Brasilien

Vorsicht, Mücken!

Die Dengue- und Zika-Epidemie veranlasst die jüdische Gemeinde zu noch mehr Prävention

17.03.2016 – von Klaus HartKlaus Hart

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Selbst in den geschönten offiziellen Statistiken geht die Zahl der Zika-Virus-Neuinfektionen steil nach oben, seit Jahresanfang starben bereits Hunderte Menschen. In- und ausländische Wissenschaftler empfehlen, die Olympischen Sommerspiele von Rio de Janeiro abzusagen. Die Lage ist dramatisch. Immer mehr verelendete Mütter lassen ihre mit zu kleinen Köpfen geborenen Babys in Kliniken zurück.

Das Gesundheitsministerium, die Epidemie-Stäbe müssen ständig auf neue, unvorhergesehene Probleme reagieren: Banditenkommandos tarnen sich als Bekämpfer der Überträger-Moskitos, um vor allem ältere Menschen in ihren Häusern und Wohnungen auszurauben.

Brasiliens Juden erhalten tagtäglich besorgte Anrufe von Verwandten aus dem Ausland, können Beruhigendes mitteilen und mahnen, die Lage doch bitte etwas differenzierter zu betrachten. Zwar sind die Medien des Landes voll vom Epidemie-Desaster – doch in den jüdischen Fernsehprogrammen fehlt das Thema völlig. Roni Gotthilf in São Paulo, der mit seiner PR-Agentur für das Marketing zahlreicher jüdischer Unternehmen zuständig ist, weist auf die extremen sozialen Kontraste in Brasilien hin, auf Krankheiten wie Lepra, Cholera und Typhus, die vor allem in den Favelas grassieren. In den jüdischen Wohnvierteln betreibe man deshalb seit jeher effiziente Krankheitsvorsorge wie in westlichen Ländern.

Slums São Paulos jüdisches Viertel Higienopolis liegt weit entfernt von den mehr als 2500 Favelas der Megacity – doch in Rio de Janeiro grenzen etliche Mittelschichtsviertel, in denen Juden wohnen, direkt an Slums, in denen Fiebermoskitos allerbeste Bedingungen finden. »Ich habe einen großen Garten am Haus«, sagt Roni Gotthilf, »doch die vielen Moskitos darin übertragen keine Krankheiten.« Gleiches gelte für den ausgedehnten, parkartigen und hervorragend gepflegten »Club Hebraico« der jüdischen Gemeinde. »Die von Kloake verseuchte Guanabarabucht und der Stadtsee Lago Rodrigo de Freitas in Rio hingegen sind nicht ungefährlich – dort muss man aufpassen!«, betont Gotthilf.

Um die Ausbreitung des Zika-Virus einzudämmen, hat ein Rabbiner in Rio gar erlaubt, am Schabbat Mücken zu erschlagen, denn sie gefährden das Leben.

Juden in Rio berichten von einigen Dengue-Fällen in der Gemeinde – man nutzt jetzt mehr Anti-Mücken-Spray und verzichtet auf Spaziergänge im Botanischen Garten. Virenexperte Pedro da Costa Vasconcelos, einziger Brasilianer im Zika-Notstandsteam der UN-Weltgesundheitsorganisation WHO, ließ kürzlich alle politische Korrektheit fahren: »Brasiliens Städte sind dreckig, optimal für die Moskitos – aber auf Rio trifft dies besonders zu. Die Stadt ist der größte Exporteur des Zika-Virus in den Rest des Landes – und müsste daher die Epidemien besonders intensiv bekämpfen.«

soldaten Doch davon kann keine Rede sein. Brasiliens Regierung setzt zwar mehrere Hunderttausend Soldaten zur Moskitobekämpfung ein. Aber in die gefährlichsten, mit stinkendem Müll übersäten, am meisten von Mücken verpesteten Slums geht das Militär nicht hinein, weil es sich um Hochburgen des organisierten Verbrechens handelt. Feuergefechte, gar mit vielen Toten auf beiden Seiten – das gäbe gerade vor Olympia entsetzliche Schlagzeilen.

Westliche Fernsehteams werden heranzitiert, wenn Staatschefin Dilma Rousseff in Zika-verseuchten Slums selbst Hand anlegt, Gift gegen Mückenlarven in Trinkwasserbehälter und Kloaken träufelt, den Leuten Präventionsratschläge gibt. Doch das Gros der Brasilianer reagiert mit Spott. Denn seit Jahrzehnten beteuert der Staat, die Überträgermoskitos nun aber wirklich auszurotten. Erste Regierungsversprechen dieser Art stammen aus den 30er-Jahren. »Überall stinkende Abwässer«, sagt die jüdische Bankangestellte Lucia Vasconcellos. »Jahrelang wurde gegen Epidemien nichts unternommen, den Moskitos geht es super!«

Die Wirtschaftskrise und Massenentlassungen haben das Heer der Obdachlosen wachsen lassen. Jene, die sich nachts verzweifelt auf Plätzen und unter Brücken zum Schlafen legen, sind bevorzugte Opfer der Mückenschwärme. Gefährliche Viren haben wegen des geschwächten Immunsystems der Verelendeten leichtes Spiel. Diese Menschen reißen die überall an den Straßen abgestellten Müllsäcke auf, schlingen stinkende Essensreste in sich hinein. Moskitos und Ratten stürzen sich auf diesen Müll und finden prächtige Ausbreitungsbedingungen vor.

Staatschefin Rousseff appelliert an ihre Landsleute, in Haus und Grundstück vor allem Pfützen, gar Wasseransammlungen in Blumentöpfen zu vermeiden – wegen der Moskitolarven. »Will sie uns veralbern?«, fragen auch viele Juden. Denn gerade jetzt fällt jahreszeitlich bedingt fast täglich heftiger Regen und sorgt landesweit für ständig neue Pfützen – beste Bedingungen für die Fiebermoskitos.

seuchen Der Seuchen-Notstand kommt für die Brasilianer nicht überraschend. Vergangenes Jahr erlebte das Land die schlimmste Zika- und Dengue-Epidemie seiner Geschichte. Offiziell wurden rund 1,6 Millionen Krankheitsfälle gezählt, Tausende Infizierte starben, die Dunkelziffer ist hoch. Unter Rousseff und ihrem Vorgänger Lula sind in Brasilien die Dengue- und Zika-Regionen um das Vierfache angewachsen. Das teils tödliche Denguefieber tritt damit auf über 80 Prozent der Landesfläche auf.

In der jüdischen Gemeinde ist man über die bewusste Fahrlässigkeit der Regierung empört und sieht die politische Verantwortung für den aktuellen Zika-Notstand in der bizarren Koalition, die seit 2003 mit rund 20 Parteien regiert.

Schwangere Frauen nebeln sich selbst im Restaurant mit Mückenspray ein. Das scheint verständlich – schockierende Fotos von Kleinkindern mit Mikrozephalie sind täglich in den Medien. Das beunruhigt auch junge jüdische Ehepaare. Eines – die Frau ist im zweiten Monat schwanger – hält sich gerade bei Verwandten in Paris auf. Jetzt zurückkehren nach Brasilien? Lieber nicht! Bis zur Entbindung bleibt man besser in Frankreich.

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