung warnen: Du könntest diese Zeit besser zum Geldverdienen nutzen!

Schon lange vor Franklin haben die Rabbinen jede Form der Zeitverschwendung kritisiert. Sie dachten allerdings nicht nur an Geld für geleistete Arbeit, sondern auch an eine überirdische Belohnung für gute Taten.

In der Mischna lesen wir: »Rabbi Tarphon sagt: Der Tag ist kurz, die Arbeit ist groß, die Arbeiter sind träge, der Lohn ist reichlich, und der Hausherr drängt« (Sprüche der Väter 2,20). Rabbiner Seckel Bamberger (1863–1934) kommentierte dies wie folgt: »Der Tag, das Leben in dieser Welt, ist kurz. Die Arbeit, die Aufgabe, die der Mensch nach den Vorschriften der Tora zu lösen hat, ist groß. Die Arbeiter sind träge, die Menschen sind lässig in der Erfüllung ihrer Pflichten. Sie vergeuden oft die Zeit ihres Daseins mit Nichtigem, obwohl der Lohn, den die gute Tat in dieser und in der kommenden Welt einbringt, reichlich ist, und obwohl der Hausherr, der allmächtige Lenker und Herrscher der Welt, drängt, durch Heimsuchungen und Strafen den Menschen an seine Aufgabe erinnert.«

Nächstenliebe Die Tora macht Nächstenliebe zu einer Pflicht. Zahlreiche Vorschriften des Religionsgesetzes erinnern uns Juden daran, dass wir nicht egoistisch leben dürfen. Stets sollte man Hilfsbedürftigen beistehen. Da unsere Ressourcen begrenzt sind, gilt es immer wieder abzuwägen, wie viel Geld und Zeit wegzugeben wir uns leisten können. Der Talmud (Ketubot 50a) schreibt vor: »Wer verschwenderisch spendet, verschwende nicht mehr als ein Fünftel, damit er nicht selbst der Menschen bedürftig werde.«

Der Brauch verlangt, dass jeder jüdische Mensch zehn Prozent seines Einkommens (hebräisch: Ma’aser Kesafim) für wohltätige Zwecke spendet. Wer besonders großzügig sein möchte, soll bis zu 20 Prozent seines Einkommens weggeben, mehr jedoch nicht.

Diese Marge von Ma’aser Kesafim hat Rabbiner Mosche Feinstein (1895–1986) auf eine Zeitspende (hebräisch: Ma’aser Seman) übertragen. In einem Responsum (Igrot Mosche, Even HaEser Band IV, Nr. 26) hat Feinstein entschieden, dass Toragelehrte zehn Prozent ihrer Studienzeit dazu verwenden sollen, mit Schülern Tora zu lernen, obwohl sie dadurch die Zeit für ihre eigenen Forschungen verkürzen. Er merkt an, dass man etwa bis zu 20 Prozent der Zeit weggeben darf.

Als Beleg für die Zulässigkeit von Ma’a-ser Seman führt Rabbiner Feinstein eine Geschichte aus dem Talmud (Eruwin 54b) an: Rabbi Perida hatte einen Schüler, der offenbar schwer von Begriff war. Jede Lehre musste 400-mal wiederholt werden, bevor dieser Schüler sie begriff. Doch nie verlor Rabbi Perida bei diesem Unterricht die Geduld. Für sein Zeitopfer hat der Ewige ihm eine außerordentliche Belohnung zugesagt.

Pflicht Für unsere heutige Praxis ist eine Bemerkung von Rabbiner Avigdor HaLevi Nebenzahl (geboren 1935) von Bedeutung. Er legte fest, dass Juden ihre Pflicht, Glaubensgenossen ihrem Vater im Himmel zurückzubringen, auch durch eine Spende an eine entsprechende Organisation erfüllen können. Hier zeigt sich, dass Geld manchmal Zeit ersetzen kann.

Von unserem Stammvater Awraham wissen wir, dass er Ma’aser gegeben hat (1. Buch Mose 14,20). Sein Enkel Jakow gelobte: »Und alles, was Du mir gibst, will ich Dir verzehnten« (28,22). Das Wort »alles« (hebräisch: kol) ist in diesem Satz scheinbar überflüssig. Aber genau aus diesem Wort »kol« leitete ein Gelehrter ab, dass Ma’aser nicht auf Geld beschränkt ist. Von allen Fähigkeiten, die Gott uns verliehen hat, sollen auch Bedürftige profitieren. Jede Person weiß selbst am besten, wie sie Ma’aser Seman geben kann.

Um Angebot und Nachfrage aufeinander abzustimmen, kann man eine »Zeitbank« einrichten. In einem Jerusalemer Gemeindezentrum gibt es eine solche Einrichtung. Dort melden sich Leute, die freie Stunden und besondere Talente haben, und solche, die eine bestimmte Form der Unterstützung benötigen. Beiden Seiten kann ohne großen Aufwand geholfen werden.

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